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Mainzer Carneval-Verein : Das Leben ist kein Tanzlokal

Schwellkoepp, Köpfe aus Pappmache, bei der Fastnachtssitzung in Mainz Bild: ddp

Für die Mainzer Fastnachter kam die Finanzkrise gerade noch rechtzeitig. Zumindest früh genug, um in Vorträge und Lieder eingearbeitet zu werden. In der Kampagne 2009 sind Bankangestellte die Zielscheibe für Hohn und Spott.

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          Die Krise ist woanders. Jedenfalls nicht in der Rheingoldhalle, wo Richard Wagner, sichtlich gutgelaunter Präsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), gar nicht mehr aufhören will, die zum Teil von weither angereisten Besuchergruppen zu begrüßen: „150 Gäste der Gesellschaft ,Casino Hof zum Gutenberg‘“ beispielsweise, die sich unverzüglich mit Helau und Getöse im mehr als 2000 Menschen fassenden Saal bemerkbar machen. Wagner hat noch „60 Schlaraffen“ ausgemacht, „30 Rotarier aus Augsburg“, weitere „30 Sitzungsbesucher aus Düsseldorf“ sowie nicht zuletzt (trotz Wirtschafts-, Finanz- und Automarktkrise) immerhin „20 Gäste der Daimler-Benz AG“. Schließlich ist Prunkfremdensitzung, und da werden selbst die Nachbarn aus Wiesbaden herzlich begrüßt: „Weil wir ohne Sie an Fastnacht ja gar keine Witze machen könnten.“

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Die größten Nullen

          Dabei müssen sich die von der linken Rheinseite aus betrachtet bisweilen hochnäsig wirkenden Kurstädter in diesem Jahr mit einer „Nebenrolle“ begnügen. In der Kampagne 2009 sind Bankangestellte die Zielscheibe für Hohn und Spott. Wenn Erhard Grom, Protokoller des Mainzer Carneval-Clubs (MCC), sein Schild mit einer Fünf und elf Nullen nach oben hält, weiß jeder im Saal, dass es erstens um das Banken-Rettungspaket und zweitens um die größten Nullen aus Politik und Wirtschaft geht. Andernorts legt ein Redner zehn Euro auf das neben ihm stehende Sitzmöbel, um dem Publikum in Erinnerung zu rufen, „wie das aussieht, wenn echtes Geld auf einer Bank liegt“. Dass jene, die früher selbst Aktien gezeichnet haben, heute von den Aktien gezeichnet sind, will Jürgen Dietz festgestellt haben, der beim MCV seit nunmehr 24 Jahren als „Bote vom Bundestag“ auf die Bühne kommt.

          Zumindest die Fastnachter, allzumal die Mainzer, die sich als Hort der politisch-literarischen Rede verstehen, gehören zu den Krisengewinnlern. Kaum ein Redner und nur wenige Gesangsgruppen verzichten darauf, die unersättlichen Banker an den Pranger zu stellen; dabei bisweilen aber auch dem verkleideten Saalpublikum – ob Prinzessin, Edelmann oder Ölscheich – den Narrenspiegel vorzuhalten.

          Gerade rechtzeitig, um noch in die Anfang Oktober beginnende Reim- und Dichtarbeit einfließen zu können, aber schon zu spät, um den ebenfalls im Herbst einsetzenden Kartenvorverkauf aufzuhalten, kam die Krise gleichsam „zum richtigen Zeitpunkt“. Dabei habe die Fastnacht auch früher schon in wirtschaftlich schwierigen Jahren besonders starken Zuspruch erfahren, meint Thomas Neger, der als Stimmungskanone beim MCV in die Fußstapfen des „singenden Dachdeckermeisters“, seines Großvaters Ernst Neger, getreten ist.

          Kein billiges Vergnügen

          In der dreimal elf Minuten währenden Vergnügungspause sind die Tische im Foyer der Rheingoldhalle eingedeckt wie eh und je: Ein Ingenieurbüro hat an diesem Samstagabend reservieren lassen und eine Projektentwicklungsgesellschaft: Offenbar müssen noch nicht alle Firmen kleine Brötchen backen. Riesengarnelen oder Gourmet-Teller sind für um die 20 Euro zu haben, wer sich mit Russischen Eiern begnügt, zahlt knapp die Hälfte. Und anders als nach der Euro-Einführung wird auch nicht mehr laut über die Getränkekarte in der Rheingoldhalle geklagt, wo eine Flasche Wasser 7,70 Euro, Wein zwischen 13,90 und 24 Euro sowie Sekt in etwa das Doppelte davon kostet. Rechnet man die bis zu 30 Euro teure Eintrittskarte hinzu, ist das kein „billiges Vergnügen“. Irgendwie müssen die rund 25 Millionen Euro ja zusammenkommen, die laut einer mittlerweile gut zehn Jahre alten Studie während einer Fastnachtskampagne in Mainz umgesetzt werden sollen.

          Kein Pappenstiel sind auch jene bis zu 300.000 Euro, die der Mainzer Carneval-Verein und seine Sponsoren für den möglichst reibungslosen Ablauf des Rosenmontagszugs jährlich ausgeben. Damit das Werk abermals gelingt, wird in der MCV-Wagenhalle – noch bis Mittwoch unter strengster Geheimhaltung – an den „gebauten Karikaturen“ gewerkelt, mit denen am 23. Februar vor allem die Politiker aufs Korn genommen werden sollen. Wie in den vergangenen Jahren, als etwa der Gammelfleischskandal, das Rauchverbot sowie die höhere Mehrwertsteuer und Benzinpreissprünge Themen waren, fiel die Auswahl laut Zugmarschall Ady M. Schmelz auch für 2009 nicht leicht.

          Obama und eine hessische „Asylanti“

          Selbstverständlich werde „Obama“ zu sehen sein, einer der insgesamt 15 Wagen sei „verarmten Bankern“ gewidmet, ein anderer der hessischen „Asylanti“, die stark eingelaufene SPD-Wäsche aufhängen müsse. Nur die Chaostage im Vatikan kamen zu spät, um dem Papst ebenfalls eine närrische „Würdigung“ zuteil werden zu lassen, sagt Schmelz. Und der lokale Aufreger, das umstrittene Kohleheizkraftwerk, soll mit einem Grillfest ins Bild gesetzt werden.

          Sprachlos waren die Mainzer Narren in jüngster Zeit nur ein einziges Mal: Als 1991 der Golf-Krieg ausbrach, wurde das vierfarbbunte Treiben abgesagt. Bei der globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hat sich diese Frage erst gar nicht gestellt. Wusste doch schon Ernst Neger in seinem „Heile, heile Gänsje“: Das Leben ist kein Tanzlokal. Das Leben ist sehr ernst. Drum trag, was Du zu tragen hast. Geduldig mit Humor.

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