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Mainz : Verein plant muslimische Schule

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Sprachhindernisse blockieren ausländische Kinder häufig schon in der Grundschule, wiederholtes Sitzenbleiben führt zu Frustrationen und schlechten Leistungen, die schließlich in Ausbildungsdefiziten und schlechtem sozialen Status mündeten. Um die Bildungsmisere zu vermeiden und die Integrationschancen zu verbessern, will der Arab Nil-Rhein Vereins im Mainzer Stadtteil Hartenberg-Münchfeld eine muslimische Grundschule einrichten.

          Über die Existenz von Parallelgesellschaften wird gestritten, aber Parallelbildung ist laut Statistik Fakt: Im vergangenen Jahr verließ jedes siebte ausländische Kind in Mainz die Schule ohne Abschluß, fast die Hälfte der 389 Migrantenkinder beendete die Hauptschule, ein Fünftel erwarb die mittlere Reife, und nur 15 Prozent von ihnen hatten Abitur.

          Bei den einheimischen Schülern herrscht ein umgekehrtes Bild vor: Fast die Hälfte der 1747 Deutschen, die im vergangenen Jahr in Mainz die Schule verließen, konnte nach dem Gymnasium studieren, ein Drittel erwarb die mittlere Reife, und nur bei 17 Prozent der Mainzer Mädchen und Jungen war die vorerst letzte Bildungsinstitution eine Hauptschule. Nur ein deutsches Kind war unter den 38 ohne Abschluß.

          Unterstützung vom Ausländerbeirat

          Für Britta Haberl, Vorstandsmitglied des 80 Mitglieder zählenden Arab Nil-Rhein Vereins, belegen diese Zahlen ein Bildungs- und Integrationsdilemma. Am Donnerstag erhielten Haberl und ihre Mitstreiter vom Ausländerbeirat der Stadt für ihre geplante Grundschule auf dem Gelände der Dragonerkaserne Unterstützung.

          "Integrationsfördernde Grundschule für muslimische Kinder" ist das Konzept des Vereins überschrieben, das seit Wochen in der Mainzer Lokalpresse und der Kommunalpolitik kontrovers diskutiert wird. Die CDU meldet Bedenken an, eine Trennung der Schüler nach Herkunft behindere die Integration, die Republikaner befürchten "Islamisierung", SPD und FDP sind prinzipiell aufgeschlossen.

          Wogen haben sich geglättet

          Die Wogen haben sich zur Freude des Vereinsvorsitzenden Samy El Hagrasy inzwischen etwas geglättet: "Wir wollen uns nicht abkapseln, sondern als Muslime etwas Gutes für die Gesellschaft tun. Wir träumen von einem Super-Ruf."

          Eine frühzeitige und gezielte Förderung der deutschen Sprache, Unterrichtssprache in allen Fächern, soll an der konfessionell muslimisch ausgerichteten Schule im Vordergrund stehen. Inhalt des Religionsunterrichts an der öffentlich zugänglichen Grundschule wäre der sunnitische Islam. Die Erziehung fußt laut Konzept auf der Vermittlung von Respekt und Toleranz, Eltern sollen pädagogisch weitergebildet werden.

          Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg

          Waldorfpädagogische Elemente sollen in Kooperation mit der interkulturellen Waldorfschule in Mannheim in den Unterricht einbezogen werden. Der Schulträger plant, beim Aufbau des Schulkonzepts mit dem pädagogischen Institut der Universität Hamburg zusammenzuarbeiten, das federführend am Bund-Länder-Modellprojekt "Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund" beteiligt ist. Der Austausch mit anderen Schulen und Bildungseinrichtungen ist beabsichtigt.

          Ob der Arab Nil-Rhein Verein, der vor sieben Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, den interkulturellen Dialog zu fördern, den Zuschlag für das bevorzugte Gelände erhält, ist weiter ungewiß. Zwar hat die Stadt eine Bauvoranfrage positiv beschieden, doch über die Vergabe entscheidet die Bundesanstalt für Immobilienverwaltung als Eigentümerin.

          Schulgeld von bis zu 100 Euro im Monat

          Dort hieß es gestern, daß mit einer Entscheidung zwischen drei Bewerbern innerhalb von zwei Wochen zu rechnen ist. Doch ein Gebäude macht noch keine Schule: Das erste und letzte Wort über den Antrag des Trägers hat das Bildungsministerium. Der will zwar den Unterricht nach Maßgabe der staatlichen Rahmenlehrpläne erteilen. Dem Ministerium zufolge sei der erstmals 2002 gestellte Antrag aber noch unvollständig und längst nicht entscheidungsbereit.

          Nicht gerade einfach dürfte es für den kleinen Verein auch werden, die Grundschule zu finanzieren. Aussicht auf staatliche Unterstützung besteht bei privaten Schulen erst nach drei Jahren. Bis dahin will sich der Träger, der auf einen Unterrichtsbeginn 2006 hofft, innerhalb Deutschlands um private Kredite und Spenden bemühen.

          An einem Schulgeld in Höhe von monatlich 80 bis 100 Euro wird wohl kein Weg vorbeiführen, sagte Britta Haberl. Da aber viele potentielle Schüler aus eher sozial schwachem Elternhaus stammen, wird auch über Stipendien nachgedacht.

          Verantwortliche muslimische Organisation unklar

          Der Ausländerbeirat hat das Konzept am Donnerstag befürwortet: "Ich frage mich, warum sich diese Schule in einer Stadt, in der es etliche konfessionelle Schulen gibt, rechtfertigen muß", äußerte Beiratsmitglied Alper Kömür.

          Das evangelische Dekanat zeigt Verständnis für das Bedürfnis nach einer konfessionellen Schule, um die religiöse Identität zu wahren, hegt aber bei der im Lehrplan verankerten Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen und bei der Sexualerziehung Bedenken. Außerdem sei unklar, welche muslimische Organisation für die Schulbehörden genereller Ansprechpartner ist.

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