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Mainz : Mit ferngelenktem Wasserwerfer gegen Bomben

  • -Aktualisiert am

Vorhut: Mit dem sogenannten Fernlenkmanipulator können die Experten Bomben untersuchen und entschärfen. Bild: Michael Kretzer

Die Sprengstoffentschärfer des Landeskriminalamts in Rheinland-Pfalz werden stets gerufen, wenn Explosives gefunden wird – aber auch für einen herrenlosen Koffer.

          Langsam, aber zielsicher gleitet Teodor durch die Halle. Seine Aufmerksamkeit gilt einem verdächtigen Päckchen in einer Ecke des Gebäudes. Teodor ist ein sogenannter Fernlenkmanipulator. Er kommt dann zum Einsatz, wenn die Entschärfer des Landeskriminalamtes (LKA) Rheinland-Pfalz einen verdächtigen Gegenstand wie zum Beispiel einen herrenlosen Koffer aus sicherer Entfernung untersuchen oder bewegen möchten. Im Zweifel kann das mit Kamera und Greifarm ausgerüstete Raupenfahrzeug einem mutmaßlichen Sprengsatz mit einem Hochdruck-Wasserstrahl den Garaus machen.

          „Das würde alles zerfetzt“, sagt der Polizeibeamte, der den Roboter über ein Steuerpult zu dem Päckchen in der Gebäudeecke dirigiert und die Fahrt auf einem Bildschirm verfolgt. Doch auf den Schuss aus Teodors Hochdruck-Wassergewehr wird diesmal verzichtet. Denn bei der vermeintlichen Bombenentschärfung handelt es sich nur um eine Demonstration in der Tiefgarage des Landeskriminalamtes in Mainz.

          Kampfmittelräumdienst rückt bei Bomben und Munition an

          Dort hat sich gestern der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) über die Arbeit der „USBV-Entschärfer“ informiert. Die Abkürzung steht für „Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung“. Darunter versteht man selbsthergestellte Spreng- oder Brandsätze. Die Entschärfung von Bomben und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg obliegt dagegen dem Kampfmittelräumdienst des Bundeslandes.

          Für etwaige von Terroristen gebaute Sprengsätze sind die USBV-Entschärfer ebenso zuständig wie für gefährliche Pyrotechnik und sonstige Sprengstoffe. In letztgenannte Kategorie fällt laut LKA-Abteilungsleiter Albert Weber etwa der Fall von „Pulver-Kurt“. Der Waffennarr aus der Pfalz hatte in einer Scheune unter anderem große Mengen Sprengstoff gehortet, der später von den LKA-Experten auf freiem Feld in die Luft gejagt wurde. Fotos zeigten gestern weitere Einsätze: So waren in der vermüllten Wohnung eines Koblenzers zwei Kilogramm selbsthergestellte Sprengmittel gefunden worden. Die von Privatleuten gebastelten Explosivstoffe bestehen oft aus Materialien aus dem Baumarkt. Mitunter könne solch ein Gemisch schon beim Hineingreifen in die Luft gehen, berichten die Experten. In einem Jugendzimmer war die Polizei einmal auf 80 Kilogramm Pyrotechnik gestoßen. Die Feuerwerkskörper waren obendrein nicht zugelassen. Von einer „erheblichen Gefahr“ sprach der Leiter des Entschärferdienstes, Udo Jastrzembsky.

          Wie viele USBV-Entschärfer es im LKA gibt, will er nicht preisgeben. Zwischen 150 und 250 Mal im Jahr, so schätzte Jastrzembsky, fahren seine Leute von Mainz aus zu Einsätzen im gesamten Bundesland. Angefordert werden die Spezialisten, die rund um die Uhr Bereitschaft haben, normalerweise von den lokalen Polizeibehörden.

          Entschärfer setzen im Zweifel ihr Leben aufs Spiel

          Die USBV-Entschärfer in Rheinland-Pfalz sind allesamt Polizeibeamte, die eine mehrjährige Zusatzausbildung absolviert haben. Weber zufolge sind sie nicht nur für die Entschärfung und Entsorgung von Spreng- und Brandsätzen zuständig, sondern auch für das Erstellen von Gutachten. Überdies kommen sie immer dann hinzu, wenn Gebäude nach Sprengsätzen abgesucht werden müssen.

          Zu sehen waren auch die Hilfsmittel, die den Experten zur Verfügung stehen: angefangen vom mobilen Röntgengerät über einen Splitterschutzanzug bis hin zum Endoskop, um damit durch die Wohnungstür etwaige Gefahren zu erspähen. Gezeigt wurden zudem sichergestellte oder zu Anschauungszwecken nachgebaute Sprengvorrichtungen wie eine Paketbombe oder ein Fernzündmechanismus.

          Lewentz zeigte sich nach dem Besuch beeindruckt. Doch sei er froh, wenn die Fachleute ihre Fähigkeiten nicht im Alltag unter Beweis stellen müssten, sagte er – und erinnerte daran, dass die Entschärfer im Zweifel ihr Leben aufs Spiel setzen.

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