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Mainz : Keine Brezeln für Georg W. Bush

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Im Goldenen Buch der Stadt Mainz wird eine neue Seite aufgeschlagen. Wenn der amerikanische Präsident George W. Bush am 23.Februar seinen Namen einträgt, befindet er sich in illustrer Gesellschaft.

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          Im Goldenen Buch der Stadt Mainz wird eine neue Seite aufgeschlagen. Wenn der amerikanische Präsident George W. Bush am 23.Februar seinen Namen einträgt, befindet er sich in illustrer Gesellschaft. Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt hat in den vergangenen Jahrzehnten schon Erfahrungen mit gekrönten und ungekrönten Staatsoberhäuptern gesammelt. So zählten die englische Queen, Papst Johannes Paul II., der letzte sowjetische Ministerpräsident Michail Gorbatschow und der französische Staatspräsident Jacques Chirac zu den Gästen im Mainzer Rathaus.

          Der politisch wohl bedeutendste Staatsbesuch datiert vom 31. Mai 1989. Tags zuvor hatte der damalige amerikanische Präsident George Bush senior am Nato-Gipfel in Brüssel teilgenommen und in Bonn mit Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl gesprochen. In der Rheingoldhalle hielt er eine Rede, die den wegweisenden Titel "Für ein ungeteiltes Europa" trug. Hans-Dietrich Genscher, seinerzeit Außenminister, meinte später, nach dieser Rede sei Deutschland für die nachfolgenden Ereignisse gut aufgestellt gewesen. Bush habe mehr politische Freiheit im Osten, ein Berlin ohne Mauer und ein weniger militarisiertes Europa gefordert. Schon für sich genommen, seien das ehrenwerte Ziele, zusammen, so der Präsident damals wörtlich, "sind sie die Merkmale einer umfassenden Vision - ein Europa, das frei und in Frieden mit sich selbst lebt". Mit einem weiteren, später häufig zitierten Ausdruck faßte Bush an jenem Maitag in Mainz die Perspektiven der künftigen deutsch-amerikanischen Beziehungen zusammen. "Partners in Leadership" - als Freunde und Verbündete sollten Amerikaner und Deutsche eine Führungsrolle in der neuen Weltordnung übernehmen.

          Dieses Angebot seines Vaters wird George Bush junior wohl nicht wiederholen. Die erste Auslandsreise seiner zweiten Amtsperiode steht unter dem Schatten des Irak-Kriegs. So liegt die Vermutung nahe, Bush habe sich Mainz als Ort einer ersten Annäherung an Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ausgesucht, weil die öffentliche Aufmerksamkeit und die Gefahr von Gegendemonstrationen in der eher beschaulichen Landeshauptstadt nicht ganz so groß sind wie in Berlin. Daß diese Überlegung eine Rolle gespielt haben könnte, wird auch in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei nicht ausgeschlossen. Wichtigstes Argument sei jedoch, daß in keinem anderen deutschen Bundesland so viele amerikanische Soldaten stationiert seien, sagte ein Sprecher der Landsregierung.

          Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) sieht den amerikanischen Entschluß, Mainz als Reiseziel auszuwählen, auch in der geschichtlichen Bedeutung der Stadt begründet. Dank der bis in die Antike zurückreichenden Wurzeln habe der Name Mainz in Amerika einen guten Klang. Hinzu komme, daß der "Man of the Millennium", Johannes Gutenberg, in Übersee oft mehr Beachtung finde als hierzulande. Der Staatsbesuch werde den Bekanntheitsgrad der Stadt weiter steigern, hofft Beutel. Für einen Tag stehe Mainz im Blickpunkt aller öffentlichen Medien: "Das ist kostenlose Werbung."

          Ganz kostenlos wird der 23.Februar freilich nicht sein. Besonders die scharfen Sicherheitsvorkehrungen werden die Stadt schon in den Tagen zuvor in einen Ausnahmezustand versetzen. Ein Sprecher der Mainzer Polizei sagte am Donnerstag, es würden mehrere tausend Polizisten gebraucht. Nach Bekanntwerden des Termins sei ein Planungsstab eingesetzt und Urlaubs- und Freitage gestrichen worden: "Wir brauchen jeden, der laufen kann." Doch selbst dann sei die Aufgabe mit den 1500 Beamten des Polizeipräsidiums nicht zu bewältigen. Voraussichtlich werden neben amerikanischen Sicherheitskräften und Mitarbeitern des Bundeskriminalamts auch Polizeieinheiten aus ganz Deutschland im Einsatz sein.

          Wie hoch der tatsächliche Aufwand ist, hängt vom Programm ab, das Bush absolviert. Wie einst sein Vater besucht er am Tag zuvor Brüssel. Um welche Uhrzeit der Präsident nach Mainz kommt, ob er Zeit für eine Schiffahrt auf dem Rhein mitbringt oder einen Abstecher nach Wiesbaden macht, wird zur Zeit zwischen Berlin und Washington geklärt. Als einziger Programmpunkt steht bislang das Mittagessen um 12 Uhr fest. Offen ist, wo es eingenommen wird, wer mit am Tisch sitzt und was es zu essen gibt. Eine gewisse Mainzer Lokalspezialität werde man dem Präsidenten jedoch nicht servieren, so ein Mitarbeiter der Stadt. Schließlich sei bekannt, daß George W. Bush wegen eines verschluckten Brezelstücks schon einmal vom Sofa gefallen sei. MATTHIAS TRAUTSCH

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