https://www.faz.net/-gzg-1115f

Mainz : Flickwerk statt Fassadensanierung

Trügerischer Schein: Eine dicke Farbschicht überdeckt Mängel am Mauerwerk Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Weil die hochverschuldete Landeshauptstadt derzeit gar nicht mehr weiß, wie sie mit wenig Geld all die vielen Projekte stemmen soll, wird in den meisten Fällen auf Zeit gespielt - so auch beim Schloss. Mit jedem Tag schreitet der Verfall voran.

          2 Min.

          Die Haltbarkeitsdauer politischer Entscheidungen wird in Mainz zunehmend geringer. Nun hat es auch das Kurfürstliche Schloss erwischt, das eigentlich vom nächsten Jahr an für rund 15 Millionen Euro innen und außen saniert werden sollte. Und das wäre nur der erste Schritt, denn für die komplette Umgestaltung des dreigeschossigen Gebäudes in ein modernes Tagungs- und Kongresszentrum wurden schon vor Jahren mehr als 40 Millionen Euro veranschlagt.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Voraussetzung für diese „große Lösung“ ist der vom Land bereits angekündigte Umzug des Römisch-Germanischen Zentralmuseums an den Südbahnhof. Weil die hochverschuldete Landeshauptstadt derzeit aber gar nicht mehr weiß, wie sie mit wenig Geld all die vielen Projekte stemmen soll, wird in den meisten Fällen auf Zeit gespielt – so auch beim Schloss.

          „Mainzer Denkmal Netzwerk“ sammelt 250.000 Euro

          Einmal mehr soll die Gebäudewirtschaft Mainz (GWM) mit einigen hunderttausend Euro dafür Sorge tragen, dass von der langsam verfallenden Sandsteinfassade nicht noch weitere Stücke abbröckeln oder – wie jüngst geschehen – gleich en bloc abfallen. Ob für die mehrere Millionen Euro teuren Arbeiten an der Außenwand darüber hinaus Geld in den Haushalt 2009 eingestellt werden kann, ist offen: Denn zu den nicht länger aufzuschiebenden Pflichtaufgaben der Stadt gehören der Neubau einer Feuerwache, zusätzlicher Kindertagesstätten und weiterer Schulen. So gibt es Überlegungen, die Schlosssanierung in die Hände einer eigens dafür zu gründenden und einer schon bestehenden Gesellschaft zu legen, wie es bei der Rheingoldhallen-Erweiterung mit Erfolg praktiziert worden war.

          Dabei hatten zum Spenden bereite Bürger auf das von der Stadt einst gegebene Wort vertraut, dass mit der Sanierung des Baudenkmals nun endlich begonnen werde, wie Erika Friderichs im Gespräch mit der F.A.Z. sagte. Sie vertritt das „Mainzer Denkmal Netzwerk“, das inzwischen gut 250.000 Euro gesammelt habe, um die Rettungsaktion zu unterstützen. Eine weitere Million Euro hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz versprochen; allerdings nur, wenn auch die Stadt ihren Beitrag leiste.

          „Viele Menschen haben gespendet und Patenschaften für einzelne Bauteile übernommen“, sagte Friderichs, die sich an einer Rentnerin erinnert, „die für ein Fenster des Schlosses 5000 Euro ihres Ersparten gegeben hat“. Zudem seien in den vergangenen Jahren viele Künstler und etliche Fastnachtsgrößen unentgeltlich aufgetreten, damit das neben dem Dom wohl bedeutendste Bauwerk der Stadt wieder in einen angemessenen Zustand versetzt werden könne.

          „Warten bedeutet höhere Kosten“

          Dass mit Hilfe der GWM 2009 immerhin angefangen werden soll, sei besser als nichts, meinte Friderichs, die noch immer hofft, dass bei den Haushaltsberatungen der nächsten Wochen ein nennenswerter Betrag für das Schloss berücksichtigt werde: „Jedes Zuwarten bedeutet weiteren Verlust an Originalsubstanz und höhere Kosten!“ Denn das 1627 begonnene, aber erst 1752 vollendete „Baudenkmal von nationalem Rang“ – das bundesweit als prächtige Kulisse für die Fernsehfastnachtssitzung „Mainz bleibt Mainz“ bekanntgeworden ist – versteht den Betrachter zu täuschen.

          Dank dick aufgetragener roter Farbe macht das zum Rhein hin ausgerichtete Gebäude, das sich nach Ansicht von Kunsthistorikern nicht vor dem Heidelberger Schloss zu verstecken brauche, von weitem betrachtet immer noch einen guten Eindruck. Bei näherem Hinsehen werden allerdings viele Verwitterungsschäden offenkundig: Sandsteingesimse lösen sich, und bei einigen der zur Fassade gehörenden Groteskmasken lassen sich kaum mehr Gesichtszüge erkennen.

          Die Rettung des Schlosses sei für Mainzer eine „Herzensangelegenheit“, ist sich Friderichs sicher. So hätten sich die Bürger schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg darangemacht, die 1942 ausgebrannte „Gut’ Stubb’“ der Stadt wiederherzurichten. Damals sei die wirtschaftliche Lage nicht weniger schwierig gewesen. Und dennoch hätten sich die Mainzer dafür entschieden, in größter Not zuallererst dieses Symbol wiederaufzurichten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Macbook Air, Macbook Pro und Mac Mini

          Macbook mit M1-Chip im Test : Potzblitz

          Die neuen M1-Rechner von Apple laufen nicht nur besser als gedacht, sondern sind Tempomaschinen. Geht es um die Software-Kompatibilität, gibt es eine große Überraschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.