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Fastnacht : Wie ein Hochamt ohne Amen

In diesem Jahr ohne die Hofsänger: „Mainz bleibt Mainz” Bild: dpa

Zwischen Tradition und Quote bewegt sich die Sendung „Mainz bleibt Mainz“. Dabei geht es auch um die Frage, wie viel Politik der Höhepunkt der Fernsehfastnacht verträgt. Die Hofsänger jedenfalls sind sich nur fürs Finale zu schade.

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          Es ist seit Jahren das gleiche Bild: Wenn die Hofsänger – meist kurz vor der Sitzungspause – in der Rheingoldhalle auf der Bühne stehen, wirkt die eine Hälfte des Saals verzückt, die andere macht sich schon einmal auf den Weg zu den Bierständen. Kaum eine Gesangsgruppe, kein Redner in der Mainzer Fastnacht versteht es, das Publikum derart zu spalten wie der aus 18 ausgebildeten Stimmen bestehende Männerchor. Deren Texte seien nicht zu verstehen, sagen Kritiker. Man müsse eben auch mal zuhören können und dürfe nicht immer nur Kokolores erwarten, erwidern Anhänger der als „Flaggschiff“ des Mainzer Carneval-Vereins gepriesenen Mannschaft um „Kapitän“ Dieter Kral.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Weil das ZDF die bundesweit für „Sassa“ und „So ein Tag“ bekannten Hofsänger in diesem Jahr ausschließlich für das Finale der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ nominieren, nicht aber deren zehnminütiges Potpourri haben wollte, wird der verärgerte Chor dem Kurfürstlichen Schloss am Freitagabend ganz fernbleiben. Es sei bedauerlich, so Kral, dass weniger Wert auf Traditionspflege gelegt und nur auf die Einschaltquote geachtet werde. Dabei hat sich die Truppe seit Jahren bemüht, ihre Auftritte frischer, jünger, moderner und somit irgendwie fernsehgerecht zu machen.

          Absage an das ZDF

          Dennoch traut man es den 18 über Politik und Zeitgeschehen singenden Männern in Bajazzkostümen – einer Art Schlafanzug mit schickem Mützchen – offenbar nicht zu, kurz vor Mitternacht ein jederzeit zum Umschalten bereites Publikum beim ZDF zu halten. Fairerweise muss man sagen, dass sich die Hofsänger schon im Jahr 2000 kollektiv ins Fitnessstudio begeben hatten, um ihr Gesamtgewicht innerhalb von acht Wochen um 70 Kilogramm zu reduzieren. Danach kehrten sie als „neue Mainzer Boygroup“ in schwarzen T-Shirts, mit Lederhosen und Schwalbenschwanz-Jacken auf die Bühne zurück. Doch der Versuch, sich ein anderes Image zu verpassen, scheiterte, weil vor allem ältere Fans gegen „die Verkleidung in wurstähnlicher Pelle“ Sturm liefen und weiterhin die vertrauten Bajazzkostüme sehen wollten.

          Das Unternehmen „Mainzer Hofsänger“ ist ein Geschäft, noch dazu ein ganzjähriges. Denn die 1926 als „Musik-Hochschul-Sänger“ gegründete Chorgemeinschaft bestreitet nicht nur mehr als 50 Auftritte in einer Fastnachtskampagne, sondern auch Kirchenkonzerte, ist zudem bei Firmenfeiern und Empfängen zu hören, tritt längst nicht mehr nur in Deutschland, sondern darüber hinaus in Europa, Amerika, Asien und bei Kreuzfahrten auf. Dass es dabei auch um viel Geld geht – zu den Gagen kommen unter anderem noch Einnahmen aus dem Verkauf von CD und Platten –, zeigte sich 1998, als die Mannschaft meuterte und den damaligen „Kapitän“ Hans Albert Demer am liebsten über Bord werfen wollte. Die mit Hilfe von Boulevardzeitungen heftig geführte Auseinandersetzung ging bis vor Gericht. In letzter Minute kam es zu einer „gütlichen Einigung“, was wohl im Interesse aller Beteiligten gewesen sein dürfte.

          Die am vergangenen Sonntag einstimmig beschlossene Absage an das ZDF dürfte somit zweifellos geschäftsschädigend sein; andererseits habe man „gesanglich eben weit mehr zu bieten als nur Lieder zum Finale“. Mit der Begründung, nicht den Backgroundchor für Margit Sponheimer machen zu wollen, hatten die Sänger 1982 schon einmal eine Fernsehpause eingelegt. Aktuell wird das Durchschnittsalter der „Mainz bleibt Mainz“-Zuschauer auf Mitte Sechzig geschätzt, was eigentlich eher für das umstrittene Hofsänger-Potpourri sprechen sollte. Trotzdem blieben das ZDF und seine Redakteurin Ute Charissé, die das Programm mit den vier großen Mainzer Fastnachtsvereinen MCV, MCC, GCV und KCK bespricht, bei der „finalen Frage“ kompromisslos. Die Devise „Je später der Abend, desto seichter die Texte“ scheint besser für die Quote zu sein.

          Wenig Begeisterung bei den 19 bis 49 Jahre alten Zuschauern

          Über seinen vergleichsweise späten Auftritt ist auch der „Bote vom Bundestag“, Jürgen Dietz, nicht glücklich. Denn zu fortgeschrittener Stunde steigt die Bereitschaft der Zuschauer, mal rasch den Kanal zu wechseln – was Rednern und Sängern tags darauf auf die Minute genau nachgewiesen werden kann. Trotz allem bleibt die Nominierung für die „Mutter aller Sitzungen“ für Mainzer Fastnachter die „höchste Weihe“, obwohl die Texte auf Druck der Fernsehmacher bisweilen gnadenlos gekürzt werden müssen.

          Dass die Fernsehsitzung bei der stark umworbenen Gruppe der 19 bis 49 Jahre alten Zuschauer nicht viel Begeisterung auslöst, hat sich selbst durch das Abschneiden „alter Zöpfe“ bisher kaum ändern lassen. Am Freitagabend wird aufgrund des Überangebots an politischen Vorträgen einmal mehr auf den für die Fastnacht typischen Protokoller verzichtet. Nun sind auch noch die Garden sauer, weil ihnen kurzfristig mitgeteilt wurde, dass für den Einmarsch längst nicht so viele Uniformierte vorgesehen seien wie in früheren Jahren. Dass „Mainz bleibt Mainz“ dadurch an Profil und Publikum gewinnen könnte, wird in der Stadt eher bezweifelt: Eine Sitzung ohne Hofsänger sei wie ein Hochamt ohne Amen.

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