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Mainz : "Beim Stolpe an der Maut juchhei, da ist bestimmt noch ein Platz frei"

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Keine Gnade für den gerade erst geschaßten Gerster, Spott für Stolpe und insgesamt nur wenig Hoffnung für das von Reformen geplagte Deutschland, das dank rot-grüner Bundesregierung keinen großflächigen Stromausfall braucht, um lahmgelegt zu sein.

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          Keine Gnade für den gerade erst geschaßten Gerster, Spott für Stolpe und insgesamt nur wenig Hoffnung für das von Reformen geplagte Deutschland, das dank rot-grüner Bundesregierung keinen großflächigen Stromausfall braucht, um lahmgelegt zu sein. Die "Botschaft aus der Bütt" ist klar: Die Roten und die Grünen machen (fast) alles falsch, und die anderen tun überhaupt nichts. "Ich würde ja gerne mal was von der CDU berichten", sagt der als "Bote vom Bundestag" auf der Bühne der Rheingoldhalle stehende Jürgen Dietz vom Mainzer Carneval-Verein (MCV). "Aber die machen ja nix." Knapp 2500 "steuerreformbegünstigte" Zuhörer sind am Samstag zur ersten Prunk-Fremdensitzung des MCV nach Mainz gekommen, um mitzuerleben, wie aus der Bütt heraus mit der Politik abgerechnet wird. Zur gleichen Zeit hören mehr als 800 Gäste im kaum 500 Meter entfernten Kurfürstlichen Schloß, wie beim Mainzer Carneval-Club (MCC) die Leistung der Politiker bewertet wird. Hüben wie drüben ist man sich schnell einig: Daß Florian Gerster, nun selbst wieder arbeitssuchend, die Schreibtischseite wechseln muß, sei nicht mehr als konsequent. "Beim Stolpe an der Maut juchhei, da ist bestimmt noch ein Platz frei", vermutet Erhard Grom, der als "Chef des Protokolls" beim MCC für die politische Gewichtung zuständig ist. Sollte der frühere rheinland-pfälzische Minister bereit sein, sich beim "Laster-Abkassieren" nützlich zu machen, bräuchte er sich für seine Pension auch nicht zu schämen. Trotz anhaltender Maut-Misere zeigt sich Horst Radelli, der im Schloß nicht nur als bekanntermaßen rasend schnell sprechender MCC-Sitzungspräsident, sondern zudem als "Ein Mensch wie Du und ich" das Mikrofon ergreift, weiterhin patriotisch: "Den Erfolg unserer Pleite gönn' ich den Österreichern jedenfalls nicht." Deutschland brauche keine Hilfe von außen, mögen die Nachbarn über ein noch so gut funktionierendes Mautsystem verfügen. Nicht ganz so viel Geduld mit Stolpe hat dagegen Karl-Heinz Werner, der spät am Abend als "Bajazz" des MCV in der Rheingoldhalle fordert: "Nehmt zum Kassieren halt ein Kassenhäuschen. Hauptsache, es klappt." Apropos Kasse: "Ich zahl' beim Doktor und bin verprellt, jetzt pro Quartal Begrüßungsgeld", beklagt sich MCC-Protokoller Grom: "Bei Brille gibt's die Gläser bloß, da guck'ste und bist fassungslos." Nicht minder verärgert zeigt sich der Bundestagsbote Dietz vom MCV: "Bei zehn Euro Praxisgebühr kann ich die Neue Revue auch gleich selbst abonnieren." Nach der "gelungenen Steuerreform" sollten die Deutschen nun ja eigentlich wieder genügend Geld im Säckel haben. Allerdings reichen "die fünf Euro mehr im Monat" laut Grom lediglich dazu, mit "zwei Halben die Straußwirtschaft anzukurbeln".

          Dabei nahmen die Fastnachter die saftigen Wein- und Wasserpreise sowohl im Kurfürstlichen Schloß als auch in der Rheingoldhalle zum Anlaß, dieses sitzungsstimmungsbehindernde Ärgernis wieder einmal öffentlich zu geißeln. Schließlich fürchten die Narren, daß dem Publikum bei Preisen von gut und gerne 15 Euro für die Flasche Wein, 7,60 Euro fürs Wasser und zwölf Euro für einen Liter Apfelsaft schlimmstenfalls der Humor abhanden kommen könne. Weitere elf Euro sollte derjenige in der Tasche haben, der bei den rund sechs Stunden dauernden Sitzungsmarathons dann auch noch in ein Mainzer Saftrippchen beißen möchte.

          Die Nominierung für die Fernsehsitzung fest im Blick verzichteten die politischen Redner der beiden großen Mainzer Fastnachtsvereine ansonsten jedoch weitgehend darauf, sich in den lokalen Niederungen zu verirren. So mußte sich ein ganz anderer - der als "Umbauspezialist" auf der MCV-Bühne erschienene Kokoloresredner Norbert Roth - ausnahmsweise der Kommunalpolitik annehmen. Wer bei Bauprojekten hinten und vorne vertausche, oben und unten verwechsle und auch so alles falsch mache, dürfe sich nicht wundern, wenn er zum Schluß wieder ganz am Anfang stehe. "Dann bist Du bis auf die Knoche blamiert", so Roth. "Und des is der Stadt Meenz schön öfters passiert."

          Was dem MCV sein Schlußredner Roth, ist dem MCC seine Hildegard Bachmann, die sich im Schloß kurz vor Mitternacht sowohl im Schlafanzug als auch von ihrer besten Seite zeigte. Ihr im eilig aufgebauten Ehebett gehaltener "Zwiegesang" mit der "voll(trunkenen) Eul" Rudi Lukas machte noch einmal deutlich, daß es zum Glück auch ein Leben jenseits der Gesundheits-, Renten- und Steuerreform gibt. Ähnlich Verdienstvolles leisteten die drei aus dem Mainzer Stadtteil Bretzenheim stammenden "Startenöre", die ebenso wie der "Singende Komiteeter" Jürgen Wiesmann und die Nackenheimer Tugendbolde nichts mehr als das "Club"-Publikum gut unterhalten wollen.

          Während beim MCC im Schloß das letzte Helau eines gelungenen Abends bereits vor ein Uhr ertönte, ließen sich die von Sitzungspräsident Rainer Laub beim MCV aufgebotenen Aktiven in der Rheingoldhalle noch ein wenig mehr Zeit. Zu guter Letzt kamen die vom MCV-Ballett, den beiden Bänkelsängern Joachim und Guido Seitz sowie dem Brezelmann Horst Becker flankierten Mainzer Hofsänger dann aber doch auf die Bühne - und alle im Saal waren sich in ihrem Urteil einig: "So ein Tag, so wunderschön wie heute...!" MARKUS SCHUG

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