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Mainz : Auftakt zum Streik der Klinikärzte

  • Aktualisiert am

Demonstration für mehr Geld und „vernünftige” Arbeitszeiten Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

Rund 4000 Mediziner haben in Mainz für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne demonstriert. Forderungen nach einem eigenen Tarifvertrag wurden laut. Die Kundgebung war Auftakt bundesweiter Proteste.

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          Im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bezahlung setzen die deutschen Klinikärzte auf das „Signal von Mainz“. So formulierte es der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, gestern auf dem Marktplatz vor mehreren tausend Demonstranten. Die Kundgebung, zu der Ärzte aus vielen Teilen Deutschlands gekommen waren, soll als Auftakt zu bundesweiten Streiks an Unikliniken und Landeskrankenhäusern dienen.

          „Von diesem Domplatz müssen die Glocken läuten bis zu Herrn Möllring in Hannover“, rief der Verbandschef den Demonstranten zu. Er forderte den Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft der Länder, den niedersächsischen Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), auf, ein Angebot vorzulegen, das den Forderungen der Ärzte entgegenkomme. Ein eigener Tarifvertrag müsse eine „international vergleichbare“ Bezahlung und „vernünftige“ Arbeitszeiten und -bedingungen sicherstellen. Außerdem solle die Zahl der befristeten Verträge eingeschränkt werden. Andernfalls würden sich die Proteste und Streiks ausweiten.

          Seine Zuhörer - der Marburger Bund sprach von 4000 Teilnehmern - zeigten sich dazu bereit. Sie hatten sich mit Transparenten, Trillerpfeifen und Flugblättern ausgerüstet und gegen 12 Uhr vor dem Hauptbahnhof versammelt. An den weißen Kitteln, die die meisten über den Winterjacken trugen, prangten die Aufnäher ihrer Kliniken, unter anderem von Essen, Münster, Mannheim, Freiburg, Heidelberg, Gießen, Marburg und Frankfurt.

          „Vom Traumjob zum Jobtrauma“

          Mit mehreren hundert Ärzten waren die „Gastgeber“ des Mainzer Universitätsklinikums vertreten. Nach Angaben einer Kliniksprecherin soll es aber keine Schwierigkeiten in der medizinischen Versorgung gegeben haben. Planbare Untersuchungen und Operationen seien teils verschoben worden. Die Notfallversorgung sei jederzeit gewährleistet gewesen. Wie der Marburger Bund mitteilte, galt dies auch für die anderen von Arbeitsniederlegungen betroffenen Kliniken.

          Auf ihrem Weg vom Hauptbahnhof zum Marktplatz hielten die vornehmlich jungen Ärzte Schilder und Transparente hoch, auf denen Sätze wie „Vom Traumjob zum Jobtrauma“ und „Überstunden ohne Ende - zitternde Chirurgenhände“ zu lesen waren. Viele Parolen wie „Exportweltmeister Deutschland - auch für Ärzte“ oder „Wir sehen uns in Norwegen“ spielten auf die höhere Bezahlung in England, den Niederlanden oder Skandinavien und die daraus resultierende Abwanderung deutscher Ärzte an.

          Für manche der Demonstranten käme dies allerdings nicht in frage. Etwa für Jürgen Alt, Assistenzarzt im Bereich Hämatologie des Mainzer Universitätsklinikums: „Ich bin hier seßhaft, habe Familie und Kinder.“ Er könne sich aber durchaus vorstellen, eine Stelle in der Wirtschaft anzunehmen. Denn bis zu 20 nicht entlohnte Überstunden in der Woche wolle er nicht mehr hinnehmen.

          Übermüdung wegen Nachtdienst

          Ähnlich sieht es Erol Kocdemir vom Universitätsklinikum in Frankfurt. Der Neununddreißigjährige hat zuerst seinen Facharzt für Neurologie gemacht und will nun zusätzlich Facharzt für Psychiatrie werden: „Ich muß die Ausbeutung als Assistenzarzt also doppelt durchmachen.“ Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen werde es immer schwieriger, Stellen im Zentrum für Psychiatrie des Klinikums zu besetzen. Kollegen, die dafür geeignet gewesen wären, hätten lieber einen Arbeitsplatz in England oder in der Schweiz angetreten.

          Unter den Demonstranten sind auch Medizinstudenten. Es gehe ja um die medizinische Lehre und ihren künftigen Beruf, sagt die 24 Jahre alte Christiane Blatz. Sie studiert im zehnten Semester an der Gutenberg-Universität und absolviert derzeit ein Praktikum in der Klinik. Viele Ärzte hätten keine Zeit mehr für die Ausbildung des Nachwuchses, beklagt sie. Es sei schwierig, einen Doktorvater zu finden, oft seien die Kursleiter übermüdet, weil sie aus dem Nachtdienst kämen.

          Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit

          Sorgen um ihre Zukunft macht sich Sharzad Bakhtiar. Die Medizinstudentin im achten Semester kann sich ein Leben „als Ärztin mit 60 Stunden Arbeit in der Woche und Mutter von zwei Kindern“ nicht vorstellen. Sie sieht eine Kluft zwischen dem, was sich die Menschen unter dem Arztberuf vorstellen, und der Wirklichkeit. Die Forderung des Marburger Bunds nach 30 Prozent mehr Gehalt bedeute keine Steigerung, sondern nur, daß die Kürzungen der vergangenen Jahre wieder rückgängig gemacht würden.

          Bei der späteren Kundgebung spricht Michael von Rhein für die jungen Ärzte. Er ist Assistentensprecher an der Kinderklinik des Mainzer Uni-Klinikums. Es müsse „endlich Schluß sein“ mit Kurzzeitverträgen, fordert er. Viele Mediziner seien nur für drei oder sechs Monate eingestellt und müßten immer wieder um einen Anschlußvertrag bangen.

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