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Anbau für Gutenberg-Museum : Da wackelt der Turm

Schatzkiste: In dem turmförmigen Anbau will das Gutenberg-Museum die wertvollen Bibeln ausstellen. Bild: dpa

Am geplanten Anbau für das Mainzer Gutenberg-Museum scheiden sich die Geister. Die Gegner wollen ihn mit einem Bürgerbegehren verhindern.

          Der Stein des Anstoßes ist ein Turm. Genauer gesagt: Jener gut 22 Meter hohe, mit einer Bronzehaut überzogene Anbau an das Gutenberg-Museum, für den um den Jahreswechsel herum der erste Spatenstich erfolgen sollte. Daraus dürfte aber nichts werden, weil die Kritik an dem aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Entwurf, der vom siegreichen Hamburger Architekturbüro DFZ derzeit noch überarbeitet wird, in den vergangenen Monaten immer lauter geworden ist. Die Bürgerinitiative Gutenberg-Museum will das von ihr abgelehnte Projekt nun mit Hilfe eines Bürgerbegehrens verhindern; vor wenigen Tagen hat sie der Stadt mehr als 13.000 Unterstützer-Unterschriften dafür übergeben.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Wobei Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), der ebenso wie Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) und die Mehrheit des Stadtrates grundsätzlich hinter dem Bauvorhaben steht, der Sache durchaus etwas Positives abgewinnen konnte: „Ich begrüße es, dass die Zukunft des Weltmuseums der Druckkunst und dessen bauliche Ausgestaltung ein großes Thema in der Stadt ist und die Bürgerschaft bewegt.“ Schließlich gibt es auch etliche Befürworter der Turm-Variante, die in dem mit bronzenen Lettern verkleideten Gebäude ein neues Wahrzeichen sehen, in dem fortan die kostbarsten Schätze des Museums – nämlich die Gutenberg-Bibeln – aufbewahrt werden sollten.

          Bei der Sanierung sind sich alle einig

          Unstrittig ist bei Gegnern und Befürwortern des Bibelturm genannten Anbaus, dass das aus drei einzelnen Gebäuden bestehende Museum in kommunaler Trägerschaft dringend saniert und erweitert werden muss. Für das Gesamtwerk fehlt es bis dato allerdings sowohl am Geld als auch an einem Konzept nebst dazugehörigem Zeitplan. Gleichwohl hat man sich dazu entschieden, mit den vorhandenen fünf Millionen Euro zunächst besagten Turm an zentraler Stelle des Liebfrauenplatzes zu errichten. Um etwas Vorzeigbares in der Hand zu haben, wenn es darum geht, möglichst weltweit Sponsoren und Förderer für die weitere Aufwertung des jährlich von mehr als 120.000 Interessierten aufgesuchten Hauses zu finden.

          Die Gesamtkosten könnten am Ende zwischen 60 und 90 Millionen Euro liegen, schätzt etwa der inzwischen 96 Jahre alte Mainzer Architekt Hellmut Kanis, der mehr als die Hälfte seines Lebens in der Gutenberg-Stadt mit dem Thema Bauen beschäftigt war. Im Gespräch mit dieser Zeitung schlug das Ehrenmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, der früher als Fachhochschulprofessor tätig war, gestern vor, ein kleines Expertengremium zusammen zu trommeln, um eine einvernehmliche Lösung zu finden: eine, bei der es am Ende „weder Sieger noch Verlierer gibt“.

          Architektenkammer: Statt Bibelturm Umgestaltung des Liebfrauenplatzes

          Er selbst regt an, auf den umstrittenen Bibelturm zu verzichten und stattdessen mit der Umgestaltung des Liebfrauenplatzes zu beginnen, auf dem man anschließend gerne auch ein haushohes Kunstwerk zum Thema Gutenberg platzieren könne, um so auf das versteckt gelegene Museum hinzuweisen. Hinter einem attraktiven gläsernen Eingangsteil sollte der Innenhof dann so überbaut werden, dass man künftig nur mehr über ein auf allen Ebenen miteinander verbundenen Ausstellungskomplex verfüge; ein wie auch immer geformter, kleinerer Turm käme für Kanis dagegen nur als Erschließungsgebäude, also als Treppenhaus, in Frage.

          Der Bürgerinitiative, über deren Antrag der Stadtrat vermutlich am 29.November zu beschließen hat, wenn bis dahin alle eingereichten Unterschriften überprüft sind, geht es hauptsächlich darum, den Liebfrauenplatz als Aufenthaltsort zu bewahren und die drei Platanen direkt neben dem Museum zu erhalten. Für diese Positionen haben die Turmgegner den ganzen Sommer über am Rand des Wochenmarktes geworben. Und vermutlich dürften sie dabei gerade von jenen, die samstags das Marktfrühstück der Winzer genossen, viel Zuspruch bekommen haben. Denn die Weinfreunde müssten während der Bauarbeiten zumindest vorübergehend ihre angestammten Plätze aufgeben.

          Derweil bemühen sich die Befürworter der Turmlösung um Direktorin Annette Ludwig mit einer eigenen Vortragsreihe darum, „neue Perspektiven für das Gutenberg-Museum“ aufzuzeigen. Am Montag, 6.November, wird Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Vortragssaal des Hauses erwartet, wo er von 20Uhr an bei freiem Eintritt über „Museumsinsel und Humboldt-Forum: ein neues Weltmuseum in der Mitte Berlins“ sprechen will.

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