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Main-Kinzig-Kreis : Schwierige Suche nach Identität und Gemeinschaftsgefühl

Bindeglied: Die Steinheimer Mainbrücke. In der Gebietsform wurde die kleine Stadt aus dem Kreis Offenbach dem nordmainischen Hanau zugeschlagen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Er reicht von Fulda bis Frankfurt: 1974 entstand mit dem Main-Kinzig-Kreis der bevölkerungsstärkste Landkreis Hessens. Widerstand gab es schon vor der Gründung.

          In einer kühlen Novembernacht des Jahres 1973 machte sich die Volksseele in der Gemeinde Klein-Auheim auf üble Weise Luft. Unbekannte drangen auf das Grundstück von Bürgermeister Willi Rehbein. Sie demontierten die Gartentore, rissen Briefkasten und Namensschild ab, zerschlugen Steinplatten und entwurzelten junge Bäume im Garten. Schon am Vorabend hatte sich das Unheil abgezeichnet, als der Sozialdemokrat mit Pfiffen und lautstarken Schmährufen bei einer Bürgerversammlung empfangen worden war.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Eingeladen hatte eine Initiative zur Erhaltung der Selbständigkeit Klein-Auheims, das im Zuge der geplanten Gebietsreform nach Hanau eingemeindet werden sollte. Rund 1200 Bürger waren dem Aufruf zur Teilnahme an der Veranstaltung gefolgt. Fast alle stimmten sie für eine Resolution gegen das Vorhaben. Eine Woche zuvor hatten die Gemeindevertreter die Bildung einer Kommission beschlossen, die mit der Aufgabe betraut werden sollte, die Bedingungen für den Zusammenschluss auszuhandeln. Die Mehrheit dafür war allerdings knapp: 16 Sozialdemokraten votierten dafür, 14 CDU-Vertreter dagegen.

          „Hände weg von unserer Stadt“

          Die SPD und ihr Bürgermeister waren zwar auch nicht davon begeistert, die Selbständigkeit der Gemeinde aufzugeben, doch da dies in Wiesbaden ohnehin beschlossene Sache sei, wolle man den Rahmen für den Zusammenschluss lieber mitbestimmen, als ihn gesetzlich verordnet zu bekommen, argumentierten sie. Im benachbarten Steinheim, das wie Klein-Auheim dem Kreis Offenbach angehörte, spielten sich ähnliche Szenen ab. Dort schalteten Gegner der Vereinigung mit der großen Nachbarstadt eine Todesanzeige in der regionalen Presse und luden die Bürger zu einer „Trauerfeier für die Stadt Steinheim“ ein. Auch viele Großauheimer forderten in Veröffentlichungen „Hände weg von unserer Stadt“. In Großauheim hatte man jedoch den Fehler gemacht, sich zuvor mit der kleinen Gemeinde Wolfgang zusammenzuschließen. Die aber war so eng mit Hanau verbunden, dass einer Fusion kaum mehr etwas entgegenzusetzen war.

          Allein das kleine Örtchen Mittelbuchen freute sich über die Gebietsreform und gliederte sich völlig freiwillig in Hanau ein. Wie ein Willkommensgeschenk mutet da der wenig später erfolgte Bau eines stattlichen Bürgerhauses in dem neuen Ortsteil an. Weder die erbitterten Proteste noch Verfassungsklagen konnten das Inkrafttreten des Gesetzes zur Neugliederung der Stadt Hanau zum 1. Juli 1974 verhindern. Das Stadtgebiet erweiterte sich um Steinheim, Großauheim, Klein-Auheim und Mittelbuchen, womit die Zahl der Bürger fast um die Hälfte wuchs.

          In einer Broschüre wandte sich damals einer der aktiven Befürworter des Zusammenschlusses, der damalige Oberbürgermeister Hans Martin (SPD), an die neuen Bürger der Stadt und warb mit eindringlichen Worten dafür, mit Kräften das Beste in dem neuen Gemeinwesen zu machen. 25 Jahre später meinte er in einer Feierstunde zum Jubiläum, es habe viel Rücksicht und Sensibilität erfordert, um zur Partnerschaft zu finden. Doch es sei ungewiss, ob die letzten Wunden mittlerweile geheilt oder nur in Vergessenheit geraten seien. Mit Gewissheit kann man das bis heute nicht sagen. Zwar ist der Zuschnitt Hanaus für die meisten Bürger mittlerweile selbstverständlich, aber der Lokalpatriotismus in den zugeschlagenen Stadtteilen blitzt gelegentlich noch auf.

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