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Luftsauberkeit in Corona-Krise : „Kein Anlass für Euphorie“

Atempause für die Umwelt: Wegen des geringen Verkehrs sind hessenweit die Stickoxid-Werte um 35 Prozent gesunken. Bild: dpa

Die Luft in Hessen ist derzeit so sauber wie selten zuvor. Grund ist der geringere Autoverkehr in der Corona-Krise. Umweltministerin Priska Hinz hofft, dass aus diesem „Einmaleffekt“ ein Umdenken wird.

          3 Min.

          Es gib keinen Zweifel: Die Corona-Krise hat vielem geschadet, der Umwelt hat sie eine „kleine Atempause“ beschert, wie Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) mitteilte. Vor allem die Luft sei in den vergangenen Wochen so sauber gewesen, wie lange nicht. Die Messungen und Berechnungen des Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie belegen, dass die Stickoxid-Werte in den sieben Wochen des Lockdowns an den verkehrsnahen Messstationen durchschnittlich um 35 Prozent gesunken sind. „An manchen Stationen wurden noch nie so niedrige Werte gemessen“, sagte Landesamts-Präsident Thomas Schmid. Grund ist der fehlende Verkehr: Er ist nach Angaben des Amts in der Zeit um ein Drittel zurückgegangen.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und auch der fehlende Flugverkehr am Frankfurter Flughafen ist bei den Messungen der Luftschadstoffe deutlich zu bemerken und zwar an der Konzentration der Ultrafeinstaub-Partikel in der Luft. Seit März liegt deren Konzentration in der Flughafen-Anrainerkommune Raunheim bei Wind aus Richtung Flughafen im Durchschnitt um 40 Prozent niedriger als sonst bei gleichen Windbedingungen.

          Manches verzerrt worden

          „Diese Daten zeigen ganz klar: Weniger Verkehr führt zu weniger Abgasen“, sagte Schmid. Das gelte besonders beim Stickoxid. Er reagierte damit auf die Diskussion, dass an manchen Messstationen wie etwa an der bundesweit bekannten Station am Neckartor in Stuttgart in den vergangenen Wochen kaum ein Rückgang an Stickoxid-Belastung zu beobachten gewesen ist. Das gelte auch für die Messstation an der Schiele im Limburg, sagte Schmid, die sich in einer Straßenschlucht befindet. Zudem spielt das Wetter eine zentrale Rolle für die Stickoxid-Konzentrationen. Da mit der Corona-Krise auch ein gravierender Wetterwechsel mit einem langanhaltenden Hochdruckgebiet eingesetzt habe, sei manches verzerrt worden. Für die jetzt vorgelegten Daten hat das Landesamt deshalb eigens den Wettereffekt herausgerechnet und den relativen Rückgang im Vergleich zu Tagen mit gleichen Luftströmungsbedingungen verglichen.

          Für die Umweltministerin belegt der vom Landesamt ermittelte Rückgang der Stickoxid-Belastung in der Corona-Krise um 35 Prozent, „wie notwendig es ist, strukturell im Verkehrsaufkommen in den Städten etwas zu verändern“. Auch Schmid sieht „keinen Anlass zur Euphorie“. Die Verringerung der Schadstoffbelastung in der Luft in den vergangenen Wochen sei eine „Einmaleffekt“, es müssten weiterhin Anstrengungen unternommen werden, um den hohen Ausstoß etwa durch alte Dieselfahrzeuge und Benziner zu verringern. Der Corona-Effekt sei nur von kurzer Dauer, der Straßenverkehr normalisiere sich ja bereits wieder. Damit kehrten auch die alten Immissionsbelastungen wieder zurück.

          „Nicht so weitermachen wie bisher“

          Für Schmid hat der Lockdown gezeigt: „Reduktion ist möglich, wenn wir müssen, können wir uns beschränken.“ Der Landesamts-Präsident rät aus dieser Erfahrung richtige Schlussfolgerungen zu ziehen. „Wir wollten nach dem Lockdown nicht so weitermachen wie bisher.“

          Hinz warnte ebenso davor, weiterzumachen wie bisher. „Das wäre Wahnsinn“, sagte sie. „Wir müssen überlegen, was wir aus der Corona-Krise lernen können, um anders aus ihr rauszugehen als wir reingegangen sind“, so die Umweltministerin. Die Klimakrise sei nicht überwunden. „Wir sollten nun die Chance nutzen“, sagte sie, damit der Umwelt- und Klimaschutz Hand in Hand mit der dringend notwendigen Anstrengungen für die wirtschaftliche Erholung gehe.

          Autoverkehr sogar angestiegen

          Ob sich die Erfahrungen vieler mit dem Home Office möglicherweise auf das Verkehrsverhalten in der Rhein-Main-Region niederschlägt und künftig weniger Berufsverkehr in die großen Städte strömt, die bisher alle mit zu hohen Stickoxid-Werten gekämpft haben, vermag Hinz nicht einzuschätzen. Schmid verwies auf die Erfahrungen in China, wo nach dem Lockdown der Autoverkehr sogar angestiegen sei.

          Hinz kündigte an, dass das Umweltministerium unverändert an den neuen Luftreinhaltepläne für die Städte mit zu hohen Belastungen wie etwa Frankfurt arbeite. Für die Mainmetropole hatte der hessische Verwaltungsgerichtshof vorgegeben, einen Plan vorzulegen, wonach in Frankfurt 2021 der von der EU-Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft eingehalten wird.

          „Wir rechnen für diesen Plan mit Durchschnittsverkehrswerten von 2019“, so Hinz. Sollte sich das Verkehrsverhalten in der Region in den nächsten Monaten tatsächlich ändern, weniger Autos unterwegs sein, der Radverkehr zulegen, könne man den Plan noch ändern. „Dann kann es sein, dass wir keine Straßen für ältere Dieselfahrzeuge sperren müssen oder rasch wieder davon wegkommen“, so die Ministerin. Sollte der Individualverkehr wie in China zunehmen, „dann wird es schlimm, dann kommt das Dieselfahrverbot.“

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