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Phantombilder : Das Gesicht des Täters

„Unsere Technik ist moderner als beim FBI”: Liane Bellmann Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Fast täglich hat die Phantombildzeichnerin des Landeskriminalamts in Wiesbaden, Liane Bellmann, mit Zeugen von Gewalttaten zu tun. Aus vagen Beschreibungen und bruchstückhaften Erinnerungen werden Gesichter.

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          Ihr Büro ist schlicht. Zwei Schreibtische, ein Bücherregal, ein paar Bilder an der Wand. Das Einzige, was auffällt, ist ein großer, flacher Bildschirm, eine seltsame Mischung aus Monitor und Zeichenbrett. „Mein Arbeitsplatz“, sagt Liane Bellmann, den Stift in der Hand, den Monitor flach auf den Tisch gedrückt.

          Katharina Iskandar
          (isk. ), Rhein-Main-Zeitung

          Sie könnte auf alles verzichten – auf die Bilder, die Bücher, sogar auf den zweiten Schreibtisch, auf dem ein mit Muskelgewebe überzogener Schädel zur anatomischen Anschauung liegt. Nur nicht auf den Bildschirm, ihrem Arbeitsplatz, der sie auf ihren Reisen durch ganz Hessen begleitet.

          „Ich muss in die Leute schauen“

          Liane Bellmann ist Phantombildzeichnerin. Die einzige, die es in Hessen gibt. Mörder, Räuber, Vergewaltiger – unzählige Profile von Gewalttätern hat sie schon erstellt. Als sich die Justizfachangestellte vor vier Jahren für die Stelle bewarb, hat sie nicht gewusst, wie das werden würde. Sie wollte einfach nur wieder mit Menschen zu tun haben, das habe sie in ihrer bisherigen Arbeit vermisst.

          Dann saßen ihr plötzlich Zeugen gegenüber, die traumatisiert, verzweifelt, manchmal auch hilflos waren – und die nun nicht wissen, wie sie das Gesicht des Täters in Worte fassen sollen. Wie beschreibt man eine fliehende Stirn oder ein kantiges Gesicht? In solchen Momenten legt Liane Bellmann den Stift beiseite, schaut die Menschen an und sagt: „Fangen Sie einfach mit dem an, was Ihnen als Erstes aufgefallen ist. Alles andere wird sich ergeben.“

          Mit der Gesichtsform fängt Bellmann an. Rund, schmal, eckig, oval. Dann kommen die Haare, die Stirn, die Augen, die Nase, der Mund, das Kinn. Etwa zwei Stunden sitzt sie an einem Gesicht. Wenn sich der Zeuge nicht mehr richtig erinnern kann, noch länger. „Ich muss in die Leute schauen“, sagt die Dreiundvierzigjährige. „Ich muss merken, ob sie den Täter tatsächlich vor sich sehen. Nicht nur die Statur, sondern ausschließlich das Gesicht. Und dass sie mir sagen können, ob der Täter buschige Brauen, aber schmale Augen hatte. Oder ob sein Haar kraus, lockig oder doch eher wellenartig war.“

          Wie ein Puzzle

          Das Programm, mit dem das Hessische Landeskriminalamt arbeitet, ist eines der modernsten auf dem Markt. Seit Jahren schon wird nicht mehr auf Papier gezeichnet, stattdessen werden photorealistische Zeichnungen benutzt. Wie Puzzleteile werden Partien aneinandergelegt, bis sie ein Gesicht ergeben, das dem des Täters ähnelt. Etwa 3000 photorealistische Bilder hat Bellmann zur Verfügung, die sie immer wieder neu kombinieren kann. Je markanter ein Gesicht, desto einfacher sei es zu beschreiben, sagt sie. Am schwierigsten sind Frauen, weil ihre Gesichter meist keine auffälligen Narben, Schrammen oder Unebenheiten aufweisen.

          Vor nicht allzu langer Zeit ist Bellmann nach Quantico gereist, zu einem Lehrgang der amerikanischen Bundespolizei FBI. Als sie dort ihren Bildschirm aus der Tasche holte, das Programm startete und mit der Erstellung eines fiktiven Gesichtes begann, fragte einer der Ausbilder: „Kommen Sie aus Hollywood?“ So etwas hätten die beim FBI noch nicht gesehen, sagt Bellmann. Die Annahme, dass die amerikanische Polizei mit ihrer Technik weiter sei als die deutsche, sei ein Trugschluss.

          Dennoch, meint Bellmann, sei die Technik nur eine Komponente von vielen in ihrem Beruf. Sie erleichtere die Arbeit und somit die Fahndung, mehr nicht. Das, was für Bellmann viel schwieriger ist, sind die Befragungen der Zeugen – oder der Opfer. Nicht einfach sei es, wenn man etwa vergewaltigte Frauen „zurückversetzen“ müsse in jene Situation, die die Opfer eigentlich verdrängen wollten, „weil jede Erinnerung eine weitere Kerbe in der Psyche hinterlässt“. Schon wenn ein Zeuge zur Tür hineinkommt, muss Bellmann erkennen, ob er noch unter Schock steht, sich bloß wichtigtun will oder sich in seiner Beobachtungsgabe überschätzt. Dann bietet sie Wasser oder Kaffee an, wenn die Zeugen wollen, dürfen sie auch rauchen. In die Menschen hineinzublicken und sie zu führen, sagt Bellmann, sei die wahre Herausforderung. „Das Zeichnen ist nur Handwerk.“

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