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Landwirtschaft : Einst für die Küche, jetzt vermehrt für den Tank

Blühende Landschaften: Raps ist auf immer mehr hessischen Äckern zu finden Bild: dpa/dpaweb

Gelb dominiert immer häufiger die Felder: Die Landwirte bauen immer häufiger Raps an. Die Pflanze ist der Rohstoff für kaltgepresstes Speiseöl. Aber auch zur Erzeugung von Biodiesel wird sie zunehmend kultiviert.

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          Das strahlende Gelb der Rapsfelder begleitet derzeit die Fahrt durch Hessens Landschaften. Der Winterraps, den die Bauern in der Regel im August nach der Getreideernte auf den Feldern ausgesät haben, ist in den vergangenen Tagen besonders kräftig in die Höhe geschossen. Wegen des milden Winters und der sommerlichen Temperaturen kann sich der Betrachter laut Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauernverbandes und des Verbandes im Main-Kinzig-Kreis, in diesem Jahr zwei bis drei Wochen früher über die Farbenpracht der Rapsfelder freuen.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Auch mit Schädlingen ist wegen der Trockenheit kaum zu rechnen. Das erspare den Bauern und der Umwelt einen guten Teil des sonst üblichen Einsatzes von chemischen Stoffen zur Bekämpfung des Ungeziefers, sagt Landwirt Dieter Groh, Betriebsleiter des idyllisch am Fuß der Ronneburg gelegenen Hofs Waldeck in Altwiedermus. Vor 30 Jahren hat man in dem Familienbetrieb angefangen, Erfahrungen mit dem Rapsanbau zu sammeln.

          Ideale Alternative

          In diesem Jahr stehen Rapspflanzen auf rund 20 Hektar von Hof Waldeck. Für Groh stellt die Kohlpflanze die ideale Alternative für den Anbau von Futterpflanzen dar, denn dieser ist in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen. Besonders auf den Hanglagen der Hügellandschaft rund um die Ronneburg beugt der Raps in hervorragender Weise der Bodenerosion vor, weil die feinen Haarwurzeln bis zu zehn Meter in die Tiefe dringen. Der dichte Wuchs der Rapspflanzen beschattet den Boden, so dass Unkraut keine Chance hat zu gedeihen, und er bereitet die Erde ideal für den Anbau anderer Nutzpflanzen in der nächsten Saison vor. Nur alle drei bis vier Jahre kann ein Acker mit Raps bepflanzt werden, weshalb sich die gelben Areale in der Landschaft in jedem Jahr an anderen Stellen ausbreiten.

          Der Raps füllt nach Schneiders Angaben in diesem Jahr in Hessen eine Fläche von 62.000 Hektar. Das sind 13 Prozent des gesamten hessischen Ackerlandes von rund 484.000 Hektar. Dass die Rapsanbaufläche in Hessen während der vergangenen zehn Jahre um etwa 40 Prozent gewachsen ist, liegt nicht nur an den guten Eigenschaften des Rapses als Kulturpflanze oder der Tatsache, dass kaltgepresstes Rapsöl ein besonders kreislauffreundliches Nahrungsmittel ist. Seit langem, so Schneider, bauen die Landwirte den Raps nicht mehr nur für den Teller, sondern in erster Linie für den Tank an.

          Technische Zwecke

          Etwa drei Viertel der Rapsernte werden heute für technische Zwecke verwendet. In umgerüsteten Automotoren kann das Rapsöl als Kraftstoff eingesetzt werden. In größerem Maß findet der verarbeitete Raps als Biodiesel oder „Rapsmethylester“ Verwendung in speziellen Dieselmotoren. Die Menge des auf einem Hektar erzeugten Rapses ergibt eine Rapssaat von durchschnittlich 3600 Kilogramm. Daraus können etwa 1600 Liter Rapsöl oder Biodiesel gewonnen werden. Ein breitgefächertes Vertriebssystem dafür organisiert die im Jahr 1994 gegründete Hessische Erzeugergemeinschaft für nachwachsende Rohstoffe mit mittlerweile 1700 Mitgliedern.

          Gemeinsam mit dem Verbandsvorsitzenden Schneider warb deren Vorsitzender Herwig Marloff gestern auf Hof Waldeck für das Bioprodukt Raps, beide gingen aber auch mit der derzeitigen Politik hart ins Gericht. Die Besteuerung von Biodiesel sei grober Unfug. Er drohe die zarte Pflanze des Anbaus von Biosprit zu zerstören, meinte Marloff. Mit der Besteuerung von Biodiesel mit neun Cent je Liter zum 1. August vergangenen Jahres habe die Erfolgsgeschichte der landwirtschaftlichen Biodieselproduktion ein jähes Ende gefunden, ergänzte Schneider. Der Absatz von reinem Biodiesel sei seitdem um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

          Klimafreundlichkeit

          Dies ist für Marloff und Schneider angesichts der positiven Energiebilanz von Biodiesel unverantwortlich. Im Gegensatz von Mineraldiesel zeichne sich Biodiesel durch einen deutlich geringeren Ausstoß von Kohlenwasserstoff, Schwefeldioxid und Rußpartikeln aus. Er sei klimafreundlich, weil das bei der Verbrennung frei werdende Kohlendioxid vorher beim Wachstum der Pflanzen der Luft entzogen worden sei. Mit jedem Liter Biodiesel, der mineralischen Diesel ersetze, würden etwa 2,5 Kilogramm des klimaschädlichen Kohlendioxids eingespart. Pro Hektar Rapsanbaufläche ergebe sich damit eine Kohlendioxidreduktion von etwa vier Tonnen. Außerdem sei Biodiesel schnell biologisch abbaubar, so dass bei einem Unfall keinerlei Gefahr für Wasser und Boden bestehe.

          Trotz all dieser Vorteile machen sich die Erzeuger um die Zukunft Sorgen. Auch Landwirt Groh beunruhigt die Aussicht, die das Energiesteuergesetz seinem Berufsstand bietet: Bis zum Jahr 2012 sollen stufenweise steigende Steuersätze auch für Pflanzenöl für einen Steueraufschlag von bis zu 45 Cent pro Liter sorgen. Vom nächsten Jahr an liegt die Besteuerung laut Schneider pro Liter Biodiesel schon bei 15 Cent und bei Pflanzenöl bei zehn Prozent. Das treffe vor allem die kleinen Betriebe hart, die dann nicht mehr konkurrenzfähig sein könnten. Daran ändere auch das zum Jahresbeginn in Kraft getretene Biokraftstoffquotengesetz, das eine Beimischung von Biodiesel von 4,4 Prozent zum Benzin vorsehe, nichts. Die vorhandenen Produktionskapazitäten würden damit nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft.

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