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Landwirte in der Krise : Die Frankfurter Grüne Soße wird knapp

Grüne Soße: In diesem Jahr eine rare Spezialität in Hessen Bild: Wolfgang Eilmes

An diesem Gründonnerstag und zu Ostern gehört die Frankfurter Grüne Soße in der Mainmetropole und andernorts in Hessen auf den Tisch. Doch in diesem Jahr ist die regionale Spezialität nicht so leicht zu haben.

          3 Min.

          Vor dem Hofladen von Rainer Schecker in Oberrad hat die Kundschaft schon Ende vergangener Woche geduldig angestanden. Nach dem Prinzip: einer raus, einer rein geht es Zug um Zug. Neben Lauch, Salat und anderem Gemüse, Eiern und Kartoffeln haben diejenigen, die herauskommen meist auch die Zutaten für die Grüne Soße im Korb. Schon früh aber werden die weißen Papierrollen, in denen die sieben Kräuter verpackt sind, rar. Doch es gibt Alternativen. Wer nicht darauf erpicht ist Petersilie, Pimpernelle, Kerbel, Kresse, Sauerampfer, Bortsch und Schnittlauch selbst fein zu wiegen, greift ohnehin im Hofladen gleich in den Kühlschrank. Denn beim Schecker gibt es die Kräuter auch artgerecht zerkleinert im Glas oder schon verzehrfertig als Soße mit gehacktem Ei nach „Omas Rezept“.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit der großen Nachfrage hat Rainer Schecker kein Problem. Zum Hofladen kommt ohnehin hauptsächlich die Stammkundschaft. Und in der Hochsaison um Ostern gibt es auf seinem Hof immer viel zu tun. „Wir sind ein Familienbetrieb und haben unser Stammpersonal. In dieser Zeit wird durchgearbeitet, da muss man auch mal auf eine Mahlzeit verzichten, wir rekrutieren alles, was laufen kann – und was nicht laufen kann, macht Telefondienst“. Denn das wurde schon in der vergangenen Woche jedem Kunden mit auf den Weg gegeben: „Für Ostern muss man vorbestellen“.

          Dabei fehlen auch Rainer Schecker einige Abnehmer: „Die Gastronomen fallen fast komplett aus, ich habe nur zwei, die jetzt einen Lieferdienst anbieten.“ Der Ausfall sei riesig. „Allein am vergangenen Wochenende, da wäre doch sonst jeder irgendwo in einen Biergarten gegangen“. Dass die Grüne Soße wegen der vielen geschlossenen Gastwirtschaften und Kantinen derzeit nicht so häufig serviert werde, lasse sich durch das Individualgeschäft nicht aufwiegen. „Immerhin haben wir noch die Wochenmärkte“, sagt Schecker, wenngleich ihm auch dort Geschäft fehle, weil er seinen Imbissbetrieb nicht betreiben dürfe. Der Oberräder Gärtner rechnet mit massiven Einbußen in diesem Frühjahr, zumal er auch sein „Grüne Soße-Fest“ am 26. April abgesagt hat, eine Entscheidung, die er sehr lange überlegt hat. Doch: „Das Risiko ist einfach zu groß.“ Aber er bleibt guten Mutes: „Wir sind breit aufgestellt, da steht man besser im Wind, jetzt freuen wir uns umso mehr auf das Tomatenfest im August“, sagt er, schnappt sich ein Brötchen und fährt wieder aufs Feld.

          Trockene Spitzen am Kerbel

          Denn auch das kühle Wetter mit frostigen Nächten hat die Laune der Kräutergärtner nicht unbedingt verbessert. Wenn der Kerbel in einer Packung manchmal an den Spitzen etwas trocken sei, liege das am Frost, sagt Schecker und bittet um Nachsicht, falls doch einmal ein paar solcher Zweiglein ins Paket geraten seien. Im Moment könne das im Eifer des Gefechts mal passieren. Selbst sein Stammpersonal sei jetzt im Dauerstress. Auf Hilfe von außerhalb setzt er nicht. „Bis ich da einem erklärt habe, was zu tun ist, habe ich das schneller selbst gemacht“, sagt der resolute Gärtner. Ein Kollege aus der Oberräder Nachbarschaft, der hauptsächlich den Einzelhandel beliefert, will sich eigentlich überhaupt nicht mehr zu seiner Situation äußern. Er sucht händeringend Arbeitskräfte und hat auf Studenten gesetzt, nachdem keine Fachkräfte aus dem Ausland mehr kommen durften. „Ich bin am Ende mit den Nerven“, sagt der hörbar mitgenommene Landwirt. 40 Studenten habe er angestellt, doch die schafften nur die Hälfte der Arbeit seiner sonstigen Helfer und seien nach acht Stunden total kaputt.

          Im Einsatz von Freiwilligen, Kurzarbeitenden oder anderem fachfremden Personal sieht auch Thomas Södler vom Gartenbauverband Baden-Württemberg-Hessen keine Lösung der Probleme bei der Grüne-Soße-Ernte. Und auch die nun genehmigte Einreise von Erntehelfern werde vielen Betrieben nicht helfen, denn sie seien gar nicht in der Lage, sie angesichts der strengen Hygienevorschriften von anderen Mitarbeitern fernzuhalten und entsprechend unterzubringen. Die Mitgliedbetriebe litten also in vieler Hinsicht unter der Corona-Krise.

          Dass die Nachfrage aus dem Einzelhandel den Absatz in der Gastronomie nicht ersetzen könne, sei da nur eines in einer Reihe von Problemen. Die Mitarbeiter fehlten nicht nur für die Ernte, sondern auch für das Setzen anderer Gemüsepflanzen, was sich zum Beispiel auf die Ernte von Lauch und Kohlrabi später im Jahr auswirken werde. Und mit den vielen Gartenfestivals, Pflanzen-Märkten und -Börsen, wie beispielsweise im Hessenpark Anfang Mai, fehle auch noch ein weiterer Absatzmarkt. „Viele Gärtner kämpfen jetzt um ihre Existenz.“

          Södler ergänzt aber ein optimistisches „wir schaffen das!“ und er meint schon zu erkennen, dass die Krise auch Positives bewirken könne. Es gebe mehr Wertschätzung für die Produzenten regionaler Lebensmittel: „Gab es in den vergangenen Jahren noch oft Streit mit Hundebesitzern,die ihre Lieblinge in den Feldern ihr Geschäft erledigen ließen, so berichten mir Kollegen nun, dass sie jetzt öfter freundlich gegrüßt werden und viele ihnen Hilfe anbieten.“

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