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Mörder abermals verurteilt : Acht Jahre für Stoß ins Gleis

  • -Aktualisiert am

Die einfahrende U-Bahn konnte gerade noch bremsen (Symbolbild). Bild: dpa

Das Landgericht verurteilt einen Mann, der einen Rollstuhlfahrer nach einem Streit auf die U-Bahn-Gleise geschoben hatte. Es ist nicht seine erste Haftstrafe: Er hat schon 19 Jahre für einen Mord gesessen.

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          Weil er einen psychisch kranken, halbseitig gelähmten und betrunkenen Rollstuhlfahrer vom Bahnsteig auf das Gleisbett der Haltestelle Fritz-Tarnow-Straße stieß, hat das Landgericht Frankfurt den 69 Jahre alten Jürgen T. am Montag zu einer Haftstrafe von acht Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Mit der Höhe der Haftstrafe folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Jedoch bewertete die Schwurgerichtskammer den Tatbestand anders: Während die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer von versuchtem heimtückischen Mord ausging, konnte aus Sicht des Gerichts während der vier Prozesstage das Mordmerkmal der Heimtücke nicht nachgewiesen werden. Das Urteil erging deshalb wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

          Jürgen T. war erst ein halbes Jahr vor der Tatnacht des 5. Januar 2020 auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte bis dahin wegen Mordes an seiner früheren Verlobten 19 Jahre lang in Haft gesessen. T. hatte die Frau in ihrer Badewanne ertränkt. Sein Leben war bis wenige Jahre vor dem Mord unstetig verlaufen. Gerichte verurteilten ihn immer wieder – „Ping-Pong-artig“, wie der Vorsitzende Richter am Montag feststellte – wegen Diebstahlsdelikten zu Freiheitsstrafen. Insgesamt verbrachte T. so bereits zehn Jahre in Haft, bevor er den Mord an seiner Verlobten beging.

          Der Vergleich beider Taten habe einen „systematischen Zusammenhang“ aufgezeigt, sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsbegründung. In beiden Fällen seien die Opfer hilflos gewesen, außerdem sei Alkohol im Spiel gewesen. Das Tatgeschehen sei in beiden Fällen als „einfach“ zu bewerten, gehandelt habe T. aufgrund niederer Anlässe. Seine Verlobte hatte T. bei einem Streit um Alkoholika ertränkt; den Rollstuhlfahrer stieß er in Frankfurt im Anschluss an eine verbale Auseinandersetzung um 20 Euro auf die Gleise.

          Den Angeklagten charakterisierte das Gericht als „psychisch belastet und dissozial“ in seinem Verhalten. Immer wieder kam in der Urteilsbegründung und im Prozess T.s Unfähigkeit zur Empathie zur Sprache. Besonders deutlich wurde dies bei der Aussage eines Kriminalpolizisten. Diesem gegenüber soll T. am Morgen nach der Tat gesagt haben, dass der Rollstuhlfahrer „frech“ geworden sei und er ihn deshalb ins Gleisbett gestoßen habe. Auf Nachfrage des Beamten, ob sich T. über die Folgen einer solchen Handlung bewusst gewesen sei, habe dieser in emotional neutralem Ton „Doch, klar“ geantwortet.

          Auf diese Aussage referierte der Vorsitzende Richter am Montag, während er T. als einen „Egal-Täter“ bezeichnete. Als jemanden, der auf eine „Mini-Provokation“ mit einer „krassen Reaktion“ antworte und der sich keine Gedanken um die Folgen der eigenen Handlungen mache. Der Richter sprach in diesem Zusammenhang auch die Videoaufzeichnung an, die es von der Tat gibt. Darauf ist zu sehen, wie T. den Rollstuhlfahrer ins Gleis stößt – „völlig entspannt und fast schon cool“, so der Richter.

          Auch aufgrund dieses Mangels an Empathie, gegen dessen psychologische Behandlung sich T. während der 19 Jahre langen Haftzeit stets verweigert hatte, habe der Verurteilte die „Gefahren der Freiheit nicht bewältigen“ können. Deshalb bestehe aus Sicht des Gerichts keinerlei begründete Hoffnung auf Besserung.

          Das Urteil nahm T. zunächst ruhig auf, wurde dann aber ungehalten. Er unterbrach den Richter, weil ihm nicht gefiel, dass dieser seine Angaben als unglaubwürdig bezeichnete. Damit wiederholte T. ein Verhalten, das er bereits am zweiten Verhandlungstag gezeigt hatte, als er gegen die „Lügenpresse“ und den psychiatrischen Sachverständigen ausfallend geworden war. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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