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Landespolitik : SPD kündigt neue "Bildungs-Agenda" an

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Die hessische SPD will die Bildungspolitik ins Zentrum ihrer Arbeit rücken und strebt nach den Worten des Vorsitzenden der Landtagsfraktion, Jürgen Walter, ein Modell an, das eine "klare Alternative zur CDU" biete.

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          Die hessische SPD will die Bildungspolitik ins Zentrum ihrer Arbeit rücken und strebt nach den Worten des Vorsitzenden der Landtagsfraktion, Jürgen Walter, ein Modell an, das eine "klare Alternative zur CDU" biete. Deren streng das Muster der Dreigliedrigkeit und eine möglichst frühe Selektion betonenden bildungspolitischen Vorstellungen sind in der Sicht der SPD "ideologisch", rückwärtsgewandt und und talentvernichtend. Außerdem ignorierten sie objektive Feststellungen, wie sie in den internationalen Schulvergleichsstudien Pisa und Iglu getroffen worden seien. Dem will die SPD eine "neue Bildungsagenda für Hessen" entgegenstellen, die von der Kinderkrippe bis zur Universität reichen und sich an den Leitlinien einer frühen Förderung, langem gemeinsamen Lernen, Abbau sozialer Hindernisse sowie gleichen Zugang zur Bildung unabhängig vom Elternhaus orientieren soll.

          Walter, der Bildungspolitik auch als wirtschaftspolitische "Schicksalsfrage" ansieht, legte Wert auf die Feststellung, daß die SPD mit ihrem Modell keineswegs den Schulkampf der siebziger Jahre aufwärmen wolle. Das Konzept sei deshalb weder in den Begriffen noch bis ins Detail festgelegt, sondern solle nach einer eingehenden Diskussion mit Schulen, Eltern, Wirtschaft und Fachwelt seine endgültige Gestalt bekommen. Nicht zuletzt soll dabei das Vorhaben der SPD überprüft werden, das gemeinsamen Unterricht aller Kinder bis zur zehnten Klasse vorsieht. Damit gehen die Sozialdemokraten noch weit über ihr früheres Förderstufenmodell hinaus, das nach der sechsten Klasse endete. Walter berief sich dabei vor allem auf die Pisa-Studie, die in seiner Sicht die Überlegenheit längeren gemeinsamen Lernens gegenüber dem strikt dreigliedrigen Schulsystem mit Auslese nach der vierten Klasse eindeutig belegt habe. Die SPD setzt nach den Worten Walters darauf, daß mittlerweile bei vielen, auch früheren Skeptikern die Einsicht von der Überlegenheit des stärker auf Gemeinsamkeit setzenden Schulsystems gewachsen sei.

          CDU und Landesregierung aber ignorierten diese Pisa-Ergebnisse und beharrten auf der frühen Selektion, kritisierte der SPD-Politiker, obwohl auf diese Weise Bildungsverlierer produziert würden. Mehr als zehn Prozent aller hessischen Schüler verließen die Schule ohne Abschluß. Das sei nicht nur aus sozialen Gründen unvertretbar, "das können wir uns auch nicht mehr leisten", sagte Walter. Ohnehin stellt sich für ihn die Frage, ob sich das dreigliedrige Schulsystem in ländlichen Gebieten mangels Schülern überhaupt auf Dauer aufrechterhalten lasse. "Stärkung der individuellen Förderung" lautet die SPD-Losung. Sie soll sowohl für die Vorschuleinrichtungen, die mit der Grundschule auf der Basis eines gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsplans verzahnt werden sollen, als auch für Grundschule und Sekundarstufe I gelten. Die SPD bleibt dabei, daß das letzte Kindergartenjahr verpflichtend sein soll - und gebührenfrei. In der Grundschule will die SPD flächendeckend eine vor allem dem Abbau von Defiziten dienende Eingangsstufe einführen. Dabei sollen erste und zweite Klasse eine pädagogische Einheit bilden, die Kinder in einem Jahr absolvieren, für die sie aber auch bis zu drei Jahren brauchen können. Mehr Hortplätze und Ganztagsschulen sollen das Konzept ergänzen, zu dem auch das mittelfristig angestrebte Ziel gehört, 40 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschulen zu bringen.

          "Dürftig und unausgegoren" nannte CDU-Fraktionsgeschäftsführer Frank Gotthardt das SPD-Konzept. Die SPD habe sich immer noch nicht von ihren längst gescheiterten Modellen verabschiedet. Mit der CDU, sagte Gotthardt, werde es "keinen Schulkampf alter Prägung" geben. Sie werde den eingeschlagenen Weg fortsetzen und der Unterrichtsgarantie mehr Bildungsqualität folgen lassen. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Jörg-Uwe Hahn nannte die Forderung nach zehn gemeinsamen Schuljahren ein "Relikt der sozialdemokratischen Schulpolitik der siebziger Jahre", das alle Ansätze moderner schulpolitischer Anforderungen unterlaufe. Statt den "Ruf nach der Einheitsschule" zu erneuern, sei in Hessen Schulvielfalt gefragt, die den Begabungen angemessen Rechnung trage. a.k.

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