https://www.faz.net/-gzg-9mq8x

An der Grenze zu Hessen : Nun nähert sich der Wolf auch von Südosten

Eine seiner Artgenossinnen hat sich im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld und damit unweit der Landesgrenze zu Hessen niedergelassen: Wolf Bild: dpa

Von Brandenburg kommend, hat sich eine Wölfin an der Grenze zu Hessen in Unterfranken niedergelassen. So meldet es das Landesamt für Umwelt in Augsburg. Doch wie viele Tiere gibt es eigentlich in Hessen?

          Im Norden Deutschlands und vor allem im Osten fühlen sich Wölfe längst wieder heimisch. Zur Freude von Tierschützern, die die Wiederkehr des vor Jahrzehnten hierzulande ausgerotteten Raubtiers bejubeln. Zum Leidwesen von Schäfern und Viehhaltern, die um ihre Bestände fürchten (siehe Kasten). Gerade erst hat das Kanzleramt das Thema Wolf zur Chefsache gemacht, da kommt die Nachricht aus dem Landesamt für Umwelt in Augsburg: Auch an der Grenze zu Hessen hat sich nun eine Wölfin niedergelassen. Genauer gesagt im Landkreis Rhön-Grabfeld. Erstmals war die aus Brandenburg stammende Wölfin den Angaben zufolge im Juli 2018 im Landkreis nachgewiesen worden, der an den Kreis Fulda in Osthessen grenzt, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den Angaben zufolge hat sich das Tier bisher unauffällig verhalten – anders als etwa der später vom damaligen bayerischen Regierungschef Edmund Stoiber zum Problembär erklärte pelzige Einwanderer aus Österreich. Gleichwohl seien Behörden, Verbände und Nutztierhalter informiert worden. Und zwar auch über die Frage, wie Schafe und Rinder zu schützen seien vor der Wölfin.

          Per Zufallsaufnahme entdeckt

          Um einen Wolf als standorttreu einzustufen, muss ein Individuum mindestens über ein halbes Jahr in einer Region nachgewiesen werden, wie ein LfU-Sprecher laut dpa erklärte. Nun sind auch in Hessen immer wieder frei lebende Wölfe gesichtet worden. So gelang 2008 einem Jäger eine spektakuläre Zufallsaufnahme eines Wolfs im nordhessischen Reinhardswald. Laut Naturschutzbund verstarb das Tier aber drei Jahre später, ohne einen Partner gefunden zu haben.

          2017 entdeckten Spaziergänger einen Wolf in der Nähe von Biebertal nahe Gießen und ein Jahr später ein Exemplar im Hinterland zwischen Bottenhorn und Steinperf. Anfang März dieses Jahres wurde ein Wolf bei Herborn im Lahn-Dill-Kreis von einem Auto auf der Autobahn 45 überfahren. Schon im April 2015 hatte einen jungen Wolf das gleiche Schicksal auf der A661 im Osten Frankfurts ereilt – ein Vorfall, der seinerzeit als außergewöhnlich eingeschätzt wurde.

          Autobahnen kontra Rudelbildung

          Wie aber steht es um Wolfsrudel in Hessen? Die Antwort aus dem Umweltministerium ist kurz und knapp: „In Hessen gibt es keine Wolfsrudel.“ Nicht einmal von mittlerweile eingesessenen Raubtieren dieser Art zwischen Kassel und dem Odenwald will eine sachkundige Mitarbeiterin sprechen. „Hier ist immer mal wieder ein Wolf durchgelaufen – das war´s“, erläutert sie. Das gelte etwa für ein 2017 im Odenwald gesichtetes Tier, es sei nach Baden-Württemberg weitergezogen. Ein in Nordhessen entdeckter Wolf sei nach Nordrhein-Westfalen weitergewandert.

          Dessen ungeachtet stehen die Chancen für Wölfe schlecht, sich dauerhaft in Hessen anzusiedeln. Begründung: die Zerschneidung des Landes durch Autobahnen vor allem in Nord-Süd-Richtung. Denn die meisten Wölfe wanderten aus nordöstlicher Richtung ein. Mithin stoßen die Tiere, denen ein Aktionsradius von bis zu 70 Kilometern am Tag zugeschrieben wird, an der A7 und der A5 sowie später der A45 auf gefährliche Hindernisse. Deshalb sei schon eine Anzahl auf Autobahnen umgekommen. Die vorhandenen Wildbrücken reichen nicht aus, um diesen Nachteil wettzumachen, heißt es im Umweltministerium.

          Bauernverband: Geregeltes Wolfsmanagement nötig

          Aus Sicht des Deutschen Bauernverbands nehmen die Schwierigkeiten mit Wölfen in Deutschland zu. Er fordert „wolfsfreie Gebiete“. „Nach realistischen Schätzungen leben bereits jetzt zwischen 1000 und 1300 Wölfe in Deutschland, eine Verdopplung innerhalb von drei Jahren ist anzunehmen“, meint die Landwirte-Lobby. Das Aktionsbündnis Forum Natur (AFN) sowie die Verbände der Halter von Weidetieren forderten deshalb ein „geregeltes Management für den Wolf“, heißt es in einer Mitteilung. „Ohne ein gezieltes Eingreifen ist sowohl die Haltung von Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden und landwirtschaftlichen Wildtieren als auch die Akzeptanz der Menschen im ländlichen Raum für den Wolf in Frage gestellt“, wird Max Freiherr von Elverfeldt vom Aktionsbündnis Forum Natur zitiert. Diesem Bündnis gehören unter anderem der Deutsche Bauernverband, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer, die Familienbetriebe Land und Forst, der Deutscher Jagdverband  und der Deutsche Fischerei-Verband an. (thwi.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.