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„Lahntaucher“ suchen Müll : Parkuhr aus D-Mark-Zeiten inklusive

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Müllmann: „Lahntaucher“: Noah Boonma hievt ein Fahrrad, das er im Fluss bei Marburg gefunden hat, ans Ufer Bild: dpa

Was andere Leute achtlos oder mutwillig in den Fluss werfen, fischen Noah Boonma und seine Mitstreiter wieder heraus. Der Naturschutz-Gedanke treibt die „Lahntaucher“ an. Sie finden auch Raritäten.

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          „Ich glaub, hier ist was Größeres“, sagt Noah Boonma, der im Neoprenanzug in der Lahn steht. Er hat sich an dem Gegenstand unter Wasser den Fuß gestoßen. Der 26 Jahre alte Student taucht unter. An der Wasseroberfläche erscheint ein Reifen, dann ein Lenkrad. Schließlich hievt er mit aller Kraft ein Fahrrad auf eine Plattform am Ufer. Der Student ist einer der „Lahntaucher“, die in Marburg Müll und Schrott im Fluss sammeln und entfernen, was die Umwelt belastet.

          „Wir sind Naturburschen, für uns hat die Natur als Erholungsraum einen unglaublichen Wert“, erzählt er. „Das kann man nur erhalten, wenn wir aktiv Naturschutz betreiben.“ Jede Woche geht die Truppe momentan ins Wasser. Seit dem vergangenem Sommer haben die „Lahntaucher“ nach eigenen Angaben fast zwei Tonnen Müll aus dem Fluss geholt. Häufig finden sie Einkaufswagen und Fahrräder, aber auch ein Motorrad, eine Waschmaschine und eine Parkuhr aus D-Mark-Zeiten gehören zu den Fundstücken.

          „Wir wollten die Uferstelle von Scherben befreien“

          Boonma hat gemeinsam mit einem Freund, Sebastian Pollok, mit diesem Hobby angefangen. Eine Freundin der beiden hatte sich zuvor an einer Scherbe im Wasser verletzt. „Wir wollten die Uferstelle von Scherben befreien“, erzählt Boonma. Dabei seien sie auf weiteren Unrat wie eine Bohrmaschine gestoßen. „Wir haben uns dann gedacht, dass es an anderen Stellen bestimmt noch viel schlimmer aussieht.“ So war die Idee geboren, Müll aus der Lahn zu holen.

          Boonma taucht an diesem Tag mit Neoprenanzug, Haube und Füßlingen. „Am Anfang sind wir in Badehosen und mit der Taucherbrille vom letzten Sommerurlaub getaucht.“ Inzwischen haben sich die „Lahntaucher“ immer weiter professionalisiert, auch wenn noch immer einiges an Ausrüstung fehlt. Deshalb haben sie ein Spendenkonto eingerichtet. Aber auch Hilfe bei Tauchgängen sei willkommen.

          Mehr als 1800 Follower

          Zu den beiden Freunden hat sich mittlerweile Fabian Grüner gesellt. Der 22 Jahre alte Biologiestudent taucht mit breitem Grinsen aus der Lahn auf und hält eine verrostete Eisenstange. „Ich bin so mit der Hand darüber gestrichen und dachte, das ist kein Stock“, sagt er. Die Sicht ist schlecht, deshalb muss sich die Truppe bei ihrem Einsatz an diesem Morgen durchs Wasser tasten. Grüner legt die Stange zu den weiteren Funden wie Schirm, Glasflaschen und Plastikverpackungen. Mit bröselnden Stapeln von Prospekten kommt derweil Mitstreiter Pollok aus einem Gebüsch. „Wir räumen immer auch das Ufer mit auf“, erklärt der 34 Jahre alte Mann.

          Noah Boonma meint, dass es manchen Menschen an Umweltbewusstsein fehle. Anders könne er sich nicht erklären, dass Müll nach dem Grillen ins Wasser geworfen werde. Oder dass sich auch Giftiges wie Autobatterien, Lösungsmittel oder Farbtöpfe in der Lahn finden. „Man kann halt nicht ins Wasser schauen.“ Andernfalls würde der Müll die Menschen mehr stören, vermutet der Student. Auf Instagram und Youtube machen die „Lahntaucher“ den Müll sichtbar. Insgesamt mehr als 1800 Abonnenten folgen der Gruppe in den Sozialen Medien. Der Fotograf Mattis Weber ist der Vierte im Bunde und hilft bei der Dokumentation.

          Der Unrat ist ein Problem für Fluss, Flora und Fauna. Grundsätzlich stelle „jegliches Einbringen von Abfall in ein Gewässer eine Verschlechterung der Gewässereigenschaften im physikalischen, chemischen oder biologischen Sinne“ dar und bedeute somit eine Beeinträchtigung des sensiblen Lebensraums, heißt es aus dem hessischen Umweltministerium.

          Scharfkantige Gegenstände bergen demnach ein Verletzungsrisiko für Fische und andere größere Wassertiere sowie Vögel. Mikroplastik und Chemikalienreste könnten die Vitalität von Würmern, Schnecken, Muscheln oder Krebstieren beeinträchtigen. Nach Angaben des Ministeriums hat die illegale Müllentsorgung in den vergangenen, vom Corona-Lockdown geprägten Monaten zugenommen.

          Umweltschutz kann auch Spaß machen

          Von der Stadt Marburg gibt es Zuspruch für die Aktion der „Lahntaucher“: „Generell begrüßt es die Stadt sehr, wenn sich Menschen in ihrer Freizeit für die Umwelt einsetzen, indem sie beispielsweise Müll sammeln“, teilt eine Sprecherin mit. Die Untere Naturschutzbehörde habe die Gruppe auch über Auflagen für die Reinigungsaktionen im Landschaftsschutzgebiet Lahn informiert. Zum Schutz der Arten dürfe etwa in bestimmten Bereichen und zu bestimmten Zeiten kein Müll gesammelt werden.

          Abfallsammeln werde mit dem Ableisten von Sozialstunden in Verbindung gebracht, sagt Noah Boonma. „Wir zeigen, dass Umweltschutz auch Spaß machen kann und eine coole Sache ist. Spannend ist natürlich, dass wir nie wissen, was wir finden.“ Diesmal ist bei ihrem Tauchgang nichts Spektakuläres dabei, doch die Gruppe ist auch schon auf Historisches gestoßen: Bei einem ihrer Funde, berichtet die Gruppe, könnte es sich nach Einschätzung von Experten um eine handgeschmiedete Jagdwaffe oder um eine abgebrochene Stangenwaffe aus dem 16. oder 17. Jahrhundert handeln.

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