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Frankfurter Flughafen : Lärmpausen: Fraport-Chef dämpft Erwartungen

Tragfähiges Konzept? Am Himmel über Frankfurt soll es frühmorgens oder spätabends eine Stunde länger ruhig bleiben: Eine Idee mit noch vielen Fragezeichen. Bild: F1online

Ein siebenstündiges Nachtflugverbot am Flughafen Frankfurt will die Landesregierung. Doch Fraport-Chef Stefan Schulte will die Lärmpause nur „Schritt für Schritt“ weiterentwickeln.

          Der Fraport-Vorstandsvorsitzende Stefan Schulte warnt vor zu großen Erwartungen an eine zusätzliche Lärmpause am Frankfurter Flughafen. Die Vorstellung, sieben Stunden Nachtruhe im Umfeld des Flughafens seien von Anfang an dauerhaft, zuverlässig und für alle Betroffenen im gleichen Maß zu erreichen, missachte die Probleme, die eine solche Umorganisation des Flugbetriebs mit sich bringe, sagte der Chef des Flughafenbetreibers auf einem mit der Lufthansa ausgerichteten Presseabend. Ziel sei es zunächst, überhaupt Lärmpausen zu realisieren und sie dann Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kay Kratky, Mitglied des Lufthansa-Passage-Vorstandes, ergänzte, für sein Unternehmen sei der Standort Frankfurt wegen der mit dem Nachtflugverbot verbundenen Einschränkungen am Rand dessen angelangt, was verkraftbar sei. Auch Schulte mahnte, mit Blick auf die Bedeutung des Flughafens für die Wirtschaft des Landes dürfe dessen Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter beeinträchtigt werden. Kratky verwies auf anstehende hohe Investitionen der Lufthansa in neue Maschinen, die bis zu 30 Prozent weniger Lärm verursachten. Auch werde die Nachrüstung älterer Flugzeuge mit Wirbelgeneratoren eine Entlastung für die Anwohner um bis zu vier Dezibel bringen.

          Landesregierung will sieben Stunde Ruhe

          Die Landesregierung will, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, erreichen, dass das Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr für gewisse Regionen faktisch verlängert wird, entweder frühmorgens oder spätabends. Durch eine Bündelung von Starts und Landungen in der Regel auf zwei Bahnen sollen die Anwohner unter Einflugschneisen von „pausierenden“ Pisten entlastet werden und im Idealfall tatsächlich sieben Stunden Ruhe finden.

          Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Michael Boddenberg, hatte vor einigen Tagen in einem Interview gesagt, man strebe eine dauerhafte Regelung an. Er reagierte damit auf die Ansicht der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände, die zusätzliche Lärmpause sei nur denkbar, solange es die noch geringe Nachfrage der Airlines in diesen Stunden zulasse. In einer Stellungnahme hob das von Tarek Al-Wazir (Die Grünen) geführte Verkehrsministerium am Dienstag abermals hervor, der Frankfurter Flughafen habe eine besondere Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Hessen. Ziel der Landesregierung bleibe es, diese Stärke zu erhalten, aber zugleich die Menschen in der Region von Fluglärm zu entlasten.

          „Drops“-Verfahren soll mehr Schlaf ermöglichen

          Seit Monaten beraten Fachleute des Flughafenbetreibers Fraport, der Deutschen Flugsicherung, der Fluggesellschaften und des Verkehrsministeriums, wie dies zu bewerkstelligen sei. Dem Vernehmen nach sind an die 200 Varianten im Gespräch, von denen vier in die engere Wahl gezogen werden sollen. Als Ziel wird genannt, mit Beginn des Sommerflugplans im April den Betrieb so neu sortiert zu haben, dass jeweils in bestimmten Regionen Lärmpausen entstehen. Die Modelle sollen noch im Sommer präsentiert und in der Fluglärmkommission und im Forum Flughafen und in der Region diskutiert werden.

          Im Mittelpunkt aller Bemühungen steht ein im Fachjargon Drops genanntes Verfahren – eine Abkürzung für Dedicated Runway Operations –, was am ehesten mit „zugewiesener Bahnbetrieb“ zu übersetzen ist. Es ist in Frankfurt am frühen Morgen schon für Starts etabliert. Kommt der Wind aus Westen („Westbetrieb“) werden an ungeraden Kalendertagen nur die beiden Parallelbahnen genutzt. Die Startbahn West ruht bis 6 Uhr, womit die Menschen in Mörfelden länger schlafen können. Bei Ostbetrieb wird an ungeraden Tagen nur von der Startbahn West gestartet, was Frankfurts Süden, Offenbach und Neu-Isenburg entlastet.

          Zusätzliche Lärmpausen seien schwer planbar

          Das funktioniert auch deswegen inzwischen gut, weil vergleichsweise wenige Maschinen in der Zeit zwischen 5 und 6 Uhr von Frankfurt starten. Viel mehr wollen in dieser Zeit aber hier landen, gerade in den ersten 20 Minuten, nachdem der Flughafen wieder geöffnet ist. Dass unter ihnen ein Großteil sogenannte Heavys sind, das heißt schwere Flugzeuge der Typen Airbus380 oder Boeing 747, erschwert eine die Anrainerkommunen gleichmäßig entlastende Verteilung erheblich. Die Kolosse dürfen auf der Nordwestpiste nicht landen, sondern müssen auf eine der Parallelbahnen geleitet werden.

          Der künftige Flottenmix in den Nachtrandstunden ist daher ein wesentlicher, aber nur schwer kalkulierbarer Faktor. Das meint Fraport-Chef Schulte, wenn er zu bedenken gibt, zusätzliche Lärmpausen ließen sich nur schwer planen. Das gilt auch mit Blick auf die Verteilung der Betriebsrichtung, die davon abhängt, woher und wie stark der Wind weht. Im Winterhalbjahr hielt die Tendenz an, dass er verstärkt – mittlerweile zu 80 Prozent – aus dem Westen kommt.

          Auch die ungewisse Perspektive, wie schnell die Nachfrage nach Slots, den Zeitnischen für Starts und Landungen, in den nächsten Jahren steigen wird, macht es schwierig, Lärmpausen langfristig zu koordinieren. Die Kapazität für diese zwei Stunden ist vom Bundesverwaltungsgericht auf durchschnittlich täglich 133 „Bewegungen“ gedeckelt worden. Laut dem Lärmschutzbericht von Fraport wurde in der Winterflugplanperiode tatsächlich aber nur etwa die Hälfte nachgefragt.

          Einzelne Bahnen frühmorgens und spätabends nicht zu nutzen sei ein durchaus anspruchsvolles Projekt, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Ziel bleibe dennoch, dass die Menschen im Umfeld des Flughafens eine Stunde mehr Ruhe hätten – „möglichst verlässlich“.

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