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Kunsthochschule Kassel : Kunst an vergessenen und unbekannten Orten

  • -Aktualisiert am

Das ist Kunst, die jeder versteht, die kaum einer Erklärung bedarf. Sie verbindet Schauspiel und Film, das Leben mit der Leinwand. Sie zwingt zur Selbstreflexion, sei es in der Halle vor dem Boxsack oder bei der nächsten Begegnung mit einem leidenden Menschen, den der ungebetene Ratschlag wie ein K.o.-Schlag innerlich zu Boden gehen lässt. In einem Hinterzimmer der alten Turnhalle am Hauptbahnhof dokumentieren Philipp Teister und Kim Asendorf, wie sich Realität und Virtualität im Alltag verschränken. Auch ihre Kunst ist ein soziales Projekt. Sie halten den Menschen den Spiegel vor. Im Internet schufen sie zwei „Accounts“, zwei Zugänge zu Skype, einer Möglichkeit, sich weltweit in Bild und Ton mit Mikrofon und Kamera, aber auch mit Kamera und Schriftverkehr von Computer zu Computer auszutauschen. Sie schufen die Accounts der realiter nicht existenten „Sonja und Silke“ und zeigten sich – als junge Männer – selber nicht. Die Partner im Netz kamen schnell zur Sache, fragten Sonja und Silke sogleich nach Sex.

Kunst und Toleranz in der Lolita-Bar

Für die Künstler ein Beweis, dass es im Netz keine Hemmschwellen gebe, ohne die das wirkliche Leben niemals funktionierte. Die Künstler dokumentieren die Korrespondenz, welche die Skyper mit Sonja und Silke führten, und sie zeigen, was die Gesprächspartner von Sonja und Silke währenddessen filmten, nämlich Männer, die ihre Hosen öffneten und sich selbst befriedigten, während sie in vielfach schlechtem Deutsch ihre Botschaften an Sonja und Silke sandten. Zerbrechlich und glasklar wirken die Fotografien von Sebastian Isacu in einem Ladenlokal im Kulturbahnhof. Isacu hat in einem Düsseldorfer Keramikmuseum die Scherben von Taubendieb und Pfeifer, zwei Porzellanfiguren, fotografiert. Unter der Last der beiden Figuren war ihre Vitrine in einer Nacht ohne das Zutun Dritter zusammengestürzt. Die harten, spröden Figuren zerplatzten am Boden. Der Fotograf recherchierte ihre Geschichte.

Die Figuren stammen aus einer Manufaktur beim thüringischen Rudolstadt. Sie wurden in den 1920er Jahren nach Vorlagen aus dem Rokoko gefertigt. Ihr Modelleur, Hogo Deisel, hatte im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren. Er musste sein Handwerk fortan mit links beherrschen. Nach der Wende stürzte die Porzellanindustrie in Thüringen in sich zusammen wie die Vitrine im Museum. Junge Männer, so alt wie der Modelleur im Krieg, verkleiden sich unterdessen in Rudolstadt im Stil des Rokoko, um Touristen auf die heimische Porzellankunst hinzuweisen. Auf Isacus Bildern wirken die jungen Männer mit ihren Perücken fragil wie die zersprungenen Figuren.

Zu einer Stadtrundfahrt im Stehen laden Felix Ott und Ben Brix in ihren Wohnwagen im Südflügel des Hauptbahnhofs ein. Ott studiert auch Choreographie in Berlin. Er beschäftigt sich mit der Schaffung von Bewegung, ohne sich zu bewegen. Die Künstler fuhren mit einem Auto durch Kassel und filmten 35 Minuten lang, was sie durch die Frontscheibe, die Rückscheibe und die beiden Seitenscheiben sahen. Nun projizieren sie synchron diese vier Filme von außen auf die Front-, Heck- und Seitenscheiben des Wohnwagens. Im Wohnwagen entsteht die Illusion von Bewegung, während das Fahrzeug irritierend still steht. Die Straßenszenen wirken in den Fensterrahmen des Wohnwagens eben wegen ihrer Rahmung wie ein bewegtes Bild, wie inszeniert.

Ein Muss ist der Besuch der Lolita-Bar, der Galerie Loyal und der darunterliegenden Katakomben an der Hilpert-Straße, die vor dem Bahnhof abwärts führt. Es ist eine heruntergekommene Gegend mit zugeklebten Fenstern, die auch schon einmal Einschusslöcher zeigen. Hier gibt es Drogen, Alkohol, Wohnungslose und Prostitution. Die Studenten aber haben diesen Ort umfassend umgewidmet zu einem Ort der Kunst, aber auch der Toleranz. Besucher müssen sich nicht fürchten. In einem Gewölbe, das einst ein Weinlager war, präsentieren die Studenten ebenso ihre Werke, wie sie oben im Raum 4 der Lolita-Bar stets neue Kunst entstehen lassen.

Von 10 bis 18 Uhr stehen täglich Künstler vor einer mehr als zwei mal drei Meter großen Leinwand und malen ohne Unterbrechung. Der eine greift auf, was der andere begonnen hat, setzt es fort und verändert es. Das Gemälde, in dem klassischerweise ein Augenblick erstarrt ist, wird durch die Arbeit ständig wechselnder Künstler lebendig. Im Abstand von drei bis fünf Minuten fotografiert eine Kamera das Bild. Wenn die Momentaufnahmen aus drei Stunden gesammelt sind, werden die neuen Aufnahmen an eine Videoschleife angehängt, welche das Ursprungsbild und seine Metamorphose bis zum jüngsten Augenblick zeigt. Dieser Videoloop, die immer länger werdende Endlosschleife, wird ins Fridericianum übertragen und dort unter dem Titel „The Wigglin Wallpaper“ gezeigt.

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