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Künstler Malte Sänger : Lernen in Offenbach statt in Kalifornien

  • -Aktualisiert am

Sitzt fest: Malte Sänger hofft auf ein Visum für die Vereinigten Staaten. Bild: Marina Pepaj

Auch für ihn ist im Pandemie-Jahr alles anders: Malte Sänger hatte sich auf sein Studium in den Vereinigten Staaten gefreut, nun muss der Künstler zu Hause arbeiten – auch nachts.

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          Die Umstände hat er sich gewiss ganz anders vorgestellt. Malte Sänger arbeitete jahrelang darauf hin, seine künstlerische Ausbildung in den Vereinigten Staaten fortzusetzen. Dieses Jahr fruchteten seine Bemühungen endlich. Seit September belegt Sänger den Masterstudiengang „Photography and Media“ am Fachbereich Kunst des California Institute of the Arts. Die abgekürzt „CalArts“ genannte private Kunsthochschule liegt in Santa Clarita, 48 Kilometer nördlich von Los Angeles. Sänger lebt indes weiterhin in Offenbach – etwa zwölf Flugstunden von Los Angeles entfernt.

          Unter den derzeit geltenden Bestimmungen ist für ihn eine Einreise in die Vereinigten Staaten nicht möglich. Wegen der Corona-Pandemie findet das Wintersemester an der „CalArts“ ohnehin digital statt. Alles laufe über die Videokonferenzplattform Zoom, berichtet Sänger. Vor allem der neunstündige Zeitunterschied zu Kalifornien macht ihm zu schaffen. Denn einige Kurse finden, zumindest für Sänger, in den Nachtstunden statt. Der Unterricht endet bisweilen um fünf Uhr morgens. „Ich bin wirklich erschöpft“, beklagt der 1987 geborene Künstler. Er stehe von frühmorgens bis spät in die Nacht komplett unter Strom.

          „Das hat alles Begleiterscheinungen“, weiß Sänger. Seine Sozialkontakte leiden ebenso wie die künstlerische Arbeit. „Irgendwie quetschst du das dir in den Tag rein“, erzählt er. Von den Angeboten der „CalArts“ zeigt sich Sänger aber angetan: Sie seien der absolute Hammer. So berichtet er von einem Seminar, das ihm einen neuen Blick auf die Geschichte der Fotografie eröffnet habe. Er habe beispielsweise die sozialkritische Fotografie in San Diego der 1970er Jahre für sich entdeckt. „Das hatte ich in Offenbach so nicht kennengelernt“, sagt der Absolvent der dortigen Hochschule für Gestaltung (HfG).

          Künstler und Theoretiker zugleich

          Dabei sieht er die „CalArts“ durchaus als eine Fortführung der HfG. Denn auch in Santa Clarita pflege man den vom Bauhaus abgeleiteten Gedanken, künstlerische und kreative Disziplinen unter einem Dach zu vereinen und miteinander ins Gespräch zu bringen. „Dass da ein absoluter Austausch stattfindet“, das sei das Ziel der Hochschule. Sänger hebt zudem hervor, dass dort das theoretische und analytische Denken als Voraussetzung für die Kunst gelte. Die Professoren seien sehr gute Künstler und Theoretiker zugleich.

          Sänger erzählt von einem weiteren Seminar. Die Studenten sollen dort Heldengeschichten aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft hinterfragen. Den interdisziplinären Ansatz des Seminars beschreibt er als „divers, offen und locker“. Einen vielfältigen Blick bringen seine Kommilitonen auch kraft ihrer Herkunft mit. Viele kämen aus Südamerika, vor allem aus Brasilien, Peru und Kolumbien. Etliche Studenten stammten aus Asien, zumeist aus China und Südkorea. Die meisten seien, so Sänger, Amerikaner. „Interessanterweise kommen wenige aus Europa“, merkt er an.

          Neben Seminaren bietet die Kunsthochschule auch Einzelgespräche mit Professoren an, in denen laufende künstlerische Projekte besprochen werden können. Das letztliche Ziel des Masterstudiengangs sei eine große Ausstellung, berichtet Sänger. Er entwickele eine fotografische Arbeit, die auch Installationen und Skulpturen umfassen werde. „Es wird ganz bestimmt auch ein Fotobuch geben“, sagt Sänger. Sein Projekt habe mit einem Aspekt des Welthandels zu tun, der 1860 im Harz beginne und um 1980 in Pennsylvania ende. Mehr kann er derzeit noch nicht verraten.

          „Du bist auf dich selbst zurückgeworfen“

          Es sind unterdessen nicht nur die ungewohnt späten Unterrichtszeiten, die Sänger Unbehagen bereiten. Auch das vollständig digitale Studium betrachtet er mit Skepsis. Es gebe ein „Crit Class“ genanntes Format, bei dem man künstlerische Arbeiten vorstelle. „Du guckst auf Reproduktionen von Kunstwerken und Menschen“, beschreibt Sänger seinen Eindruck. Das Haptische und Fühlbare fehle. Auch den unvermittelten Übergang von den mitunter dreistündigen Zoom-Seminaren zu den eigenen vier Wänden beschreibt er als irritierend: „Du bist auf dich selbst zurückgeworfen.“ Trotz einer gewissen Überforderung sei die „CalArts“ aber bemüht, die Situation erträglicher zu gestalten, berichtet Sänger. Auch werde die Unzulänglichkeit des digitalen Kunststudiums in den Seminaren thematisiert.

          Bei allen Schwierigkeiten kündet Sängers Erfahrung auch vom Gelingen. Schließlich wurde er an der Hochschule angenommen und erhielt nicht nur dort ein Stipendium. Einen erheblichen Anteil der insgesamt etwa 105.000 Dollar umfassenden Studiengebühren trägt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Sänger erhält zudem Unterstützung zur Deckung der Lebenshaltungskosten. Es sei schon cool, dass der DAAD das alles auch unter den Bedingungen des Online-Studiums ermögliche.

          Auch den Hochschulcampus und die Professoren kennt Sänger nicht ausschließlich vom Computerbildschirm. Mitte März konnte er vor Ort ein Vorstellungsgespräch führen. Es habe kurz vor dem dortigen Lockdown stattgefunden. „Danach klappte das gesamte öffentliche Leben zusammen.“ Eine ausschlaggebende Rolle bei der Bewerbung habe die jemenitisch-bosnisch-amerikanische Künstlerin Alia Ali gespielt. Sie wird, ebenso wie Sänger, von der Frankfurter Galerie Peter Sillem vertreten. „Sie hat mein Interesse für diese Hochschule geweckt“, sagt Sänger über die „CalArts“-Absolventin. Ali habe sich für ihn eingesetzt und auch ein Treffen mit den Professoren ermöglicht.

          Malte Sänger plant schon für das nächste Semester, das wieder digital stattfinden soll. Er möchte versuchen, weniger nächtliche Kurse zu belegen. Unterdessen bemüht sich Sänger intensiv um ein Visum für die Vereinigten Staaten. Im Mai oder Juni 2021 könnte es, so hofft er vorsichtig, mit der Einreise klappen. Diese Aussicht muss Sänger beflügeln.

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