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Kriminalität in Offenbach : Fragile Sicherheit trotz aller Erfolge

Das „Konstrukt Sicherheit“ bleibt fragil: Großeinsätze mit Spezialkräften bleiben aber die Ausnahme; die Gesamtkriminalität ist rückläufig Bild: dpa

In der Stadt Offenbach ist die Kriminalität insgesamt rückläufig. Doch bei Straftaten, in denen Gewalt eine Rolle spielt, sieht das anders aus. Auch die Aufklärungsquote ist 2020 gesunken.

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          Das Erfreuliche der Offenbacher Kriminalitätsstatistik zuerst: Die Jugendkriminalität ist im vergangenen Jahr um mehr als 14 Prozent auf 1151 Fälle gesunken. Das dürfte der engagierten Jugendsozialarbeit der Stadt geschuldet sein, aber auch der stringenten Strategie der Polizei, möglichst früh auf Jugendliche einzuwirken, um zu verhindern, dass sich kriminelle Muster verfestigen, wie Eberhard Möller, Polizeipräsident im Präsidium Südosthessen, im Kriminalitätsbericht erläutert.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Außer der intensivierten Präventionsarbeit in Schulen hat die Polizei auch ihr Vorgehen verändert. Die Straftaten Jugendlicher werden jetzt dort bearbeitet, wo der Täter oder die Täterin wohnhaft ist, und nicht mehr dort, wo die Straftat verübt wurde. Das erlaubt es Möller zufolge, die straffällig gewordenen Jugendlichen enger „polizeilich zu betreuen“.

          Große Bedeutung in der Bekämpfung der Jugendkriminalität hat auch das Haus des Jugendrechts, das 2019 die Arbeit in Offenbach aufgenommen hat. Dort versuchen Stadt, Polizei und Justiz gemeinsam, straffällig gewordenen jungen Leuten möglichst schnell die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens spüren zu lassen, zugleich aber auch Perspektiven anzubieten, um sie nicht dauerhaft an das kriminelle Milieu zu verlieren.

          Die Aufklärungsquote ist 2020 gesunken

          Die Kriminalität in der Stadt mit rund 130.000 Einwohnern ist im Vorjahresvergleich insgesamt zurückgegangen, wenn auch längst nicht so deutlich wie in der Altersgruppe bis 21 Jahren. Mit 9481 Straftaten lag die Zahl der Fälle um 4,5 Prozent unter dem Vorjahr. Das ist der niedrigste Wert seit Bestehen des Polizeipräsidiums Südosthessen, das 2001 eröffnet wurde. Die Aufklärungsquote ist 2020 allerdings um 3,5 Punkte auf 66 Prozent gesunken. Das ist den Angaben zufolge den Auswirkungen der Corona-Pandemie geschuldet, weil mehr Ordnungskräfte zur Kontrolle der Pandemie-Vorkehrungen eingesetzt wurden und damit weniger für andere Kontrollen.

          Ungeachtet der rückläufigen Zahl von Delikten sind einige Formen von Kriminalität, in denen Gewalt eine Rolle spielt, häufiger zu beobachten gewesen. So hat es 127 gewalttätige Angriffe gegen Einsatzkräfte der Polizei, der Feuerwehr und der Rettungsdienste gegeben. Im Vorjahr waren es 23 weniger. 2018 wurde allerdings der Höchststand der vergangenen sechs Jahre mit 140 Angriffen registriert. Die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist ebenfalls deutlich um 34 auf 135 gestiegen. Darunter sind sexuelle Belästigungen zu verstehen, Beleidigungen auf sexueller Grundlage wie auch Sexualdelikte ohne eine explizite sexuelle Belästigung.

          Ebenso ist die Straßenkriminalität leicht gestiegen auf 1712 Fälle, nachdem sie 2019 auf 1630 Fälle gesunken war. Vergleicht man allerdings den aktuellen Stand mit dem von 2001, als die Kriminalstatistik in der aktuellen Form ihren Anfang nahm, hat sich die Zahl der Fälle von Straßenkriminalität mehr als halbiert. Damals hatte die Polizei mehr als 3750 Delikte zu bearbeiten.

          Die Fälle von Körperverletzungen sind 2020 im Vorjahresvergleich mit 764 Fällen fast gleich geblieben. Etwa zwei Drittel dieser Straftaten waren leichte Körperverletzungen. 112 Mal musste die Polizei allerdings wegen schwerer Körperverletzungen tätig werden. Das Merkmal der Schwere bezieht sich dabei auf die Folgen der Tat für das Opfer, beispielsweise wenn die Sehfähigkeit durch die Attacke eingeschränkt bleibt. Ist dagegen von einer gefährlichen Körperverletzung die Rede, geht es um die Charakterisierung der Tat, etwa mit einem Messer.

          Im Vergleich zu 2019 hat die Polizei gut ein Viertel weniger Fälle von Rauschgiftkriminalität registriert. Das kann aber nicht als Beleg für einen echten Rückgang interpretiert werden, denn bei der Rauschgiftkriminalität handelt es sich um ein Kontrolldelikt, das häufiger aufgedeckt wird, wenn die Beamten in den einschlägigen Kreisen stärker kontrollieren. Da die zur Verfügung stehenden Kräfte verstärkt zur Kontrolle der Pandemie-Regeln eingesetzt wurden, ist die Zahl der registrierten Fälle gesunken.

          76 Fälle von Raub und räuberischer Erpressung hat die Polizei registriert, 2019 waren es 84. Mit 159 ist die Zahl der Wohnungseinbrüche so niedrig wie seit 2001 nicht mehr. Die Zahl der Diebstähle steig leicht auf 2986, im Jahr 2001 waren es allerdings 7400.

          Internetkriminalität ist gestiegen

          Zugelegt hat die Internetkriminalität. 2019 waren es 453 Delikte, 2020 schon 526. In zwei Dritteln der Fälle handelt es sich um Vermögensdelikte. Die Kriminalstatistik erfasst auch die „Allgemeine Kriminalität bei Zuwanderern“. Deren Zahl ist um zwölf auf 429 gestiegen, wobei die Steigerung überwiegend Verstößen gegen Regeln des Aufenthaltsrechts geschuldet ist. In allen anderen Deliktgruppen sind die Zahlen rückläufig.

          Ungeachtet des Rückgangs der Gesamtkriminalität hob Polizeipräsident Möller hervor, dass das „Konstrukt Sicherheit“ fragil bleibe. Die durch rechtsextremes Gedankengut motivierten Morde von Hanau hätten das auf tragische Weise verdeutlicht.

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