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Kriminalität : Bei häuslicher Gewalt eine hohe Dunkelziffer

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Häusliche Gewalt: 600 Notrufe hat die Wiesbadener Polizei im vorigen Jahr erhalten Bild: ddp

Vom Ehemann geschlagen, getreten, bedroht - die Dunkelziffer dieser Übergriffe ist hoch: Mit einem ambitionierten Programm einschließlich einer Ausstellung in der hessischen Polizeischule will Wiesbaden die Opfer stärken.

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          600 Notrufe. 600 Mal hat sich die Wiesbadener Polizei im vorigen Jahr aufgemacht, um Opfern beizustehen, die von ihren Ehe-, Lebens- oder Liebespartnern geschlagen, getreten, bedroht wurden. In Wirklichkeit wären nach Einschätzung von Fachleuten wohl mehr als 20.000 solcher Einsätze nötig gewesen. Mindestens jede siebte Frau nämlich, so schätzt die Wiesbadener Frauenbeauftragte Saskia Veit-Prang, wird in der Landeshauptstadt Opfer häuslicher Gewalt, in Frankfurt soll es sogar jede vierte treffen.

          Thema ist tabu

          Das Thema ist tabubelastet wie eh und je – auch wenn sich binnen acht Jahren die Zahl der Anzeigen bei der Polizei in Wiesbaden verdoppelt hat, wie Monika Simmel-Joachim, Professorin im Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Wiesbaden, ermittelt hat. Veit-Prang hält es deshalb für an der Zeit, in der Öffentlichkeit stärker „Partei für die Opfer zu ergreifen“. Diese müssten wissen, dass sie nicht allein auf sich gestellt seien und wo sie Hilfe und Unterstützung bekommen könnten.

          Kritisch äußerten sich am Donnerstag bei der Vorstellung des ambitionierten Projekts allerdings sowohl die Frauenbeauftragte als auch Corina Gombel von der hessischen Polizeischule zu der rechtlichen Situation der Opfer häuslicher Gewalt. Die Lage habe sich zwar durch das im Jahr 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz verbessert, es bietet aber den Frauen aus Sicht Veit-Prangs noch keinen richtigen Schutz insbesondere vor Mehrfachtätern. Gombel sprach von einer Art „kompliziertem Zwittergesetz“ zwischen Zivilrecht und öffentlichem Gesetz, das den Betroffenen einen „Riesenberg“ von Bürokratie zumute. So müssten sie beispielsweise selbst dafür sorgen, dass dem Täter gerichtliche Verfügungen, etwa das Verbot, die gemeinsame Wohnung zu betreten, auch zugestellt würden.

          „Tatort Familie“

          Mit den fünf vom Wiesbadener Arbeitskreis „Prävention, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ und der Hessischen Polizeischule konzipierten „Aktionstagen“ zum Thema „Tatort Familie“ wendet sich das kommunale Frauenreferat, unterstützt von der hessischen Polizeischule, aber nicht nur an die Opfer, sondern an breite Bevölkerungsschichten, speziell auch an Kinder und Jugendliche. Denn Ziel der Kampagne ist, allgemein für das Thema zu sensibilisieren, Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen, die häusliche Gewalt mitbekommen oder denen davon berichtet wird, Mut zu machen, sich mit dem Wissen an eine fachlich mit dem Thema befasste Beratungsstelle zu wenden – „ohne Ankläger sein zu müssen“, wie Veith-Prang sagte.

          Jeder „Aktionstag“ richtet sich an eine andere Zielgruppe – zum Beispiel Schulklassen oder engagierte Privatpersonen – und vertieft das Thema durch Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops. Es gibt zum Beispiel einen „Jugendtag“ (5. Februar) mit Musiktheater und einer Diskussionsrunde, einen „Tag der Zivilcourage“ (7. Februar) mit Puppentheater für Kinder und „Selbstbehauptungsworkshop“ sowie sogar einen „Männertag“ mit Fachvorträgen und Beratungsangeboten.

          Begleitet werden die „Aktionstage“ von der Ausstellung „Gegen Gewalt in Paarbeziehungen“, die sich die Wiesbadener vom Landeskriminalamt Niedersachsen geliehen haben. Die Ausstellung informiert die Besucher, wie sich Gewalt im unmittelbaren sozialen Umfeld manifestiert, sie informiert über Möglichkeiten, wie Verwandte, Freunde oder Nachbarn wirkungsvoll intervenieren können, und gibt Anstöße zur praxisnahen Prävention.

          Studie: Jede vierte Frau betroffen

          Gewalt in Paarbeziehungen sei trotz des Aufbruchs zahlreicher Tabuisierungen ein durch Mythen und Vorurteile belastetes gesamtgesellschaftliches Problem, heißt es in der Einleitung, in der auch auf eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren und Gesundheit in Auftrag gegebene Studie verwiesen wird, der zufolge die geschätzten einschlägigen Zahlen in Deutschland offenbar in der Vergangenheit generell zu niedrig angesetzt worden seien.

          Jede vierte Frau, heißt es da, habe in der Untersuchung angegeben, mindestens einmal, davon jede dritte sogar bis zu 40 Mal von ihrem Partner körperlich attackiert worden zu sein – mit Verletzungsfolgen von blauen Flecken und Prellungen über offene Wunden (20 Prozent), Kopfverletzungen (19 Prozent), vaginale Verletzungen (10 Prozent) bis hin zu Fehlgeburten (vier Prozent) und inneren Verletzungen (drei Prozent). Auch Männer erfahren körperliche oder psychische Gewalt ihrer Partnerinnen, doch zu mehr als 90 Prozent sind aktuellen Schätzungen zufolge Frauen in der Opferrolle.

          Das Programm unter www.wiesbaden.de

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