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Kreuzfahrt mit der Bibel : Herr Pfarrer und das Meer

Berufung und gestilltes Fernweh: Klaus Forster fährt als Seelsorger auf Kreuzfahrten. (Symbolbild) Bild: dpa

Jeden Sommer heuert der katholische Priester Klaus Forster auf einem Kreuzfahrtschiff an. Auf See kann er entspannen und dabei seiner Berufung nachgehen. Der Alltag hier ist anders als an Land.

          Zwischen Himmel und Meer liegt der Panoramaraum. Von Glas umgeben, fällt von Deck neun aus jeder Blick auf den weiten Ozean. Für Klaus Forster ist der Raum genau das Richtige. Zum einen kann der Pfarrer dort oben seine Sehnsucht nach der See stillen. Zum anderen ist der lichtdurchflutete Raum bestens geeignet für Morgenandachten und Gottesdienste. Forster geht regelmäßig an Bord. Jeden Sommer, seit vier Jahren. Der Priester aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim heuert auf einem Kreuzfahrtschiff an, um den Passagieren für drei Wochen als Seelsorger zur Verfügung zu stehen. Forster, 62 Jahre alt, muss die Reise nicht bezahlen, dafür aber beim Bistum Mainz Urlaub von seiner Arbeit in der Gemeinde einreichen. Dauernde Maloche ist so eine Tour aber nicht. „Es gibt durchaus Erholungsanteile“, sagt der Mann mit dem freundlichen Lachen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum Kreuzfahrtpfarrer wurde Forster im Jahr 2015 – „wegen meiner Vorliebe für das Meer und wegen meiner Neugier auf Neues“. Damals bewarb er sich mit ungefähr 50 anderen katholischen Geistlichen für einen Einsatz auf einem Luxusdampfer. Das Prozedere zuvor ist immer gleich: Jedes Jahr treten bestimmte Reiseanbieter an das Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz heran und bitten um seelsorgliche Begleitung für diese und jene Tour. An einem Tag im Oktober werden die Kreuzfahrten dann auf die Pfarrer verteilt. Wollen mehrere Bewerber an einer bestimmten Reise teilnehmen, wird gelost. Forster war viermal hintereinander in Nordeuropa unterwegs, in diesem Juli geht es von Bremerhafen aus zu den norwegischen Lofoten. Für das nächste Jahr hofft er auf Südafrika.

          Der erste Tag an Bord ist wichtig. „Die große Aufgabe am Anfang ist, sich bekannt zu machen“, sagt der Pfarrer. Meist legt das Schiff am Vorabend ab, der komplette erste Tag ist dann ein Seetag. Im vergangenen Jahr zum Beispiel brach die MS Deutschland im Juli zu einer Ostsee-Kreuzfahrt auf. Von Forsters Angebot einer ökumenischen Morgenandacht erfahren die Gäste immer aus dem Tagesprogramm, das in ihrer Kabine liegt.

          Klaus Forster: Er ist katholischer Priester und geht einmal im Jahr als Seelsorger an Board eines Kreuzfahrtschiffes.

          Am 11. Juli 2018 begann das Programm an Bord um 8 Uhr mit Frühsport: „Annika erwartet Sie am Shuffleboardfeld/Deck 7“. Für 9.15 Uhr findet sich dann „Hinhören“, die Andacht von Bordpfarrer Klaus Forster im Panoramaraum, der offiziell „Lido Terrasse“ heißt. Obwohl der Termin wegen des zur selben Zeit gern eingenommenen Frühstücks eher ungünstig ist, kommen schon beim ersten Mal meistens etwa 20 Zuhörer. Ein Steward hat einen Tisch mit einem weißen Tuch gedeckt und ein Kreuz darauf gestellt. Für die Teilnehmer gibt es Sessel.

          Zwei Schoko-Herzen für den Pfarrer

          Forster stellt sich vor und erkundigt sich nach der Herkunft der Gäste. Er hält eine biblische Lesung, gemeinsam singen alle zwei, drei Lieder. Manchmal begleitet der Bordpianist. Eine Morgenandacht gibt es jeden zweiten Tag. Oft pendelt sich die Teilnehmerzahl bei 30 ein, zum Gottesdienst an jedem Wochenende sind dann 60 bis 80 Leute dabei. An einer solchen Reise nehmen nach Forsters Worten 400 bis 800 Passagiere teil. Hinzu kommt die Crew; als Faustregel gilt, dass ein Crew-Mitglied für drei Passagiere sorgt. Kreuzfahrten, für die Anbieter Seelsorger suchen, sind keine Touren für Heavy-Metal-Fans. „Da gibt es keinen Bedarf“, sagt Forster. Die Reisen, die er begleitet, legen den Schwerpunkt auf Kultur und Natur. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer beträgt 70 Jahre. Und Geld müssen sie außerdem haben. Der Pfarrer darf zum Preis einer zwei- bis dreiwöchigen Tour nichts sagen.

          Er erzählt aber von einer älteren Dame, die ihm einmal gesagt habe: „Ich mache hier gerade eine EVR – eine Erbe-Vernichtungs-Reise.“ Tagsüber steht Klaus Forster für Gespräche bereit. Manchmal zieht er sich dann mit einem Passagier in die wenig genutzte, ruhige Bordbibliothek zurück. Manche suchten dann nach vielen Jahren Pause wieder einmal ein Beichtgespräch. Andere kämen mit dem Gefühl von Trauer und Verlust zu ihm, weil der Partner vor nicht allzu langer Zeit gestorben sei. Ein solches Gespräch kann anderthalb Stunden dauern. Manche, denen Forster zuhört und hilft, bedanken sich bei ihm für seine Zeit.

          Vor zwei Jahren bat ihn jemand an Bord um einen Gottesdienst für die Crew. Forster schätzt, dass vier Fünftel von ihnen Filipinos waren, die meisten katholisch. Nach Monaten an Bord freuten sich manche so sehr auf die Messe, dass sie weinten, als der Mann aus Mainz-Kostheim auf Englisch mit ihnen betete. Bis dahin hatte Forster wie jeder Passagier täglich ein Schokoherz auf dem Kopfkissen gefunden. Von da an waren es täglich zwei Stücke.

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