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Kreis Groß-Gerau : „Waldfelden“ war nicht von langer Dauer

  • -Aktualisiert am

Das Aushängeschild des Kreises Groß-Gerau: die Adam-Opel-Statur vor dem Haupteingang von Opel am Rüsselsheimer Bahnhofsplatz. Bild: Röth, Frank

Die Gebietsreform hat den Kreis Groß-Gerau lange beschäftigt. Die Sorge vor einem Rüsselsheimer Alleingang und Frankfurts Eingemeindungsgelüsten blieb unbegründet.

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          Aufs Ganze gesehen, ist der Kreis Groß-Gerau unbeschadet davongekommen. An seinen Außengrenzen jedenfalls hat sich durch die vor 40 Jahren vollzogene Gebietsreform nicht eben viel verändert: Nur im Nordosten mussten Grundstücke an den Nachbarn Frankfurt abgegeben werden, die für den wachsenden Flughafen benötigt wurden. Im Innern reduzierte sich die Zahl der Städte und Gemeinden zum Stichtag 1. Januar 1977 durch Zusammenlegung von ursprünglich 25 auf fortan nurmehr 14 Kommunen. Was in der Rückschau - trotz der bis heute mancherorts erhalten gebliebenen Rivalitäten und Frotzeleien unter Nachbarn - überwiegend als Gewinn gewertet wird.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          „Das Gefühl, die Identität, die neuen Gemeindenamen und vieles mehr, das alles war anfangs für die Bürger schon gewöhnungsbedürftig“, erinnert sich der damals zuständige Landrat, Willi Blodt (SPD), im Jahrbuch „GG 2016“ des mittlerweile über mehr als 250 000 Einwohner verfügenden Landkreises: „Dennoch sehe ich rückblickend die Entwicklung in unseren Kommunen eher positiv.“ Was seiner Meinung nach nicht ausschließt, dass es Zeit für eine neue Verwaltungsreform sein könnte, die nach Ansicht des von 1970 bis 1992 aktiven Landrats dann aber „frei von regionalen Egoismen und parteipolitischem Taktieren“ umgesetzt werden müsse.

          GG-Nummernschild - ein am Selbstverständnis nagendes Thema

          Zu dem, was aus Sicht der Bewahrer vor 40 Jahren gut gelungen ist, gehört zuallererst einmal, dass das Kreisgebilde nicht zerschlagen wurde; dass man also etliche Begehrlichkeiten, wie die Frankfurter Überlegungen, sich möglichst Kelsterbach einzuverleiben, abwehren konnte. Vorschläge wie jene, das Kreisgebiet auf die andere Main-Seite auszuweiten, scheiterten letztlich ebenso wie der in Rüsselsheim lange vorhandene Wunsch, sich als kreisfreie Kommune selbständig zu machen. Neben der selbstbewusst geführten Auskreisungsdiskussion waren Zusammenschlüsse, ob mit den Nachbarn aus Flörsheim, Raunheim oder womöglich gar Nauheim, gleichfalls über Jahre hinweg im Gespräch. Schließlich ärgerten sich viele Bürger in der „Opel sei Dank“ damals aufstrebenden Autostadt darüber, dass die von Frankfurt, Mainz und Wiesbaden umzingelte 50 000-Einwohner-Kommune den Löwenanteil des Kreishaushaltes zu tragen hatte.

          Fast noch mehr störte es viele allerdings, dass die Rüsselsheimer am eigenen Wagen das für die „kleine“ Kreisstadt Groß-Gerau stehenden GG-Nummernschild anbringen mussten. Ein über Jahrzehnte hinweg am Selbstverständnis nagendes Thema, das - obwohl die Kommune inzwischen eine eigene Zulassungsstelle sowie etliche Sonderrechte besitzt - bis heute aktuell sei, wie Rathauschef Patrick Burghardt (CDU) Mitte Dezember im Gespräch mit dieser Zeitung sagte. Und bei dem es womöglich bald schon zu einem aus Rüsselsheimer Sicht guten Ende mit eigenem „Rüs“-Nummernschild kommen könnte.

          Kleinste Gemeinde im Kreis behielten ihre Selbständigkeit

          Während in der selbstbewussten und von Abwanderungsgedanken getragenen Autostadt die Fusionsgespräche zumeist in Hinterzimmern geführt wurden, sorgte die von der rot-gelben Landesregierung angestoßene Gebietsreform ganz in der Nähe für offene Proteste und denkwürdige Bürgerversammlungen - bei denen häufig von „Scheidung“ die Rede war. Denn das „von oben“ vorgegebene Prozedere, die bis dahin selbständigen Kommunen Mörfelden und Walldorf zusammenzulegen und in „Waldfelden“ umzubenennen, gefiel weder Einwohnern noch Ortspolitikern. Ehe der ungeliebte Kunstname für die 1977 neu geschaffene Stadt auch nur Rechtskraft erhielt, war längst klar, dass es bei dieser Änderung nicht bleiben werde. Immerhin dauerte es dann doch fast ein Jahr, bis die mittlerweile zweitgrößte Stadt des Landkreises den Doppelnamen Mörfelden-Walldorf bekam, bei dem es bis heute geblieben ist. Obwohl es im Nachhinein nur eine kurze Episode der Kreisgeschichte war, musste die Bezeichnung „Waldfelden“ laut Anordnung über zwölf Monate hinweg zumindest bei allen „rechtsverbindlichen Verwaltungsakten“, wie dem Ausstellen von Heirats- und Sterbeurkunden, verwendet werden.

          Im Vergleich dazu hat man sich in der südlichen Kreishälfte unaufgeregt mit der Neuschöpfung „Riedstadt“ abgefunden, wie das aus den Gemeinden Crumstadt, Erfelden, Goddelau-Wolfskehlen und Leeheim genannte neue Gebilde mit gut 16 000 Einwohnern getauft worden war. Am Ende der behutsam vollzogenen Gebiets- und Verwaltungsreform waren außerdem Astheim, Geinsheim und - trotz einigem Hin und Her - schließlich auch Hessenaue mit dem namensgebenden Trebur vereint. Derweil Groß-Gerau um die Gemeinden Dornheim und Wallerstädten erweitert wurde, bekam Büttelborn noch Klein-Gerau und Worfelden hinzu.

          Überraschenderweise gelang es den Taktikern in den Rathäusern von Nauheim und Stockstadt, der kleinsten Gemeinde im Kreis, ihren Kommunen die Selbständigkeit zu bewahren. Biebesheim und Gernsheim blieben ebenso wie Kelsterbach, Raunheim und Rüsselsheim sowie die Mainspitzkommunen Gustavsburg-Ginsheim und Bischofsheim ebenfalls eigenständig. Und das, obwohl es unter den vielen Fusionsplänen und Zusammenlegungsmodellen, die vor mehr als 40 Jahren gehandelt wurden, auch ziemlich radikale Vorstellungen gab: Zum Beispiel jene, dass sich alle Städte und Gemeinden des Kreises zu einer offenen Regional- oder Raumstadt Groß-Gerau zusammenschließen sollten.

          40 JAHRE GEBIETSREFORM IN HESSEN

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