https://www.faz.net/-gzg-wema

Kommunalfinanzen : Eschborns Millionen sanieren Main-Taunus-Kreis

Kleinstadt mit Skyline: Eschborn schwimmt im Geld Bild: Marcus Kaufhold

Rund 190 Millionen Euro hat der Main-Taunus-Kreis in den vergangenen sechs Jahren in die Sanierung von Schulen und Hallen investiert, weitere 70 Millionen sollen in Bildung gesteckt werden. Ohne den jährlichen Eschborner Geldsegen wäre dies nur mit immenser Neuverschuldung möglich.

          3 Min.

          Die Misere packten Kommunalpolitiker einst in eine griffige Abkürzung: „DüK“ (Dach überm Kopf) hieß im Fachjargon des Main-Taunus-Kreistags das Programm, mit dessen Hilfe man die Minimalausstattung der Schulen gewährleisten wollte. Für größere Ausgaben fühlte sich die bürgerliche Koalition unter dem damaligen Landrat Jochen Riebel (CDU) einfach nicht finanzstark genug. Und das Sparen ging sogar so weit, dass in den Turnhallen im Sommer nur kalt geduscht werden konnte. Als sich Nachfolger Berthold Gall (CDU) aufgrund katastrophaler Rückmeldungen ob des maroden baulichen Zustands der meisten Schulen 1999 mit dem Rücken zur Wand durchrang, ein Schulbauprogramm aufzulegen, versicherte er sich ausdrücklich des Rückhalts der SPD-Opposition. Zu groß war damals noch die Angst der Kreistagsmehrheit, sich mit dem auf zunächst 50 Millionen Euro veranschlagten Vorhaben vielleicht doch zu überheben. Solche Befürchtungen sind heute Geschichte.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Nur einige Monate nach dem mutigen Vorstoß machte der Spruch von „Berthold im Glück“ in der Region die Runde. In Eschborn, seit jeher der wirtschaftsstärksten Stadt des Main-Taunus-Kreises, hatten Gewerbesteuer-Mehreinnahmen von damals 300 Millionen D-Mark mit einem Schlag auch die kommunalen Bauprojekte im Main-Taunus-Kreis auf sichere Füße gestellt. Und der Landrat wird heute nicht müde, Eschborn „als Motor des Kreises“ zu rühmen. Mehr als 180 Millionen Euro hat Hessens Boomtown zwischen 2003 und 2007 als Umlage an den Main-Taunus-Kreis überwiesen. Damit finanziert die Kleinstadt mit 22 000 Einwohnern - je nach der Wirtschaftskraft anderer Kommunen - jährlich zwischen 40 und 60 Prozent des gesamten Umlagentopfes.

          39 Schulen umfassend saniert

          Den neuen Wohlstand hat Gall nach eigenen Worten gleichmäßig über den gesamten Kreis verteilt - auch Städte, die sich nie und nimmer mit Eschborns Wirtschaftskraft messen könnten, seien zum Zug gekommen. Seit 1999 wurden sechs Schulen neu gebaut: die Süd-West-Schule in Eschborn, die Paul-Maar-Schule in Flörsheim, die Mendelssohn-Bartholdy-Schule in Sulzbach, die Sophie-Scholl-Schule in Flörsheim, die Brühlwiesenschule in Hofheim und die Grundschule Marxheim. 39 Schulen sind umfassend saniert oder erweitert worden, drei neue Turnhallen wurden errichtet. Derzeit findet sich eine weitere Halle an der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach im Bau. Von Grund auf saniert wurden sechs Turnhallen, bei drei weiteren steht der zweite Bauabschnitt an. In diesem Jahr sollen die Geschwister-Scholl-Schule in Schwalbach und die Konrad-Adenauer-Schule in Kriftel je eine neue Turnhalle erhalten. Gall zufolge hat der Kreis hierfür insgesamt 190 Millionen Euro investiert. Obwohl im gleichen Zeitraum das Kreishaus für 90 Millionen Euro gekauft wurde, liegt der Schuldenstand des Main-Taunus-Kreises um 80 Millionen Euro niedriger als noch 1999.

          Gall weiß, wem diese Finanzstärke hauptsächlich zu verdanken ist: Er sei dafür, dem Architekten des Eschborner Reichtums, dem Altbürgermeister Hans-Georg Wehrheim (SPD), ein Denkmal zu setzen, hob der CDU-Politiker hervor. Dessen Weitsicht in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei zu verdanken gewesen, dass es Eschborns Baugebiete an der Gemarkungsgrenze zu Frankfurt heute gebe.

          Eschborns Bürgermeister Wilhelm Speckhardt (CDU) stimmt in diesen Lobgesang ein. Denn deutschlandweit ist, gemessen an der Einwohnerzahl, keine Stadt wirtschaftsstärker. Seit dem Jahr 2000 hat Eschborn keine Schulden mehr. Seit zwei Jahren - schon lange bevor die bundesweite Diskussion darüber begann - müssen die Eschborner Eltern für die Betreuung ihrer Kindergartenkinder bis mittags um zwölf Uhr keinen Cent mehr zahlen. Für jene 40 Prozent an Gewerbesteuern, die jährlich in der Stadtkasse bleiben, wurde auch in Eschborn in den vergangenen fünf Jahren kräftig investiert: 40 Millionen Euro kostete die Erschließung des Camp-Phönix- Parks, 25 Millionen Euro ließ man sich den Straßenbau kosten. Für eine zweistellige Millionensumme wurde das Wiesenschwimmbad saniert. Zwei Schulkinderhäuser, ein Erlebnishaus, ein neues Feuerwehrgerätehaus entstanden.

          100-Millionen-Investitionsprogramm geplant

          Vor seiner Wiederwahl 2007 kündigte Speckhardt ein 100-Millionen-Investitionsprogramm für die nächsten vier Jahre an: Der Sportpark Arboretum soll zwischen 15 und 20 Millionen Euro kosten, das Dienstleistungszentrum für 13 Millionen Euro ist schon im Bau. Demnächst steht auch ein neues Notfallzentrum für 15 Millionen Euro an. Falls das Planfeststellungsverfahren erfolgreich verläuft, plant Eschborn mit der Südost-Verbindung der Gewerbegebiete ein weiteres 30 Millionen schweres Projekt. Gleichzeitig sollen das Rathaus saniert, eine neue Stadthalle und eine Pflegeeinrichtung gebaut werden. Auch viele Kulturveranstaltungen kosten keinen Eintritt, die Vereinsförderung ist mehr als großzügig. Und die Millionenpleite mit der Bürgschaft für den 1. FC Eschborn hat zwar bundesweit für Negativ-Schlagzeilen gesorgt, war aber für die Finanzkraft Eschborns „Peanuts“.

          Die Abteilung Bauen und Planen sei derzeit voll und ganz ausgelastet, sagt Speckhardt. Deshalb will der Landrat mit seiner Fachabteilung dem Kreisprimus gerne zur Seite stehen. Der Traum von der gemeinsam finanzierten Multifunktionshalle im Ostkreis mit bevorzugtem Standort Eschborn sei noch lange nicht ausgeträumt, bestätigen beide Politiker. An fehlendem Geld wird das Projekt jedenfalls nicht scheitern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington

          Washington : Kongress beschließt Sanktionen gegen China

          In der chinesischen Provinz Xinjiang sind laut Menschenrechtsaktivisten mehr als eine Million Uiguren und andere Muslime in Haftlagern eingesperrt. Nun will Amerika die Regierung in Peking dafür bestrafen.
          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.