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Kohlekraftwerk : Staudinger produziert Strom wie lange nicht

Eigentlich fünf Kraftwerke: Staudinger in Großkrotzenburg, nahe am Main. Die Schornsteine markieren die Blöcke 1 bis 4, Block 5 ist als großer Kasten neben dem rechten Kühlturm zu sehen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Kohlekraftwerk Staudinger ist ein Gewinner der Energiewende. Der jüngste Block aus dem Jahr 1992, der die Nummer 5 trägt, läuft seit dem Abschalten der alten Atommeiler im März auf Hochtouren.

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          Das Kohlekraftwerk Staudinger ist ein Gewinner der Energiewende. Der jüngste Block aus dem Jahr 1992, der die Nummer 5 trägt, läuft seit dem Abschalten der alten Atommeiler im März auf Hochtouren. Für die Stabilität des deutschen Hochspannungsnetzes ist dieses Kraftwerk inzwischen so wichtig, dass im Mai Revisionsarbeiten verschoben wurden. Das Unternehmen Tennet, einer der vier Betreiber der Hochspannungsleitungen quer durch Deutschland, hatte darum gebeten, wie es im Eon-Konzern heißt; Eon gehören die Anlagen in Großkrotzenburg. Damals war zusätzlich zu den alten Meilern auch noch das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld wegen einer Revision vom Netz. Es liegt nicht weit entfernt, bei Schweinfurt.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So fällt die Stromproduktion von Block 5 in diesem Jahr so hoch aus wie lange nicht. Das gilt für den Monat Juni (siehe Grafik), aber auch für April und Mai. „Wir sind in letzter Zeit fast immer Spitze gefahren“, sagt eine Eon-Sprecherin. Und im Konzern wird auch nicht erwartet, dass sich dies in absehbarer Zeit ändert. Denn die Prüfung für die Branche steht noch bevor: Erst, wenn der Sommer richtig heiß wird oder der Winter richtig kalt und dadurch die Stromnachfrage weiter steigt, wird sich zeigen, wie die Versorgung ohne die alten Kernkraftwerke funktioniert. Schon jetzt ist Deutschland vom Exporteur zum Importeur geworden. Namentlich französischer Atomstrom schließt gegenwärtig die Lücke.

          Der Konzern spielt auf Zeit

          Den Nachfrageboom der vergangenen Monate registriert man bei Eon mit Zufriedenheit, bleibt aber gleichwohl zurückhaltend, was die Frage nach dem Bau des umstrittenen Blocks 6 angeht. Seit Dezember hat der Konzern dafür eine Genehmigung, doch an einem klaren Wort, ob denn jemals Bauarbeiter anrücken werden, fehlt es weiterhin. Zuletzt hieß es, man wolle zunächst die Begründungen der von Nachbarkommunen und Umweltverbänden vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel eingereichten Klagen gegen die Genehmigung lesen. Diese Schriftsätze müssen bis August vorliegen.

          Der Konzern spielt auf Zeit. Denn einerseits ist zwar eine Baugenehmigung angesichts der Schwierigkeiten, die Großprojekte in Deutschland inzwischen durchweg haben, unbezahlbar. Zum anderen aber bleibt angesichts der wetterwendischen Energiepolitik unklar, ob nicht neue rechtliche Hürden für Kohlekraftwerke aufgebaut werden – und ob sie sich auf Dauer rechnen. Der auf 1100 Megawatt ausgelegte Block ist schließlich eine Milliardeninvestition. Und in Datteln am Nordrand des Ruhrgebiets steht ein vergleichbares Kraftwerk halbfertig in der Landschaft. Dass um die Baugenehmigung für den neuen Kohleblock in Großkrotzenburg ein längerer Prozess droht, dürfte Eon also sogar ganz recht sein. Beim Flughafen brauchte dauerte es von der Einreichung der Klagen bis zum Urteil des Verwaltungsgerichtshof eineinhalb Jahre. Vielleicht sieht man dann auch klarer, was die wirtschaftlichen Chancen der Kohleverstromung angeht.

          Die Gegner der Ausbaupläne ziehen aus der jüngsten Entwicklung ihre eigenen Schlussfolgerungen

          Generell gilt Kohle als ideal für die Erzeugung jener Strommenge, die durchweg gebraucht wird, die Grundlast. Genau damit verdient Block 5 Geld. Sollte diese Aufgabe dereinst Block 6 übernehmen, soll sich Block5 in der Mittellast bewähren. Damit wird die nur tagsüber benötigte Menge bezeichnet. Hier ist die Nachfrage völlig anders. So haben die Blöcke 1 und 3 von Staudinger, die gegenwärtig Mittellast-Strom liefern, vom Abschalten der Atomkraftwerke überhaupt nicht profitiert, ebenso wenig wie Block 4, der mit Erdgas läuft und auf die Spitzenlast am Vor- und Nachmittag spezialisiert ist. Block 2 ist seit Jahren abgeschaltet.

          Die Gegner der Ausbaupläne ziehen aus der jüngsten Entwicklung ihre eigenen Schlussfolgerungen. Kein Block sei an seine Grenzen gestoßen, auch Nummer 5 nicht, heißt es bei der Initiative „Stopp Staudinger“, womit sich doch zeige, wie überflüssig der Ausbau sei.

          Bei Eon entgegnet man, dass die Blöcke 1 und 3 nur deshalb nicht mehr Strom produzierten, weil Importe in diesem Fall billiger seien. Die Anlagen stammen von 1965 und 1970 verwerten weniger der in der Kohle enthaltenen Energie als neuere Anlagen. Ihre Laufzeit ist begrenzt. Block 3 geht 2012, Block 1 spätestens 2016 vom Netz. Das Aus für Staudinger wäre das selbst dann nicht, wenn Block 6 nicht kommt. Doch wäre das Kraftwerk dann deutlich kleiner – und Hessen noch mehr auf Stromimporte angewiesen als nach dem Abschalten von Biblis sowieso schon.

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