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Kohlekraftwerk Staudinger : Die Kühltürme stehen noch einige Jahre

Dampfen noch eine Weile: die beiden Kühltürme des Kraftwerks Staudinger Bild: dpa

Der Kraftwerksbetreiber Uniper plant mit Rechenzentren und Wasserstoffenergie nach dem voraussichtlichen Kohle-Aus 2025. Mindestens bis dahin wird konventionell Strom erzeugt.

          3 Min.

          Die bunten Kästchen auf den Folien der Firma Uniper Kraftwerke erinnern an einen Holzbaukasten mit farbigen Steinen für Kinder. Die runden oder eckigen Klötzchen in verschiedenen Größen sehen hübsch aus, doch sie sind kein Spielzeug. Vielmehr symbolisieren sie wichtige Zukunftsvisionen für die Gemeinde Großkrotzenburg, die Stadt Hanau, die Region und vor allem für das Kraftwerk Staudinger am Mainufer. In vier Planspielen für die Jahre 2025, 2030, 2035 und 2040 führen die Klötzchen die von Uniper für möglich bis wahrscheinlich gehaltenen Entwicklungsschritte von Hessens größtem Kohlekraftwerk in den nächsten knapp zwei Jahrzehnten vor Augen. Der aufgezeigte Weg beschreibt, wie die fast vollständige Transformation des Kraftwerks aussehen könnte.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Auf der ersten Folie für 2025, das Jahr, in dem die Stromerzeugung durch Kohle bei Staudinger enden soll, überwiegt eindeutig der Teil der grau gefärbten Bestandsanlagen. Deutlich sind die beiden weithin sichtbaren Kühltürme zu erkennen. Vier Schlote ragen in den Himmel, und auch das kreisrunde große Kohlelager am Rande des Geländes ist noch da.

          Gleich daneben liegt ein kleiner brauner Kasten. Er steht für ein Rechenzentrum, ein hellblaues Rechteck bezeichnet eine Kälteversorgungsanlage für das Rechenzentrum. Ein rotes Rechteck wird mit Fernwärme/Energieversorgung beschrieben, und ein lilafarbener Kreis bedeutet eine von den Gemeindewerken Großkrotzenburg betriebene Fernwärmeerzeugung. Im Jahr 2030 stehen die Kühltürme zwar noch, aber eine große quadratische Fläche, auf der Bestandsgebäude standen, ist leer. Auch den Kohlebunker gibt es nicht mehr. Dafür sind zwei Kästchen für Rechenzentren hinzugekommen, außerdem hat die Fernwärmeerzeugung der Gemeindewerke jetzt einen hellgrünen Energiespeicher als Nachbarn.

          Rückbau ist nicht so einfach

          Fünf Jahre später gibt es auf der Folie nur noch einen Kühlturm, die Zahl der braunen Kästchen für Rechenzentren ist dagegen auf sieben angewachsen. Neu dazugekommen ist ein dunkelblaues Rechteck, das den Einstieg in die Wasserstofftechnologie bedeuten soll. Die letzte Folie zeigt schon drei große Komplexe für Wasserstofferzeugung. Von den heutigen Bestandsgebäuden soll bis 2040 nichts mehr geblieben sein.

          Die Weiterentwicklung des Kraftwerksgeländes ist der Gemeinde ebenso ein großes Anliegen wie der zügige Rückbau der überflüssigen Anlagen. Die Gemeindevertretung beschloss in ihrer jüngsten Sitzung eine Resolution mit einer entsprechenden Aufforderung an die Betreiberfirma. Selbstverständlich seien im Rahmen der Entwicklung der Flächen „Entflechtungs- und Rückbauaktivitäten“ durch die Uniper Kraftwerke GmbH geplant, reagiert Kraftwerksleiter Matthias Hube auf die Resolution.

          Die Planungen des Unternehmens seien dem Gemeindevorstand im Juni und Oktober in persönlichen Gesprächen vorgestellt worden. Für die Reihenfolge gäben „die Komplexität der Entflechtungsmaßnahmen“ sowie der Reifegrad der geplanten Zukunftsnutzungen den Ausschlag. Damit signalisiert der Werksleiter der Gemeindevertretung, dass der Rückbau von vielen Faktoren abhängt und nicht so leicht zu bewerkstelligen ist, wie das mancher vielleicht denkt. Wie die Vorhaben funktionieren könnten, hat man auf dem Staudinger-Gelände im Sommer 2020 ausprobiert, als der Kühlturm des ungenutzten Kraftwerksblocks 3 mit mehreren Schlägen einer Abrissbirne niedergelegt wurde.

          „Ein wesentlicher Schritt nach vorn“

          Mit Reifegrad meint Hube auch den Fortgang des Planungsrechts für das Areal. Die Verwirklichung von Vorhaben wie die Ansiedlung von Rechenzentren oder Kooperationsprojekten mit den Stadtwerken Hanau und den Gemeindewerken Großkrotzenburg zur Versorgung der Kommunen mit Fernwärme auch nach 2025 hänge maßgeblich davon ab. Der von der Gemeindevertretung im Oktober getroffene Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan „Gewerbegebiet an der Limesbrücke“, der sich auf das Staudinger-Areal bezieht, bezeichnet Hube als einen wesentlichen Schritt nach vorne. Doch nur für die als Versorgungsareale vorgesehenen Teile bestehe schon Planungsrecht.

          Für die Ausweisung der von der Gemeinde beschlossenen gewerblichen Flächen gelte dieses erst nach der offiziellen Bekanntmachung und der Aufnahme in den Flächennutzungsplan. Erst wenn Rechtskraft bestehe, könnten Abschlüsse mit möglichen Partnern getroffen werden. Dafür liege der Ball bei der Gemeinde, die für den baldigen Eintritt der Rechtskraft sorgen solle. Hube hofft, dass dies bis zum zweiten Quartal 2022 der Fall sein wird.

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          Die Pläne der Stadt Hanau, in der nahe gelegenen Großauheim-Kaserne ebenfalls in großem Stil ein Rechenzentrum anzusiedeln, sieht Hube nicht als Konkurrenz. Der Bedarf sei groß, und es seien eher Synergieeffekte als Nachteile zu erwarten.

          Nach aktuellem Stand will Uniper Eigentümer der Flächen bleiben und diese mit langfristigen Verträgen den künftigen Partnern zusichern. In den Planungen sei aber zu berücksichtigen, dass der Standort in den nächsten Jahren weiterhin der Stromerzeugung verschrieben sei. So habe die Bundesnetzagentur den mit Erdgas betriebenen Block 4 bis Ende März 2023 als systemrelevant eingestuft. Der mit Steinkohle befeuerte Block 5 werde noch bis Ende 2025 laufen. Es sei aber nicht auszuschließen, dass beide Blöcke über 2025 hinaus vorgehalten werden müssten. Das liege allein in der Entscheidungsgewalt der Bundesnetzagentur.

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