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Kohlekraftwerk : Neue Zweifel an den Eon-Plänen für Staudinger

Die Stadtwerke Hannover wollen den Ausbau des Kraftwerks Staudinger bei Großkrotzenburg nicht mehr mittragen Bild: dpa

Auch nach dem Ausstieg der Stadtwerke Hannover hält der Eon-Konzern an seinen Plänen für das Kohlekraftwerk Staudinger fest. Offiziell. Tatsächlich ist in der Zentrale keine Rede mehr davon.

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          Für die selbsternannten Umweltschützer in Hanau und Umgebung könnte der 10. November ein großer Tag werden. Denn am Mittwoch nächster Woche will der neue Vorstandsvorsitzende der Eon AG, Johannes Teyssen, die künftige Strategie des Energieriesen vorstellen. Und es scheint möglich, dass er schon an diesem Tag das Aus der Ausbaupläne für das Kohlekraftwerk Staudinger verkündet.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Denn von dem Großprojekt ist in der Düsseldorfer Konzernzentrale keine Rede mehr. Die Aktiengesellschaft möchte allein noch den Bau einer mit Kohle befeuerten Anlage in Rotterdam und einer weiteren in Datteln im Ruhrgebiet abschließen. Es sind aber nicht die Proteste in Großkrotzenburg und Umgebung, die den Bau des Block 6 von Staudinger vereiteln könnten. Die Bürgerinitiativen sollten sich, wenn es denn tatsächlich so kommt, vielmehr bei der schwarz-gelben Bundesregierung bedanken, die vor einigen Wochen ihr Energiekonzept vorgelegt hat.

          Bedarf an neuen Grundlastanlagen sinkt

          Denn die Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken bedeutet, dass der Bedarf an neuen Anlagen sinkt, die ständig laufen, also von Grundlastkraftwerken. Das aber sind außer den mit Kernenergie betriebenen Werken die mit Kohle befeuerten. Zudem werden die mit dem Energiekonzept beschlossenen Abgaben die Gewinne der Kernkraftbetreiber wie Eon sinken lassen. So steht weniger Geld für Investitionen jeder Art zur Verfügung.

          Noch hält Eon offiziell an seinem Vorhaben in Großkrotzenburg fest. Auch nach dem Ausstieg der, als Enercity firmierenden, Stadtwerke Hannover aus dem Projekt versicherte ein Sprecher des Düsseldorfer Konzerns in dieser Woche, man werde Staudinger ausbauen. Doch könnte es sein, dass Eon mit solchen Äußerungen vor allem ein vorzeitiges Aus des Genehmigungsprozesses verhindern will. Das Regierungspräsidium Darmstadt hat angekündigt, noch in diesem Fall seine Entscheidung über das Bauvorhaben zu verkünden. Ein Zurückziehen des Antrags so kurz vor dem Ziel wäre ein Affront gegen die Landesregierung – und womöglich unklug. Denn wer weiß, ob sich die Großwetterlage in der Energiepolitik nicht doch noch einmal ändert und ein Bau mit Verspätung doch lohnenswert erscheint?

          Genehmigungsverfahren im Blick

          Allerdings mag im Regierungspräsidium niemand verraten, wie lange die Baugenehmigung Gültigkeit hätte, wenn sie denn erteilt werden sollte. Im Bundesimmissionsschutzgesetz, auf dessen Grundlage das Verfahren bei der Darmstädter Behörde läuft, ist lediglich von einer „angemessenen Frist“ die Rede, wie es dort heißt. Das Fortdauern des Genehmigungsverfahrens könnte denn auch ein Grund dafür sein, dass sich die Blicke am Mittwoch noch vergeblich nach Düsseldorf richten.

          Es ist nicht das erste Mal, dass Zweifel an den Plänen für Großkrotzenburg aufkommen. Im Oktober vergangenen Jahres hieß es aus dem Konzern, die Investition werde überprüft. Damals wurde der entsprechende Pressesprecher jedoch von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen: Man halte an den Ausbauplänen fest, hieß es tags drauf – eine Linie, von der bisher nicht abgewichen wurde.

          Zwischenzeitlich aber hat sich die Lage geändert. Reihenweise wurden in Deutschland Bauvorhaben für neue Kohlekraftwerke auf Eis gelegt – nicht, weil die Energieversorger plötzlich ein Herz für die Umwelt haben, sondern aus wirtschaftlichen Überlegungen. Dabei geht es nicht allein um die fehlende Liquidität. Branchenkenner vermuten noch einen weiteren Grund für die Zurückhaltung der Konzerne: Zusätzliche Kraftwerkskapazitäten würden zu höherer Stromproduktion führen – und dies wiederum zu sinkenden Preisen an der Strombörse. Wer also neue Grundlastkraftwerke baut, schadet womöglich sich und seinesgleichen. Kein Wunder, dass das RWE schon vor längerer Zeit wissen ließ, an neue Kohlekraftwerke in Deutschland sei nicht mehr gedacht.

          Wo Kohle verstromt wird, ist egal

          Freilich finden sich nach wie vor auch gute Argumente für einen Ausbau von Staudinger. Grundsätzlich werden auch im Zeitalter des Ausbaus erneuerbarer Energien Grundlastkraftwerke notwendig sein, allemal fern der Küsten mit ihren Windrädern und nahe der Ballungsräume, wo der Strom verbraucht wird. Und irgendwann sind die Kernkraftwerke auch trotz Laufzeitverlängerung vom Netz. Großkrotzenburg gilt insofern als exzellenter Standort. Außerdem hat Eon bereits dort investiert, zuletzt in einen Kohlebunker.

          Die Behauptung, von einem Verzicht auf den neuen Block 6 in Großkrotzenburg profitiere die Umwelt, steht ohnedies auf tönernen Füßen. Zum einen hat Eon stets hervorgehoben, dass mit den neuen Anlagen zwar mehr Strom produziert würde, der Kohlendioxid-Ausstoß je Kilowattstunde jedoch geringer ausfiele. Zum anderen ist die Menge der erlaubten Emissionen in Europa festgelegt – wird an einem Standort weniger Luft verschmutzt, so ist woanders eine stärkere Luftbelastung möglich. Die Verschmutzungsrechte werden als Zertifikate gehandelt. Die zulässige Menge sinkt freilich, im Jahr 2020 soll sie ein Fünftel unter der von 2005 liegen. Wo aber der Kohlestrom erzeugt wird, ist in diesem System egal.

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