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„Neidharts Küche“ : Kochen als Bollwerk gegen Fastfood

  • -Aktualisiert am

Der Fünfundfünfzigjährige ist eine markante Erscheinung: 1,91 Meter groß, Andeutung eines Ziegenbarts, schwarze, nach hinten gekämmte, halblange, mit Gel gebändigte Locken. Gerne nimmt sich Neidhart die Zeit, mit Stammgästen zu plaudern. Böse Zungen schildern das im Internet mit den Worten: „Chef stolziert durch den Raum.“ Andere kritisieren den „achtziger Jahre Wohnzimmercharme“ des Gastraums. Aber genau das ist gewollt. „Die Gäste sollen sich wohl fühlen, als wären sie in meiner Familie zu Besuch“, sagt Neidhart, der seit 15 Jahren Kaffeekannen sammelt und rund 50 von ihnen im Raum aufgereiht hat. „Manche mögen das bieder oder altbacken nennen. Aber das ist mir egal.“

Empfehlung der Redaktion des Guide Michelin

Warum er nicht in eine Großstadt gegangen sei, wird der Meisterkoch oft gefragt. „Das ist nichts für mich“, antwortet er dann. „Dort wirst du als Gastronom konsumiert. Dauernd musst du einen neuen Kick liefern. Ich bleibe lieber in der Kleinstadt und authentisch.“ Dass ihm das bestens gelingt, zeigt eine neue Empfehlung der Redaktion des Guide Michelin. Sie zeichnete „Neidharts Küche“ vor wenigen Wochen mit einem „Bib“ aus; der soll Lokale kennzeichnen, in denen es nach Meinung der Tester gute bis gehobene Speisen zu fairen Preisen, aber keine Gourmet-Küche gibt.

Auch in den Kochkursen, die samstags von 11 bis 16 Uhr stattfinden und am Abend mit einem gemeinsam zubereiteten Essen ausklingen, das stets ein saisonales Drei-Gänge-Menü ist, setzt Neidhart auf Kundenbindung. „Ich lade Gäste ein, zusammen mit mir in meiner Küche zu kochen“, sagt er. „Das ist keine exklusive Veranstaltung mit viel Chichi und Champagner. Jeder arbeitet konkret am Produkt mit. Dazu gehört zum Beispiel, das Fleisch von Knochen zu lösen oder die Innereien auszunehmen. Ich zeige den Teilnehmern, wie sie es zu Hause machen können.“ Am Ende soll jeder den Kochkurs mit einer geschärften Wahrnehmung, mit mehr Wertschätzung für all das verlassen, was auf den Teller kommt. Im Restaurant kostet ein Drei-Gänge-Menü in der Regel 35 bis 40 Euro.

Einmal im Jahr ist Neidhart für eine Weile fort. Zehn Tage wandert er dann in Spanien auf dem Jakobsweg. Immer allein. Gut zweihundert Kilometer legt er in dieser Zeit zurück. Die klassische Strecke von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela hat er schon zweimal bewältigt. „Das ist eine ziemlich egoistische Nummer“, sagt er. „Ich will einfach mal raus, ganz ich sein, mir selbst bewusst werden.“

Auf dem Pilgerpfad stellt sich der Koch jeden Tag eine mentale Aufgabe: an nichts denken zum Beispiel. „Das ist schwer. Am Anfang habe ich mir da das Wort ,nix‘ vorgestellt. Nach einer Weile hörte ich auf zu denken.“ Meist nimmt Neidhart als Erinnerung eine Muschel oder einen Stein von seiner Reise mit nach Hause. Die plaziert er dann so, dass sein Blick möglichst oft darauf fällt. In schlechten Momenten gibt ihm das Ruhe, Kraft und Gelassenheit im hektischen Alltag.

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