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Kloster Eberbach : 400 Jahre im Kirchenboden

  • -Aktualisiert am

Unbekannter Toter: das jüngst entdeckte Skelett in der Basilika des Klosters Eberbach Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Hochgestellte Personen haben sich früher eine letzte Ruhestätte unter der Basilika von Kloster Eberbach erkauft. Wer der Tote ist, der jetzt gefunden wurde, wird sich wohl niemals klären lassen.

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          Die Hände über dem Becken gefaltet, die Knochen erstaunlich gut erhalten und die Zähne leidlich intakt: ein Skelettfund im Untergrund der Basilika sorgt seit Tagen für Aufregung in Kloster Eberbach. Wer der Tote ist, der vermutlich vor 400 Jahren in der Kirche beigesetzt worden ist, wird sich wohl niemals sagen lassen. Allerdings steht fest, dass es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit gehandelt hat. Martin Blach von der Stiftung Kloster Eberbach und der Wiesbadener Archäologe Frank Lorscheider schließen das aus der sehr prominenten Lage der Grabstelle: unmittelbar vor der Chorschranke und exakt in der Mitte des Kirchenschiffs.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Auf das Grab wurde die Stiftung durch eine Setzung des Basilikabodens aufmerksam. „In solchen Fällen klingeln stets die Alarmglocken im Kloster“, sagt Stiftungsgeschäftsführer Blach. Drei Tage dauerte es, bis Archäologe Lorscheider und seine Mitarbeiter das Skelett in 1,80 Meter Tiefe gefunden und sorgsam freigelegt hatten. Gestern wurde der Fund fotografiert, vermessen und dokumentiert.

          Bedeutend muss die Familie aber gewesen sein

          Geborgen wurden die sterblichen Überreste aber nicht. Für die Stiftung stand fest, dass die Totenruhe nicht gestört werden durfte. Wenn am Sonntag einige hundert Konzertgäste in die Basilika strömen, werden sie von der Grabstelle schon nichts mehr sehen. Nach der Entnahme eines Zahns für mögliche spätere Untersuchungen haben die Archäologen das Skelett mit einem Gewebeflies abgedeckt, mit Sand zur Wahrung der Form der Körperreste bestreut und mit Erde verfüllt.

          Knochenarbeit: die Ausgrabungen im geöffneten Grab
          Knochenarbeit: die Ausgrabungen im geöffneten Grab : Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

          Es ist das erste Mal, dass in jüngerer Zeit ein Skelett im Basilikaboden entdeckt wurde, aber eine Überraschung ist es insofern nicht, als die ganze Kirche auch ein Friedhof ist. Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit war es der Wunsch vieler Adeliger, Geistlicher und reicher Bürger, im Kloster bestattet zu werden. Eine solche Grabstätte versprach das immerwährende Totengedächtnis durch die Mönche. Möglich war dies aber erst nach Aufhebung des strengen Begräbnisverbots in einer Zisterzienserkirche. Vor allem im 14. und 15. Jahrhundert war das Kloster dann eine höchst exklusive Begräbnisstätte: Nur wer zu Lebzeiten oder postum dem Kloster eine beträchtliche Stiftung zukommen ließ, konnte auf eine Bestattung in der Kirche hoffen.

          Nach den Recherchen des Vereins der Freunde Kloster Eberbach wurden im Mittelalter und in der Frühneuzeit in der Klosterkirche und vereinzelt im Kreuzgang sowie im Kapitelsaal gut 140 Äbte, ordensfremde Geistliche, Adelige und andere Wohltäter der Abtei beerdigt. Der Abtei sind 89 Grabmale erhalten geblieben, weil nach der Säkularisierung zwischen 1803 und 1834 viele Memorialzeugnisse als Baumaterial verwendet wurden.

          Inzwischen sind die Grabplatten restauriert und wieder aufgestellt. Ob eine von ihnen das Antlitz des jetzt Gefundenen zeigt, wird sich nicht klären lassen – noch nicht einmal, ob er wegen der Grablage vor der Chorschranke ein weltlicher oder geistlicher Herr war. Das liegt daran, dass die Belegpläne des Klosters verlorengegangen sind. Vermutlich käme aber an jeder Stelle der Kirche, an der gegraben würde, eine Gruft zum Vorschein. Bedeutend muss die Familie aber gewesen sein: Laut Lorscheider haben sich die Mönche diese exponierte Grabstelle extrem teuer bezahlen lassen. Schließlich hätte der Tote bei der Wiederauferstehung sofort den Altar mit Kruzifix im Blick gehabt.

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