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Gärtnerin Schwester Christa : Hohepriesterin des Komposts

Berühmtheit unter den klösterlichen Gärtnerinnen: Schwester Christa Weinrich in Fulda Bild: Rainer Wohlfahrt

Schwester Christa ist eine Berühmtheit unter den klösterlichen Gärtnerinnen. Sie pflegt den Biogarten der Benediktinerinnen in Fulda und vertreibt „Humofix“.

          Ihr Zeitplan ist eng getaktet, und eigentlich stünde jetzt die Gartenarbeit an. Schwester Christa hat gerade die „stille Zeit“ hinter sich, eine Stunde Ruhe nach dem Mittagessen und der Gartensprechstunde am Telefon. So will es die strenge Tagesordnung der Benediktinerinnen. Jetzt nimmt sich die Schwester Gärtnerin anderthalb Stunden Zeit zum Gespräch mit der Besucherin. Kaum aber hat sie sich im hölzernen Schattengang neben der Obstwiese niedergelassen, da springt sie schon wieder auf, greift nach einem scharfen Messer, das auf dem Tisch liegt, und sticht ein Unkraut aus, das zwischen den Gehwegplatten hervorlugt. Für tief wurzelnde Kräuter wie Löwenzahn taugt so ein Messer besser als eine Hacke. Löwenzahn allerdings gehört zu jenen fünf „Unkräutern“, die für jenen Kompost-Aktivator benötigt werden, mit dem die Abtei Fulda berühmt geworden ist: „Humofix“.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Herrin des Kompostplatzes und des „Humofix“-Büros hat Schwester Christa das Erbe der legendären Schwester Laurentia angetreten, die in den fünfziger Jahren den biodynamischen Gartenbau aus England übernahm. Dazu gehörte vor allem ein Kräuterpulver aus Löwenzahn, Brennnesseln, Baldrian, Schafgarbe, wilder Kamille und desinfizierter Eichenrinde, das, mit Honig und Milchzucker versetzt, den Kompost erhitzt und die Rotte beschleunigt. Sammeln, trocknen, mörsern, sieben, einrühren – und alles von Hand. In weniger als zwei Monaten zersetzt sich der organische Abfall zu duftender Erde, die selbst einen ausgelaugten Boden wieder verjüngen kann.

          Die „wilde Ecke“

          Die weißen Blüten des Baldrians sind schon geköpft, aber wo sind die Brennnesseln? „Dort drüben hinter dem Krankentrakt ist unsere ,wilde Ecke‘“, sagt die Schwester Gärtnerin schmunzelnd und hält diskret Abstand. Die „discretio“ gehört zum „ordo“, der Benediktinerregel. Ordentlich sieht dieser 2000 Quadratmeter große Garten hinter den hohen Feldsteinmauern aber nicht aus. Kornblumen schießen ins Kraut, Goldmohn, Rittersporn und Ringelblumen wuchern zwischen Johannis-, Stachel- und Jostabeeren.

          Benediktinermönche gab es in Fulda seit 744, die Säkularisation machte dem Orden 1802 ein Ende. Benediktinerinnen leben hier erst seit 1626. Mitten in den unruhigen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges haben sie sich, ganz gegen die Gewohnheiten ihres Ordens, innerhalb der Stadtmauern angesiedelt. Hier leben sie noch heute, unweit des Doms und des Barockschlosses, wo bis 1803 ein Fürstabt als Fürstbischof residierte. Einen Garten gab es in der Abtei der Schwestern schon immer, aber die Gartengeschichte im engeren Sinne beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg, als es um die Selbstversorgung, sprich: ums Überleben ging. Schwester Agatha waltete seit 1936 über das klösterliche Grün, die anglophile Schwester Laurentia (1888 bis 1979) entpuppte sich als Ökopionierin, als Deutschland noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Gemeinsam krempelten Agatha und Laurentia den Garten um.

          Auszeit: Schwester Christa im Klostergarten vor zehn Jahren

          Als Schwester Christa im Jahr 1976 zu den Benediktinerinnen stieß und als Postulantin um Aufnahme in die Gemeinschaft bat, zog sich Schwester Laurentia gerade zurück. Schwester Agatha drückte der jungen Anwärterin, die noch Zivil trug, den Spaten in die Hand. „Von ihr habe ich mehr Praktisches gelernt als während des ganzen Studiums“, erinnert sich Schwester Christa. Dabei denkt sie an ihr zweites Studium in Osnabrück, wo sie sich nach ihrem zweijährigen Noviziat und während der darauf folgenden dreijährigen Profess zur Ingenieurin für Gartenbau ausbilden ließ. Mit einem Diplom in der Tasche kehrte sie 1982 zurück und legte die ewigen Gelübde ab. Mit Schwester Agatha übernahm sie den Garten: „Von ihr habe ich die richtige Arbeitshaltung gelernt: stetig und langsam. Ich wollte immer schnell fertig werden. Aber dann wird man schnell müde“, weiß sie jetzt.

          Das Gärtnern war ihr nicht in die Wiege gelegt. Am 23. Dezember 1950 als Tochter eines Autoschlossers in Kassel geboren, wurde sie weihnachtlich Christel genannt. Ihr Vater war katholisch, ihre Mutter evangelisch, eine Mischehe in den fünfziger Jahren nicht selbstverständlich. „Mein Vater nahm mich huckepack mit in die Kirche“, erinnert sich Christa Weinrich. Ihre Mutter konvertierte aus freien Stücken, als Christel zur Erstkommunion ging. „Es war ein toleranter Katholizismus, mit dem ich aufwuchs.“ In ihrer Heimatgemeinde gab es eine Schwester. „Sie wurde mein Vorbild. Ich wollte schon als Kind ins Kloster, aber Schulschwester in der ,Engelsburg‘ wollte ich nicht werden“, sagt sie und meint damit ihr Gymnasium bei den Heiligenstädter Schulschwestern in Kassel. Dort machte sie 1968 ihr Abitur – gerade rechtzeitig, um in Gießen an den ersten Studentenstreiks teilzunehmen.

          „Das Studium war nicht ganz meins“

          Den Führerschein brauchte sie, um in den Semesterferien zu jobben. Sie sortierte Fotos bei Agfacolor, half in einem Altenheim aus und stand am Fließband der nordhessischen Regionalzeitung, um Prospekte zu sortieren. Als Grundschullehrerin für Deutsch, Geographie und Religion kehrte sie nach Kassel zurück. Dann merkte sie: „Das Studium war nicht ganz meins. Da fehlte mir noch was.“ Doch bevor sie bei den Benediktinerinnen anklopfte, führte sie ihre Klasse erst noch ins vierte Schuljahr. Als Postulantin half sie dann im „Humofix“-Büro aus und beantwortete schriftliche Fragen verzweifelter Gärtner. In Osnabrück nahmen die Dozenten die Gartenbau-Studentin im schwarzen Habit nicht ernst mit ihrem biologischen Gartenbau, den sie schon bei den Schwestern erlernt hatte. Sie blieb dabei und schrieb Anfang der Achtziger eine Broschüre über Jauchen und Spritzbrühen unter dem Titel „Pflanzensaft gibt Pflanzen Kraft“.

          Damit begründete Schwester Christa die biologische Schriftenreihe der Abtei Fulda. Es folgten ein Obstbaukalender, Hefte über Kompost, Mischkulturen, Beerenobst sowie über Heil- und Würzkräuter. Die achtziger Jahre wurden ihre Lehrjahre im Hortus conclusus der Schwesternklausur. Sie schrieb in der klostereigenen Zeitschrift „Winke für den Biogärtner“, die Schwester Laurentia schon 1961 gegründet hatte. Das Periodikum, das noch immer dreimal jährlich erscheint, ist die älteste deutschsprachige Zeitschrift über biologischen Gartenbau. Mitte der Achtziger übernahm Schwester Christa die Leitung des „Humofix“-Büros. Derweil wurden die Ländereien des Klosters verkauft: Feldgarten und Landwirtschaft jenseits der Mauern aufgegeben, eine Mühle geschlossen, die Likör-Produktion eingestellt.

          Was die Existenz der 99 Nonnen in der Nachkriegszeit sichern sollte, wurde überflüssig oder konnte nicht mehr bewältigt werden. Die Abtei schrumpfte. Mit Mutter Benedikta, der neuen Äbtissin, passte sich das Kloster an die neue Zeit an. 1999 eröffnete der Klosterladen, in dem Schwester Regina heute die Schriften der Abtei nebst Kräutertees und Fruchtaufstrichen verkauft. Sie gehört mit ihren 30 Jahren zum Nachwuchs, der sich immer rarer macht. Schon 2011 lebten nur noch 28 Schwestern im Kloster. 2013 starb die Garten- und Feldschwester Agatha in gesegnetem Alter. Heute sind es nur noch 19 Schwestern, dazu eine in der Triennalprofess, einer auf drei Jahre befristeten Bindung an die Klostergemeinschaft, die der endgültigen Entscheidung für das Klosterleben vorausgeht. Eine weitere junge Frau schnuppert als Gartenhilfe in den streng geregelten Alltag der Schwestern hinein.

          Auf dem Teeboden unter dem Dach

          Das Leben im Kloster ist anstrengend. Fünf Stundengebete strukturieren den Tag. Dazwischen fallen die „Dienste“ an: in der Küche, der Krankenpflege, der Bibliothek. Schwester Christa dient im Garten. Dabei helfen ihr eine junge Frau, die ein freiwilliges ökologisches Jahr ableistet, und Schwester Fidelis, die auf dem Teeboden unter dem Dach die Kräuter trocknet. Gerade beugt sie sich in blauer Arbeitsschürze und weißem Schleier über den Lavendel, den Schwester Gertrud in Duftkissen näht. Da kommt Michèle. Die Schulpraktikantin hat beim Baldrianpflücken geholfen, den klosterinternen Friedhof gepflegt und die „Domstadt Fulda“-Rose von ihren vertrockneten Blüten befreit. Karmesinrot lodert diese Züchtung zum 1250. Fuldaer Stadtjubiläum 1994 an den Rändern der Obstbaumwiese mit ihren Apfel- und Holunderbäumen, einer Aprikose, Weinbergpfirsichen und einer uralten Birne.

          Schwester Christa geht hinüber zu den vier Hochbeeten. Hier kultiviert sie mediterrane Kräuter, Tee- und Duftkräuter, wilde Heilkräuter wie Spitzwegerich und Küchenkräuter. Borretsch und Andorn haben sich dazwischen selbst ausgesät. Sie streicht über den Fenchel: „Die Pflanzen spüren, wenn man sie pflegt und sich an ihnen freut“, sagt sie, und: „Seit zwei Jahren haben wir keine Schwalbenschwanzraupe mehr am Fenchel.“ Auch die Schmetterlinge machen sich rar. Nach dem Mondkalender, wie früher Schwester Agatha, gärtnert die Gartenbau-Ingenieurin nicht mehr: „Es gibt zu wenig handfeste Belege dafür, dass das hilft.“ Dann zeigt sie noch einmal hinüber zur Obstbaumwiese, die eher ein Rasen ist: Dort stehen seit diesem Frühjahr vier Bienenvölker, die ein Imker pflegt. Die Gartenklausur ist relativ: „Wer mithilft, ist willkommen.“

          Einmal um die Ecke und man steht vor den Gemüsebeeten; langen Reihen von Möhren und Dill, Spitzkohl und Salat, Gurken und Basilikum, Tomaten und Petersilie, Roter Bete und Buschbohnen, Tagetes zwischen jungem Lauch – Mischkulturen, damit sich die Pflanzen wechselseitig fördern und bei Schädlingsbefall nicht alle auf einmal eingehen. Zwischen den Reihen liegt eine dünne Mulchschicht aus angetrocknetem Grasschnitt und hält den Boden feucht. Nach der Radieschenernte klettern hier Stangenbohnen empor. Dazwischen wachsen Zucchini auf Minikomposthäufchen. Was wie ein heilloses Durcheinander aussieht, ist wohldurchdacht. Der Rhabarber etwa wird nicht nur für das leckere Gelee geerntet, das Schwester Michaela herstellt, seine Blätter liefern auch die Grundlage für eine Jauche gegen Blattläuse.

          Wasserschläuche einer Tropfbewässerung versorgen die Pflanzen abends direkt an den Wurzeln. Das kostbare Nass sammeln zwei Zisternen und riesige Regenwassertonnen. Auf dem Kompostplatz, dem Allerheiligsten dieses Gartens, stehen 17 Kompostbehälter aus grünem Plastik. In ihnen ist das „Humofix“ am Werk. „Alles Frische kommt aus dem Garten, aber eine Vorratshaltung wie früher gibt es nicht mehr“, sagt Schwester Christa. Sie meint das Einsanden von Kartoffeln und Möhren. Bei einer guten Ernte werden aber die Rote Bete, Gurken und Zucchini eingemacht, die Bohnen eingefroren und die Tomaten zu Püree und Suppe verarbeitet. Die ersten Kohlrabiknollen sind schon geerntet. Und der sterile Rasen? Sogar einen Rasenmäher haben sich die Nonnen inzwischen angeschafft. „Wir haben noch Sensen“, sagt Schwester Christa schmunzelnd, „aber ich kann nicht damit umgehen.“

          Klostertouren

          Klostertouren Der Klostergarten in Fulda kann von Mai bis September samstags von 14 bis 16 Uhr besichtigt werden. Schwester Christa Weinrich bietet Führungen am 28. Juli, 18. August und 15. September jeweils um 14 Uhr, 14.45 und 15.30 Uhr an. Zugang durch den Klosterladen. Dort gibt es am 28. Juli., 1. September und 29. September jeweils von 14.30 bis 16 Uhr auch Gartentipps. Eine Gartensprechstunde am Telefon wird montags und mittwochs von 13 bis 14 Uhr angeboten. Weitere Informationen unter www.abtei-fulda.de im Internet. (c.s.)

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