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Gärtnerin Schwester Christa : Hohepriesterin des Komposts

Das Gärtnern war ihr nicht in die Wiege gelegt. Am 23. Dezember 1950 als Tochter eines Autoschlossers in Kassel geboren, wurde sie weihnachtlich Christel genannt. Ihr Vater war katholisch, ihre Mutter evangelisch, eine Mischehe in den fünfziger Jahren nicht selbstverständlich. „Mein Vater nahm mich huckepack mit in die Kirche“, erinnert sich Christa Weinrich. Ihre Mutter konvertierte aus freien Stücken, als Christel zur Erstkommunion ging. „Es war ein toleranter Katholizismus, mit dem ich aufwuchs.“ In ihrer Heimatgemeinde gab es eine Schwester. „Sie wurde mein Vorbild. Ich wollte schon als Kind ins Kloster, aber Schulschwester in der ,Engelsburg‘ wollte ich nicht werden“, sagt sie und meint damit ihr Gymnasium bei den Heiligenstädter Schulschwestern in Kassel. Dort machte sie 1968 ihr Abitur – gerade rechtzeitig, um in Gießen an den ersten Studentenstreiks teilzunehmen.

„Das Studium war nicht ganz meins“

Den Führerschein brauchte sie, um in den Semesterferien zu jobben. Sie sortierte Fotos bei Agfacolor, half in einem Altenheim aus und stand am Fließband der nordhessischen Regionalzeitung, um Prospekte zu sortieren. Als Grundschullehrerin für Deutsch, Geographie und Religion kehrte sie nach Kassel zurück. Dann merkte sie: „Das Studium war nicht ganz meins. Da fehlte mir noch was.“ Doch bevor sie bei den Benediktinerinnen anklopfte, führte sie ihre Klasse erst noch ins vierte Schuljahr. Als Postulantin half sie dann im „Humofix“-Büro aus und beantwortete schriftliche Fragen verzweifelter Gärtner. In Osnabrück nahmen die Dozenten die Gartenbau-Studentin im schwarzen Habit nicht ernst mit ihrem biologischen Gartenbau, den sie schon bei den Schwestern erlernt hatte. Sie blieb dabei und schrieb Anfang der Achtziger eine Broschüre über Jauchen und Spritzbrühen unter dem Titel „Pflanzensaft gibt Pflanzen Kraft“.

Damit begründete Schwester Christa die biologische Schriftenreihe der Abtei Fulda. Es folgten ein Obstbaukalender, Hefte über Kompost, Mischkulturen, Beerenobst sowie über Heil- und Würzkräuter. Die achtziger Jahre wurden ihre Lehrjahre im Hortus conclusus der Schwesternklausur. Sie schrieb in der klostereigenen Zeitschrift „Winke für den Biogärtner“, die Schwester Laurentia schon 1961 gegründet hatte. Das Periodikum, das noch immer dreimal jährlich erscheint, ist die älteste deutschsprachige Zeitschrift über biologischen Gartenbau. Mitte der Achtziger übernahm Schwester Christa die Leitung des „Humofix“-Büros. Derweil wurden die Ländereien des Klosters verkauft: Feldgarten und Landwirtschaft jenseits der Mauern aufgegeben, eine Mühle geschlossen, die Likör-Produktion eingestellt.

Was die Existenz der 99 Nonnen in der Nachkriegszeit sichern sollte, wurde überflüssig oder konnte nicht mehr bewältigt werden. Die Abtei schrumpfte. Mit Mutter Benedikta, der neuen Äbtissin, passte sich das Kloster an die neue Zeit an. 1999 eröffnete der Klosterladen, in dem Schwester Regina heute die Schriften der Abtei nebst Kräutertees und Fruchtaufstrichen verkauft. Sie gehört mit ihren 30 Jahren zum Nachwuchs, der sich immer rarer macht. Schon 2011 lebten nur noch 28 Schwestern im Kloster. 2013 starb die Garten- und Feldschwester Agatha in gesegnetem Alter. Heute sind es nur noch 19 Schwestern, dazu eine in der Triennalprofess, einer auf drei Jahre befristeten Bindung an die Klostergemeinschaft, die der endgültigen Entscheidung für das Klosterleben vorausgeht. Eine weitere junge Frau schnuppert als Gartenhilfe in den streng geregelten Alltag der Schwestern hinein.

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