https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/kliniken-mit-5000-euro-praemie-auf-pflegekraefte-fang-16646498.html

„Ruinöser Wettbewerb“ : Kliniken mit 5000 Euro Prämie auf Pflegekräfte-Fang

  • Aktualisiert am

Gesucht: Pflegekraft an einer hessischen Klinik Bild: Patrick Junker

In hessischen Krankenhäusern fehlen Hunderte Schwestern und Pfleger. Kliniken zahlen deshalb teils Tausende Euro Prämien für neues Personal. Die Krankenhausgesellschaft spricht von einem „ruinösen Wettbewerb“.

          2 Min.

          „Pflege-Helden gesucht!“ und „OP-Helden gesucht!“ stehen in Knallfarben über Comicfiguren in Krankenhauskleidung. Eine Frankfurter Klinik wirbt mit solchen Postkarten um Pflegekräfte - und verspricht den Kandidaten 3000 Euro Wechselprämie. Die Hessische Krankenhausgesellschaft findet solche Aktionen „nicht schön“, aber auch verständlich: „Die Krankenhäuser stehen häufig mit dem Rücken zur Wand“, sagte der Geschäftsführende Direktor, Steffen Gramminger, der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn die Kliniken nicht die Betten schließen und somit notwendige Behandlungskapazitäten reduzieren wollen, müssen sie irgendwo die Pflegekräfte herbekommen.“

          Die Werbeaktionen würden „immer offensiver“, hat Gramminger beobachtet. Neben dem Fachpersonalmangel verschärften die neuen Pflegepersonaluntergrenzen zusätzlich die Situation. Inzwischen habe sich „ein ruinöser Wettbewerb“ entwickelt: Die ersten Krankenhäuser hätten mit 1000 Euro Wechselprämie geworben, inzwischen zahlten manche bis zu 5000 Euro. „Das ist immer noch günstiger als horrende Preise für Honorarkräfte an Vermittlungsagenturen zu bezahlen.“

          Das große Gebuhle

          Manche legten Flyer bei der Konkurrenz aus oder stellten jemanden vor die Tür. „Das führt natürlich zu bösen Anrufen.“ In Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet „ist das Gebuhle besonders groß“: Hier sei der Konkurrenzdruck besonders hoch, weil durch die Nähe der Krankenhäuser der Arbeitgeberwechsel leicht sei. „Aber das passiert landauf, landab“.

          Das Frankfurter St. Elisabethen-Krankenhaus wertet seine „Pflege-Helden“-Kampagne als Erfolg. Es sei eine zeitlich begrenzte Aktion zwischen Mitte Dezember und Ende Januar gewesen, erklärte die Geschäftsführung. Wie viele Mitarbeiter damit gewonnen wurden, ist nicht bekannt: Es sei nicht immer nachvollziehbar, über welche Kanäle die Bewerber auf offene Stellen aufmerksam geworden seien. Von anderen Kliniken habe man „keine Resonanz auf die Aktion erhalten“.

          Bessere Bezahlung, mehr Anerkennung

          Gramminger glaubt, dass solche Aktionen nur kurzfristige Erfolge bringen. Langfristig helfe nur „ausbilden, ausbilden, ausbilden“, eine bessere Bezahlung, mehr Anerkennung, bessere Arbeitsbedingungen. Mittelfristig könnten Pflegekräfte aus dem Ausland die Not lindern, hier seien aber oft die bürokratischen Hürden sehr hoch und die Anerkennungsverfahren zu lang.

          Wie groß der Mangel an Fachkräften in der Pflege ist, ist unklar. Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt hessenweit 910 freie Stellen für Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege gemeldet. In den 165 hessischen Krankenhäusern arbeiteten laut Statistischem Landesamt zuletzt 31.700 Beschäftigte in der Pflege (Stand 2017).

          „Die Krankenhäuser hatten in 2018 große Probleme, offene Stellen zu besetzen“, heißt es im Hessischen Pflegemonitor. Das Universitätsklinikum Gießen/Marburg hatte Ende 2019 wegen Personalmangels drei Stationen schließen müssen. In diesem Jahr wurde die Finanzierung neu geregelt: Die Krankenhäuser erhalten laut Regierungspräsidium Gießen ein separates Entgelt für Pflegeleistungen. Kliniken, die Patienten eine gute pflegerische Versorgung bieten, würden damit finanziell deutlich bessergestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der Montagehalle eines Windenergieanlagenbauers arbeitet ein Mitarbeiter am Getriebe einer Windkraftanlage.

          Hohe Energiepreise : Lange Schatten

          Hohe Gas- und Strompreise belasten das Wirtschaften hierzulande nicht nur vorübergehend. Und: Sie treffen kleine und mittlere Unternehmen, die die Produktion nicht einfach ins Ausland verlagern können, besonders stark.
          Läuft nicht nach Plan: Die russische Mobilisierungskampagne für die Invasion in der Ukraine (hier ein Plakat in St. Petersburg)

          Nach ukrainischem Vorrücken : Moskau sucht Schuldige für Misserfolge

          Während die Ukrainer Gelände zurückgewinnen, treibt Russland sein Annexionsprogramm voran, wobei die „Grenzen“ der Gebiete unklar bleiben. Moskau will darin keinen Widerspruch sehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.