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Kirche in der Politik : Alternativlos Christ sein

Christliche Gemeinschaft: Was die Werte der AfD betrifft, setzen hessische Kirchen nun auf politischen Dialog statt Ausgrenzung. Bild: dpa

In Hessen bleibt die Kirche unpolitisch – und mischt gerade dadurch in der Politik mit. Durch den Dialog mit jedem, egal welcher Meinung, wollen Protestanten und Katholiken die Gemeinschaft stärken.

          Wer aus Münster kommt, kennt das schon: Rechtspopulisten bekommen in der 310.000-Einwohner-Stadt einfach keinen Fuß auf den Boden. Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt die AfD weniger als fünf Prozent – und damit das schlechteste Ergebnis in ganz Deutschland. Und bei der Europawahl vor wenigen Wochen holte die AfD in der westfälischen Großstadt gerade einmal vier Prozent der Zweitstimmen. Der Münsteraner an sich, er kann Rechtspopulisten nicht leiden.

          Ob die erfreulich niedrigen Zahlen etwas mit dem in Münster immer noch tiefer als anderswo verwurzelten katholischen Glauben zu tun haben? Das ist Spekulation, aber immerhin eine naheliegende. Die Kirchen in Deutschland und im Rhein-Main-Gebiet könnten daraus Motivation ziehen und diesen Schluss: Je stärker christliche Werte noch gelten, aufrechterhalten und gelebt werden, desto weniger Platz gibt es für Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Ausgrenzung.

          Keine Ausgrenzung – das gilt in beide Richtungen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, aber auch die katholischen Bistümer Limburg, Mainz und Fulda tun gut daran, mit denjenigen aus ihrer Herde im Gespräch zu bleiben, die in den vergangenen Jahren in die AfD eingetreten sind oder offen mit deren Politik sympathisieren. Für einen gläubigen Christen, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, ist es zwar vollkommen unverständlich, wie jemand in eine Partei eintreten kann, in der Hass wichtiger ist als Nächstenliebe. Trotzdem kann ein AfD-Parteibuch allein noch kein Grund sein, ein Kirchenmitglied aus der Gemeinschaft auszuschließen. Das Kirchenrecht ließe einen solchen Schritt außerdem auch gar nicht zu.

          Die Toleranz nach Rechtsaußen muss kirchenintern jedoch sehr enge Grenzen haben. Wer im Kirchenvorstand gegen Flüchtlinge hetzt, gehört des Amtes enthoben. Wer im Pfarrgemeinderat abfällig über seinen jüdischen Nachbarn redet, muss sofort den Raum verlassen und darf auch nicht wiederkommen. Und wer beim Gemeindefest am Bierstand lieber Hassparolen gegen Politiker absondert als Bier zapft, sollte von umstehenden Gemeindemitgliedern an die Werte seines Glaubens erinnert und dann umgehend nach Hause geschickt werden.

          Die evangelische Landeskirche nennt ihre Strategie eine „doppelte Grundhaltung“: eintreten für christliche Werte und gegen Rechtspopulisten auf der einen Seite, Dialogbereitschaft selbst mit Leuten, die sich extrem äußern, auf der anderen Seite. Es ist ein schmaler Grat. Doch das Vorgehen ist alternativlos.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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