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Kirche in Corona-Zeiten : Hostie für daheim

Kleiner Schatz: Gerlinde Ottenschläger hält in ihrer Haustür die Hostie in Händen. Bild: Lando Hass

Um Gottesdienstteilnehmer vor Covid-19 zu schützen, hat eine Pfarrei in Hessen ein sehr strenges Hygienekonzept erstellt. Manchen Gemeindemitgliedern bietet sie außerdem einen besonderen Service an.

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          Gerlinde Ottenschläger hat dem Leib Christi ein schönes Plätzchen bereitet. Auf einen Hocker vor der Haustür hat sie eine Decke gelegt, darauf steht ein Glastellerchen mit Deckel. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, der Rasen duftet frisch geschnitten, hier in Nieder-Wöllstadt in der Wetterau an diesem Sonntagvormittag. „Feste!“, ruft die Vierundsiebzigjährige, als sich Patrick Strosche mit dem Gartentor abmüht. Nach einigem Ruckeln hat es der Pastoralassistent geschafft. Auf einem Weg aus Waschbetonplatten geht er auf Ottenschläger zu. In der Hand hält er ein quadratisches, kleines Lederetui.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Strosche hat an diesem Tag einen besonderen Dienst: Er ist Kommunionhelfer für eine kurze Feier daheim. Seit dem 17. Mai bietet der Pfarrbezirk Wöllstadt/Rodheim, der zum Bistum Mainz gehört, diesen Service an. Zwar finden im Ort seit Anfang Mai jede Woche auch wieder zwei öffentliche Messen statt, doch manch älterem Gemeindemitglied erscheint ein Besuch wegen der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus nach wie vor zu gefährlich.

          Seit dem Lockdown kein Kirchenbesuch

          Gerlinde Ottenschläger war seit dem Lockdown Mitte März nicht mehr in ihrer geliebten Kirche St. Paulus, die nur ein paar hundert Meter von ihrem Haus entfernt liegt. Dabei war sie vor Corona 45 Jahre lang fast jeden Sonntag dorthin gegangen. Seit drei Monaten verfolgt sie die Gottesdienste per Livestream. Den gibt es in Nieder-Wöllstadt von Anfang an. Mittlerweile nutzt der findige IT-Beauftragte der Pfarrei, Martin Schöniger, sogar einen eigenen Server für das Angebot, das jede Woche zwischen 55 und 80 Geräte abrufen. Für 800 Geräte gleichzeitig wäre Kapazität vorhanden. Auch Otterschläger könnte seit Mai wieder in den Gottesdienst gehen. Weil sie aber schon länger auf eine wichtige Operation wartet, will sie kein Risiko eingehen. Deshalb nutzt sie das Angebot der Hauskommunion, das sonst nur als Krankenkommunion angeboten wird.

          Patrick Strosche öffnet den Druckknopf des schwarzen Etuis. Dann zieht er behutsam ein rundes, flaches, goldenes Gefäß heraus. Es ist eine Pyxis, in der eine konsekrierte Hostie ruht. Die hat kurz zuvor noch während der Wandlung auf dem Altar von St. Paulus gelegen, auf einem speziellen Tuch. Auch für die Krankenkommunion kommt eine Pyxis zum Einsatz.

          Schönes Plätzchen: Pastoralassistent Patrick Strosche nimmt den Leib Christi behutsam aus der goldenen Pyxis und legt ihn auf den Glasteller vor dem Haus.
          Schönes Plätzchen: Pastoralassistent Patrick Strosche nimmt den Leib Christi behutsam aus der goldenen Pyxis und legt ihn auf den Glasteller vor dem Haus. : Bild: Lando Hass

          Strosche, der sich beim Verlassen seines Autos die Hände mit einem Spray desinfiziert hat, nimmt den Leib Christi, legt ihn auf den Glasteller und tritt ein paar Schritte zurück. Gerlinde Ottenschläger nimmt die Hostie, verharrt kurz und steckt sie in den Mund. Dann betet sie in der geöffneten Haustür. Die 74 Jahre alte Frau findet die Kombination aus gestreamten Gottesdienst und anschließender Hauskommunion gut. „Ich bin dadurch verbunden mit meiner Gemeinde. Die Gemeinschaft spüre ich.“

          Knapp zwei Stunden zuvor sind die Türen der Kirche weit geöffnet. Eine halbe Stunde noch, dann beginnt der Gottesdienst. Überall am Eingang hängen gelbe Schilder mit Ansagen und Hinweisen: „Keine Maske? Leider kein Einlass“, „Vom Platz und zum Platz nur nach Aufforderung des Ordners“ oder „Husten, Schnupfen, Fieber, Durchfall? Leider kein Einlass!“, steht darauf. Oben rechts findet sich ein weißes Schild. Das „Herzlich Willkommen“ geht beinahe unter.

          511 Quadratmeter Kirchenraum = 51 Teilnehmer

          Wer in St. Paulus an einem Gottesdienst teilnehmen will, muss sich rechtzeitig im Internet anmelden und bekommt dann eine Bestätigung. In den 511 Quadratmeter großen Kirchenraum dürfen deshalb nur 51 Personen gleichzeitig. An diesem Sonntag kümmern sich zehn Ordner und Helfer um 18 Teilnehmer.

          Am Stehtisch vor dem Eingang befragt Andreas Heuser die Leute. Der Vorsitzende des örtlichen Pfarrgemeinderats trägt wie alle um ihn herum sogar draußen eine Maske. „Haben Sie Symptome?“, will Heuser wissen. Dann hakt er den Namen auf einer Liste ab und bittet darum, das Desinfektionsspray auf dem Stehtisch zu verwenden. Als die Organistin mit einem Schlauchschal erscheint, den sie sehr hochgezogen trägt, fragt Heuer: „Na? Banküberfall?“

          „Na? Banküberfall?“

          In der Kirche ist ebenfalls alles geregelt. Zu den Bänken geht es erst, nachdem einen jemand am Eingang abgeholt hat. Auf dem Boden kleben „Stopp“-Schilder auf gelben Pfeilen, jede zweite Bank im Mittelschiff ist mit gelber Kordel versperrt, die anderen Bänke haben jeweils vier Sitzkissen für vier Teilnehmer. Mehr ist nicht erlaubt. Keiner murrt. Und als eine ältere Frau beim Eintreten die Maske noch nicht trägt, ermahnt sie eine junge Helferin freundlich mit den Worten: „Sie müssen Ihre Maske tragen, bitte.“

          Pfarrer Norbert Braun desinfiziert sich vor der Gabenbereitung die Hände und weist mehrmals auf die Einbahnstraßenregelung in der Kirche hin. Gesungen wird nicht. Dass seine Pfarrei ein vergleichsweise striktes Hygienekonzept einhält, weiß der Mann mit dem Kapitän-Ahab-Bart. Doch er sagt: „Wir sind in der Wetterau bislang glimpflich davongekommen. Was jetzt streng zu sein scheint, kann uns aber in einer zweiten Corona-Welle helfen.“

          Nach dem Gottesdienst lächelt Martin Schöniger unter seiner Maske. Für den 45 Jahre alten Initiator des Hygiene- und Streamingkonzepts ist alles gut gelaufen, es gab kaum Verstöße, die Teilnehmer konnten sich sehr sicher fühlen. Und allzu streng will Schöniger auch nicht sein. „Dass jemand, der auf die Neunzig zugeht, auch mal aus Versehen lossingt, das ist halt so.“

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