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Kino 2009 : Aufbruch in die dritte Dimension

Grün-rot war gestern: Inzwischen sorgen graue Brillen für räumliches Kino Bild: AP

Die dritte Fortsetzung des Kassenschlagers „Ice Age“ soll erstmals breite Massen für dreidimensionales Kino begeistern. Der erste Schritt in eine neue Zeit, meinen viele. In der Rhein-Main-Region haben schon sechs Kinos auf die neue Technik umgerüstet.

          Die Idee ist beileibe nicht neu: Seit Jahrzehnten versuchen Kinobetreiber Zuschauer zu gewinnen, indem sie der Leinwand Räumlichkeit verleihen. Viele dürften schon ein Mal mit rotgrüner Pappbrille vor Haien zurückgeschreckt oder von Planeten umkreist worden sein. Doch seit dem 1. Juli ist 3-D in eine neue Dimension vorgestoßen. Mit der dritten Fortsetzung des Kassenschlagers Ice Age wird ein ganzer Animationsfilm in räumlicher Darstellung geboten, mit neuer Technik will die Filmwirtschaft die breite Masse gewinnen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwar beruht das Prinzip nach wie vor darauf, dass einige Bildteile für das rechte und andere für das linke Auge bestimmt sind und so das Gefühl von Räumlichkeit entsteht. Doch während die herkömmliche Analogtechnik beide Bilder nie so ganz passgenau hinbekam und die Zuschauer von der Unschärfe Kopfschmerzen bekamen, bietet die neue digitale Technik, die durch leicht gräuliche Brillen betrachtet wird, „gestochen scharfe Bilder und klare Farben“.

          130.000 Euro in 3-D-Technik investiert

          Das findet zumindest Marc Ewert. Er betreibt acht Kinosäle in Wiesbaden. Einen davon im Thalia Theater am Mauritiusplatz hat er rechtzeitig zur Deutschlandpremiere von Ice Age 3 für die dreidimensionale Ausstrahlung fit gemacht. 130.000 Euro musste er dafür nach eigenen Angaben in die Hand nehmen: für den digitalen Projektor, die 3-D-Systeme, die Brillen, sogar die Klimaanlage musste er aufrüsten, weil die neuen Geräte eine solche Hitze erzeugen.

          „Aber die Zuschauer bekommen durch die 3-D-Technik einen echten Mehrwert“, befindet Ewert. Die Investition werde sich amortisieren, ist er sicher, durch die drei Euro Aufschlag, die die Zuschauer für die neue Technik zahlen müssen. Im Vergleich zu anderen Kinos ist das recht günstig. Im Kinopolis am Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach etwa liegt der Eintrittspreis für die Eiszeit in 3-D montags bis mittwochs bei 10,90 Euro, donnerstags bis sonntags sogar bei 11,90 Euro, und damit mehr als 50 Prozent über den Eintrittspreisen für herkömmliche Filme. In Frankfurt haben neben dem Kinopolis auch die E-Kinos an der Hauptwache und das Metropolis einen 3-D-Saal eingerichtet. In Mainz bietet das Cinestar die Eiszeit in der neuen Technik, im Cinemagnum in der Zeilgalerie ist der Film ebenfalls dreidimensional zu sehen.

          „Und die Leute sind begeistert“

          Ewert vom Wiesbadener Thalia sieht sich durch den Zuspruch seiner Kunden bestätigt. Den neuen Ice-Age-Film hätten bislang zwei Drittel der Zuschauer in 3-D gesehen, für die herkömmliche Variante in 2-D, die er ebenso zeigt, habe sich nur ein Drittel entschieden. „Und die Leute sind begeistert“, sagt Ewert. Dass der Zulauf nur auf den Reiz des Neuen zurückzuführen ist, glaubt der Kinobetreiber nicht. In den Vereinigten Staaten, in denen die Technik schon länger und inzwischen vielerorts geboten wird, habe sich die Begeisterung gehalten.

          Die Kinowelt versucht mit der neuen Technik, endlich wieder mehr Publikum für ihre Lichtspiele zu begeistern. Denn auch wenn die Geschäftszahlen der vergangenen Jahre schwanken, so liegen die letzten richtig guten Jahre, in denen mehr als zwölf Millionen Menschen in die hessischen Kinos strömten, doch schon eine Weile zurück (siehe Grafik).

          Dabei ist die Wirtschaftskrise bislang nicht in den Kinosälen der Republik angekommen. Bis zum 7. Juni dieses Jahres zählten die Marktforscher der Nielsen Media Research GmbH 56,8 Millionen verkaufte Karten an den deutschen Kinokassen, deutlich mehr als in den vergleichbaren Zeiträumen der beiden Vorjahre. Auch der Werbemarkt habe sich wieder erholt. Nach sehr schwachen ersten vier Monaten des Jahres, hätten die deutschen Unternehmen im Mai mit Bruttowerbeinvestitionen von 6,8 Millionen Euro 8,3 Prozent mehr für Kinowerbung ausgegeben als im Mai 2008.

          Eisbrecher der dritten Dimension

          Hollywood und die großen Filmverleiher forcieren indes die Umstellung auf 3-D. In den kommenden Monaten bringen die großen Studios immer mehr Filme auf den Markt, die als dreidimensionale Spektakel konzipiert sind. Als Eisbrecher der dritten Dimension soll der Film „Avatar“ im Dezember dienen, das erste Werk des Star-Regisseurs James Cameron seit „Titanic“.

          Der Drang der Filmindustrie hin zur neuen Technik ist nicht ganz uneigennützig. Denn die dritte Dimension lässt sich nur mit digitalen Projektoren zeigen. Und ginge es nach den Produzenten und Verleihern, sollten Kinos bald alle Filme – also auch die zweidimensionalen – digital vorführen. Für sie entstehen durch die Umstellung von der unhandlichen und teuren Filmrolle auf Festplatten nämlich Kostenvorteile. Die Kinobetreiber aber streuben sich bislang, schließlich müssten sie dafür viel Geld in neue Geräte investieren. Aus Sicht von Kinochefs wie Ewert bringt die digitale Ausstrahlung herkömmlicher Filme dem Zuschauer keinen Zusatznutzen, so dass er kaum einen Preisaufschlag dafür hinnehmen dürfte. In Wiesbaden werde es vorerst bei dem einen Digitalkino bleiben. „Und da wird nur 3-D gezeigt“, sagt Ewert.

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