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Angestellt statt in Rente : Kinderärzte dringend gesucht

Wollte eigentlich in Ruhestand gehen: Kinderärztin Irmgard Derwin-Popp im Medizinischen Versorgungszentrum Panaceum in Heusenstamm. Bild: Wolfgang Eilmes

Kinderarzt-Mangel ist der Grund: Zwei Medizinerinnen, die eigentlich aufhören wollten, arbeiten jetzt als Angestellte weiter. Eine dauerhafte Lösung ist das jedoch nicht.

          Ende vergangenen Jahres wollten die Kinderärztinnen Ingrid Zessin-Erol und Irmgard Derwein-Popp aufhören. Doch trotz langer Suche fand sich kein Kinderarzt, der ihre Gemeinschaftspraxis in der 19.000 Einwohner zählenden Stadt Heusenstammer unweit von Frankfurt übernehmen wollte. Damit hätten viele Eltern für ihre Kinder einen neuen Arzt in der Umgebung suchen müssen, was wohl nicht ganz einfach gewesen wäre. Die beiden Ärztinnen beschlossen deshalb, mit weniger Stunden weiterzumachen: Seit Anfang des Jahres gehören sie zum Team des Medizinischen Versorgungszentrums Panaceum an der Philipp-Reis-Straße in Heusenstamm. Die Hoffnung, einen Nachfolger zu finden, haben sie aber noch nicht aufgegeben.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Viele Patienten wurden von Zessin-Erol und Derwein-Popp von kurz nach der Geburt bis zum 18. Geburtstag medizinisch begleitet. Vor 31 Jahren ließ sich Zessin-Erol mit ihrer Praxis in Heusenstamm nieder. 1996 kam Derwein-Popp dazu. Seither behandelten sie unzählige junge Patienten, diagnostizierten Atemwegs-Infektionen und andere Krankheiten, gaben den Eltern Ratschläge, wie ihr Kind schnell gesund werden könne, und verschrieben Medikamente. Auch behinderte Menschen gehören zu ihren Patienten. Eine angestellte Kinderärztin kam hinzu; gemeinsam teilte man sich die beiden Sitze, die nach den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zur Verfügung standen. Insgesamt 1800 bis 2000 Krankenscheine rechneten die beiden Kinderärztinnen pro Quartal ab.

          Drei Jahre intensiver Suche

          Ende vergangenen Jahres sollte Schluss sein. Zessin-Erol, die 64 Jahre alt ist, und ihre 63 Jahre alte Kollegin Derwein-Popp hörten sich schon frühzeitig nach einem Nachfolger um. Drei Jahre habe man dann intensiv gesucht, sagt Zessin-Erol. Doch alle Bemühungen blieben ohne Erfolg. Das geringe Interesse an einer Tätigkeit als Kinderarzt in Heusenstamm überraschte beide: „Dass wir solche Schwierigkeiten haben, damit haben wir nicht gerechnet.“

          Zessin-Erol weist darauf hin dass die Medizin, insbesondere die Kinderheilkunde, weiblich werde. Auch in den Kliniken seien vor allem Ärztinnen tätig. Junge Frauen achteten auf die Work-Life-Balance, wollten erst einmal Kinder bekommen, diese einige Zeit großziehen und danach in den Beruf zurückkehren. Dies habe Interessenten vielleicht abgehalten, die Praxis zu übernehmen.

          Ingeborg Degel, Allgemeinärztin in Offenbach und Gründerin des Panaceums, hält noch einen weiteren Grund für möglich: den erheblichen Verwaltungsaufwand und die Kosten, die eine eigene Praxis mit sich bringe. 2011 gründete Degel das Panaceum in der Stadt Offenbach; im Mai 2018 kam das Panaceum in Heusenstamm dazu. Das Medizinische Versorgungszentrum bezog dort frühere Büroräume, insgesamt 300 Quadratmeter, die einst von Bundespost und Telekom genutzt wurden.

          Alternative: einfach zumachen

          Es vereint mehrere Fachrichtungen unter einem Dach: Allgemeinmedizin, Urologie, Kinder- und Jugendmedizin. Die eineinhalb Sitze für Allgemeinmedizin und der halbe Sitz für Urologie waren zuvor nicht besetzt. Die Sitze für Kinder- und Jugendmedizin übernahm das Panaceum von den beiden Kinderärztinnen. Zessin-Erol ist einen Tag in der Woche im Dienst. Derwein-Popp steht den Patienten 20 Stunden in der Woche zur Verfügung. Als nunmehr angestellte Ärztinnen teilen sie sich die beiden Sitze mit zwei ebenfalls in Teilzeit tätigen Kollegen. In Medizinischen Versorgungszentren können sich bis zu vier Ärzte einen Sitz teilen. Man habe diese Möglichkeit gewählt, denn „die Alternative wäre gewesen, einfach zuzumachen“, sagt Derwein-Popp. Eine fünfte Kinderärztin kümmert sich vor allem um die jungen Patienten im Panaceum in Offenbach.

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