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Kettensägenkünstler : Eulen sind ihm ein Greuel

  • -Aktualisiert am

Märchenhaft: Auch Schneewittchen nebst Apfel und Häuschen hat Wolfgang Busch geschaffen Bild: Sandra Schildwächter

Wolfgang Busch fertigt Skulpturen aus Holz. Per Kettensäge. Eine Kanzel für eine Kapelle stammt von seiner Hand. Auch Märchenfiguren widmet er sich.

          2 Min.

          Wenn Lärm die Ohren betäubt und Späne umherfliegen, ist Wolfgang Busch in seinem Element. Ausgerüstet mit Schutzkleidung, Helm, Ohrenschützern und einem Plexiglasvisier hantiert er auf dem Platz vor seinem Haus am Rand des Büdinger Ortsteils Calbach mit einer seiner 16 Motorsägen. Er zieht hier behutsam eine Furche ins Holz, tüpfelt dort eine Vertiefung hinein oder schneidet energisch ein größeres Stück ab. Aus einem profanen Baumstamm entsteht ein Kunstwerk. Weit über 400 Skulpturen hat er bisher gestaltet, schätzt der 66 Jahre alte pensionierte Forstoberamtsrat.

          Zunächst sieht er sich den Baumstamm genau an. „Das Holz muss das Motiv hergeben“, erklärt Busch. „Manchmal sieht außen alles einwandfrei aus, aber innen hat sich Fäulnis breitgemacht. So was grenzt die Möglichkeiten stark ein.“ Manchmal denkt er tagelang nach und erstellt Skizzen, um die richtigen Proportionen zu finden. Wenn es dann losgeht, ist im Kopf schon alles fertig. „Bei der Produktion bin ich sehr fokussiert“, sagt der Künstler, der bei sich selbst schon eine gewisse Zwanghaftigkeit beobachtet, eine Idee umzusetzen.

          Nichts wird weggeworfen

          Busch arbeitet ausschließlich mit Holz, das aus unterschiedlichen Gründen sowieso anfällt. In der Regel stammt es aus Verkehrssicherungsmaßnahmen oder von umgestürzten Bäumen. Nichts wird weggeworfen. Das Sägemehl kommt in die Pferdebox, Abschnitte werden im Kachelofen und im Feststoffbrenner verheizt.

          Kettensägenkünstler: Wolfgang Busch aus Büdingen am Werk Bilderstrecke
          Kettensägenkünstler : Eulen sind ihm ein Greuel

          Das Haus und der Garten sind gespickt mit Kostproben seiner Arbeit. Am Eingangstor hängt rechts ein Elchkopf, links ein Widderkopf wie ein Rammbock. Darunter steht die Skulptur einer Frau mit Rosen in der Hand, eine Erinnerung an das Massaker 2005 auf dem Marktplatz von Sarajevo im Bosnienkrieg. Am Backhaus thront ein Nikolaus. Die Verandabrüstung zieren ein pinkelnder Fuchs und ein Rauhaardackel mit einer Ente im Maul. Tiere in Bewegung ziehen sich wie ein roter Faden durch Buschs Schaffen.

          Aktueller Schwerpunkt sind jedoch Märchenmotive. Für den Märchenpfad im benachbarten Düdelsheim, einem Teilstück der 180 Kilometer langen Bonifatiusroute von Mainz nach Fulda, hat er vier Skulpturen hergestellt: Hans im Glück, den gestiefelten Kater, Hänsel und Gretel sowie Rumpelstilzchen. Die Arbeit an Schneewittchen und den sieben Zwergen ist weit fortgeschritten.

          Ferner hat der Forstfachmann ehrenamtlich zwölf Stationen auf dem Pfad der Nachhaltigkeit zwischen Karben und Gedern mit Informationskunst über die Natur versehen. Über einem dieser „Waldfenster“ schwebt eine riesige Libelle, vor einem anderen krabbelt eine hüfthohe Ameise auf den Wanderer zu.

          Sensibilität war im Jahr 2011 gefragt. Damals stürzte die altehrwürdige Kaiserlinde auf dem Friedhof in Unter-Widdersheim um. Trotz sorgfältiger Pflege waren die Wurzeln des mehr als 150 Jahre alten Baums abgefault, der Stamm war hohl. Die Einwohner wollten die Überreste aber nicht einfach entsorgen, sondern das Andenken an den Methusalem, der zu einer Art Wahrzeichen des Niddaer Stadtteils geworden war, bewahren. Busch schlug vor, aus dem Holz eine Kanzel für die Friedhofskapelle zu formen. Gesagt, getan. Alle waren zufrieden.

          Blumentröge aus Fichtenholz

          Das Talent wurde Busch in die Wiege gelegt. Im Schulunterricht schnitzte er ein Tier, das so gut gelang, dass der Lehrer ihm unterstellte, der Großvater habe seine Finger im Spiel gehabt. Später fertigte er weitere Tiere. Sein karges Anwärtergehalt besserte er in den siebziger Jahren auf, indem er mit der Motorsäge Blumentröge aus Fichtenholz herstellte. Dann schlief diese Tätigkeit ein.

          2005 nahm der Calbacher den Faden mit neu entflammter Leidenschaft wieder auf. Viermal stellte Busch seine Kunst mit einem Schausägen auf dem Hessentag der Öffentlichkeit vor. Mittlerweile sind ihm manche Motive – beispielsweise Eulen und Wildschweine – ein Greuel. Die fertigt er nur notgedrungen für Auftragsskulpturen. Schließlich muss auch Geld in die Kasse fließen.

          Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein. „Vor allem muss es Spaß machen. Wenn ich das Gefühl habe, dass eine Idee unbedingt raus muss, dann blühe ich auf“, sagt Busch in typischer Künstlermanier.

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