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Hanau : AfD-Treffen in Tatortnähe untersagt

Gemeinsam: Hanauer gedenken am 19. August der Toten des Anschlags. Bild: Lucas Bäuml

Die AfD wollte an diesem Freitag in der Nähe eines der Hanauer Tatorte tagen. Doch die Stadt hat das untersagt. Den „Themenabend“ in Räumen der Reinhardskirche wird es nicht geben.

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          Einer Veranstaltung der AfD im Hanauer Stadtteil Kesselstadt, die an diesem Freitag stattfinden soll, hat die Stadt Hanau eine eingeschränkte Absage erteilt. Der öffentliche „Themenabend“, der um 18.31 Uhr beginnen sollte, darf nicht in den Räumen der Reinhardskirche stattfinden, dem üblichen Treffpunkt der Hanauer AfD. Stattdessen hat die Stadt der Partei das Nachbarschaftshaus Tümpelgarten angeboten, das weit entfernt liegt von den Anschlagsorten des 19. Februar. Bis zum Donnerstagabend hatte die AfD einem Stadtsprecher zufolge den Mietvertrag für den Ersatzort allerdings noch nicht unterschrieben.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Er bedaure, dass die AfD einen Tag vor der Gedenkdemonstration am Samstag aus Anlass des terroristischen Anschlags vor einem halben Jahr in Hanau eine Veranstaltung abhalten wolle, teilte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) mit. Wegen der Chancengleichheit dürften der AfD aber keine städtischen Räume verweigert werden. Einen juristischen Erfolg, die Veranstaltung vor einem Verwaltungsgericht durchzusetzen, wolle er der Partei auf keinen Fall zugestehen. Der Raum in der Reinhardskirche sei zwar schon im August 2019 gemietet worden. Doch dass die AfD kurz vor der Trauerveranstaltung ausgerechnet in Kesselstadt tage, wo einer der Anschlagorte liege und der Großteil der Hinterbliebenen wohne, habe die Stadt verhindern müssen.

          Keine 900 Meter von einem der Tatorte entfernt

          Gegen die Veranstaltung in Kesselstadt hatte sich ein „Protestbündnis“ gegründet. Auch dessen Sprecher Alexander Haas kritisierte, dass fast auf den Tag genau sechs Monate nach dem rassistischen Terroranschlag vom 19. Februar die AfD ausgerechnet in Kesselstadt, keine 900 Meter von einem der Tatorte entfernt, eine Veranstaltung geplant habe. Kaminsky geht davon aus, dass es auch im Tümpelgarten eine Gegendemonstration geben könnte – falls das Treffen dort überhaupt stattfindet. Dort sei für die Demonstranten aber mehr Platz als an der Reinhardskirche, um die Corona-Regeln einhalten zu können.

          Die für Samstag geplante Trauerdemonstration mit Kundgebungen auf dem Kurt-Schumacher-Platz und dem Freiheitsplatz mit Angehörigen der Opfer, Überlebenden und Betroffenen wird organisiert von der „Initiative 19. Februar Hanau“ und dem Institut für Toleranz und Zivilcourage. Beginn ist um 13 Uhr auf dem Kurt-Schumacher-Platz in der Weststadt.

          Mahnwache und Schweigeminute

          Schon am Mittwoch, sechs Monate nach dem Attentat, bei dem ein Einzeltäter aus Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen hatte, war mit einer Mahnwache und einer Schweigeminute auf dem Marktplatz der Opfer gedacht worden. Gleichzeitig fanden Gedenkveranstaltungen in mehreren deutschen Städten statt, unter anderem in Berlin und Hamburg. In Hanau wurde ein neues Banner gegen Rassismus und für Toleranz an der Fassade des Neustädter Rathauses angebracht. Es zeigt im Vordergrund zwei ineinandergreifende Hände und die Worte „Hanau steht zusammen“. Im Hintergrund sind eine Trauerfeier nach dem Anschlag und das Brüder-Grimm-Denkmal erkennbar. Dazu heißt es „Kein Platz für Rassismus und Gewalt“ sowie „Für Respekt, Toleranz und Zivilcourage“. Das sollen laut Kaminsky Botschaften sein, die in die Zukunft weisen.

          Bisher stand dort zu lesen, dass die Opfer „keine Fremden waren“. Dazu war eine brennende Kerze vor schwarzem Hintergrund zu sehen. Dieser Satz ist jetzt unter den Fotos der Opfer am Fundament des Brüder-Grimm-Denkmals zu lesen, darüber findet sich das Versprechen „Wir werden Euch nicht vergessen“.

          Die Namen der Opfer

          Die Gedenkstätte am Brüder-Grimm-Denkmal auf dem Marktplatz wurde am Mittwoch gemeinsam mit Vertreterinnen der Opferfamilien neugestaltet. Zu sehen sind die Fotos und die Namen von Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar und Fatih Saracoglu. Das Denkmal soll bis zur Fertigstellung eines Mahnmals zur dauerhaften Erinnerung an die Opfer als zentraler Ort des Gedenkens dienen. Aber auch danach werde die Stadt die Fotos der Ermordeten und Blumen nicht abräumen, sagte Kaminsky. Das sei undenkbar.

          Bei dem jüngsten Treffen des Oberbürgermeisters mit Angehörigen ist laut Kaminsky über das geplante Mahnmal gesprochen worden. Für dessen Form und Ort soll ein Gestaltungswettbewerb Vorschläge bringen. Bis November werde mit den Angehörigen eine Entscheidung fallen. Eine Ausschreibung für das dauerhafte Erinnerungsdenkmal sei für Ende September geplant. Eine Jury mit Angehörigen und dem Oberbürgermeister solle im Oktober aus den eingereichten Modellen fünf aussuchen, die in die engere Wahl kommen. Auch auf dem Hauptfriedhof, wo drei Gräber von Opfern liegen, werde es einen Hinweis geben.

          Zudem verständigte man sich Kaminsky zufolge darauf, Gedenktafeln an den beiden Attentatsorten anzubringen, am Kurt-Schumacher-Platz und am Heumarkt. Einig sei man sich, dass die Fotos der Opfer zu sehen sein sollen. Weiteres Thema der Zusammenkunft war die Planung einer Gedenkfeier zum Jahrestag am 19. Februar 2021. Dass es wieder einen würdigen Rahmen mit ranghohen Gästen wie am 4. März im Congress Park Hanau haben solle, sei der einmütige Wunsch der Hinterbliebenen. Außerdem wurde laut Kaminsky angeregt, das Gedenken in die Woche gegen den Rassismus einzubetten, die im Februar ohnehin stattfindet.

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