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Moschee in Friedberg : Kaum Widerstand gegen das Minarett

  • -Aktualisiert am

Im Blickpunkt: das rund 16 Meter hohe Minarett der Moschee in Friedberg Bild:

In Friedberg steht eine der größten Moscheen in Hessen. Gemeinsam treten Christen und Muslime dafür ein, dass Imame Deutsch sprechen und hier ausgebildet werden.

          Fünf christliche Kirchen und Gemeinschaften machen an den Ortseinfahrten der Wetterauer Kreisstadt mit Hinweisschildern auf ihre Versammlungsstätten und Gottesdienstzeiten aufmerksam. Einen Wegweiser zur Ayasofya-Moschee an der Königsberger Straße sucht man indes vergeblich. Ortskundige wissen jedoch, dass man am südlichen Rand der Innenstadt der Beschilderung zur Feuerwehr folgen muss, um zur Anbetungs- und Begegnungsstätte der Türkisch-islamischen Gemeinde zu gelangen. Am Eingang flattern die deutsche und die türkische Nationalflagge sowie eine Fahne mit dem Logo der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion.

          Wer die Moschee betritt, dem strömt zunächst der Duft von frischem Brot entgegen. Neben einer Bäckerei hat ein Frisör einen kleinen Salon im Erdgeschoss der Moschee eingerichtet. In dem Gebäude, das früher von einem großen Einzelhandelskonzern als Lager genutzt wurde, sind auch ein Lebensmittelgeschäft sowie eine Umzugsfirma untergebracht.

          Bis zu 200 Gläubige kommen zu den Freitagsgebeten

          Im geräumigen Kantinenraum im ersten Obergeschoss, wo auch Fotos von Bundespräsident Horst Köhler und von Mustafa Kemal Atatürk, dem ersten Präsidenten der Republik Türkei, an der Wand hängen, berichtet Recep Kaplan, der auch Vorsitzender des Friedberger Ausländerbeirats ist, bei einer Tasse Tee, dass es in Friedberg seit etwa dreißig Jahren eine türkisch-islamische Gemeinde gibt. Nachdem sich die Gläubigen zunächst auf einem Dachboden zu den Gebeten versammelt hatten, wurde Ende der siebziger Jahre eine ehemalige Metzgerei und Gaststätte unterhalb der Friedberger Burg zur ersten Moschee hergerichtet.

          Prachtvoll: der Gebetsraum des Gotteshauses

          1999 kaufte die Türkisch-islamische Gemeinde dann das rund 5200 Quadratmeter große Grundstück unweit der amerikanischen Kaserne und baute es zu einer Moschee mit einem repräsentativen Gebetsraum um. Seit dem Spätsommer ist die Moschee auch von außen als solche zu erkennen, nachdem der 39 Jahre alte Kaplan und seine Brüder Ramazan und Nuh Mehmet der Gemeinde ein sechzehneinhalb Meter hohes Minarett zum Gedenken an ihre verstorbenen Eltern gestiftet haben. Die Mutter der drei Kaplan-Brüder starb vor 13 Jahren an Krebs, sieben Monate später kam der Vater bei einem Autounfall ums Leben.

          Aus Anlass der Fertigstellung des Minaretts, das nicht für Gebetsrufe genutzt wird, hatte die Gemeinde Anfang September zu einem Tag der offenen Tür auf das Gelände der Moschee eingeladen. Nach den Worten Kaplans besuchen derzeit 150 bis 200 Gläubige die Freitagsgebete. Am Ende des Ramadan oder zum Opferfest kämen jedoch etwa vier- bis fünfmal so viele Gläubige, um mit Imam Adem Duru zu beten. Duru, der nicht Deutsch spricht, verabschiedete sich von Kaplan in der Moschee, um mit einer Pilgergruppe nach Mekka zu reisen.

          Deutsch als Predigtsprache

          Im Gegensatz zu den derzeit heftig diskutierten Moscheebauvorhaben im Frankfurter Stadtteil Hausen sowie in Köln gab es nach Angaben von Friedbergs Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender (CDU) seit dem Jahr 2000, als der Bauantrag für die Errichtung der Moschee eingereicht wurde, keine größeren Diskussionen über den Bau der Moschee. Wie Bürgermeister Michael Keller (SPD) sagte, sind es vor allem einige Nachbarn und konservative Christen in der Kreisstadt, die dem Bau der Moschee und des Minaretts kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. Nach den Worten Kellers sucht auch die in Friedberg ansässige Ahmadiyya-Gemeinde, eine Reformbewegung im Islam, bereits seit einiger Zeit nach einem geeigneten Platz für einen Moscheebau.

          Für „nicht akzeptabel“ und „höchst problematisch“ hält es der Rathauschef, dass die meisten der vom türkischen Religionsministerium nach Deutschland entsandten Vorbeter nicht die deutsche Sprache beherrschten. Auch Kaplan, der sich derzeit um das Amt des Wetterauer Ausländerbeauftragten bewirbt, würde es befürworten, wenn die Imame in Deutschland ausgebildet würden, die deutsche Sprache sprächen und länger als nur vier Jahre eine Gemeinde betreuten. Dies, so Kaplan, „würde helfen, bestehende Kontakte zu vertiefen und langfristig das gegenseitige Verständnis zu fördern“.

          Offen geht indes die evangelische Pfarrerin Susanne Domnick auf die Türkisch-islamische Gemeinde zu. In den vergangenen Wochen haben zwei Treffen in der Stadtkirche und in der Moschee stattgefunden. Beim nächsten Gespräch soll über das christliche Weihnachtsfest und das islamische Opferfest gesprochen werden. Wegen der Pilgerreise nach Mekka wird der Imam diesmal nicht daran teilnehmen können. Domnick ist davon überzeugt, dass Glauben und Religion zum Leben gehören und dass man dies auch öffentlich zeigen dürfe. Die Pfarrerin setzt sich daher in Friedberg für den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. Integration bedeutet für sie, dass alle Beteiligten voneinander lernen können. Einen offenen und auch kritischen interreligiösen Dialog hält auch Bürgermeister Keller für notwendig. Es sei zwar „ein langer Weg“, aber auch „eine spannende Aufgabe, von einem Nebeneinander zu einem respektvollen Miteinander“ zu kommen.

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