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Katholische Kirche : Ungeduld im Bistum Limburg

  • -Aktualisiert am

Limburger Führungsduo: Der Apostolische Administrator Manfred Grothe (rechts) und sein Ständiger Vertreter Wolfgang Rösch. Bild: Fricke, Helmut

Es bewegt sich viel in der Diözese Limburg. Aber die Tebartz-Zeit wirft noch immer ihre Schatten, und ein neuer Bischof ist noch lange nicht in Sicht. Abwarten reicht manchen nicht mehr.

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          In einer Woche bekommen Frankfurts Katholiken hohen Besuch. Manfred Grothe macht auf seiner Rundreise durch das Bistum Limburg Station in dessen wichtigster Stadt. Der Apostolische Administrator will hören, was die Mitarbeiter und die Laienvertreter ihm zu sagen haben, die Situation der Kirche in der Metropole besser kennenlernen, erörtern, wie es weitergehen kann und soll.

          „Jetzt lernt er die Menschen hinter den Zahlen kennen“, sagt Ingeborg Schillai aus Taunusstein, Präsidentin der Diözesanversammlung, des obersten Laiengremiums im Bistum. In ihrem Bezirk war Grothe schon. Sie spielt auf den Prüfbericht mit seinen vielen Zahlen an, den er im Auftrag der Bischofskonferenz über das umstrittene, vom emeritierten Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gebaute Bischofshaus erstellt hatte. Im März dieses Jahres wurde er dann vom Papst mit der Leitung des Bistums beauftragt.

          Strukturen ändern sich mit Grothe

          Schillai zeigt sich dankbar für die Art und Weise, in der Grothe zuzuhören versteht – mit echter, nicht mit gespielter Anteilnahme. Dieses Lob ist oft zu hören, Grothe kommt gut an in der Diözese. Genauso wie seine Entscheidung, eine Hotline für Mitarbeiter einzurichten, bei der sie sich Erfahrungen aus der Tebartz-Zeit von der Seele reden können. Bis Ende dieses Monats ist die Nummer geschaltet. Rund 100 Anrufer haben sich bisher gemeldet, wie Grothe dem Vernehmen nach jüngst im Diözesansynodalrat mitteilte. Die Quintessenz der Gespräche soll wie angekündigt veröffentlicht werden.

          Die Finanzangelegenheiten werden mit Grothe transparenter geordnet, ein weiterer Pluspunkt. Das Vermögen des Bischöflichen Stuhls wird neu sortiert, die Zusammensetzung entscheidender Gremien verändert, so dass es eine wirksamere Kontrolle geben kann. Teils waren Strukturen, an die Grothe nun herangeht, schon vor Tebartz-van Elst vorhanden. „Der Administrator möchte zeigen, wie es geht“, heißt es im Bistum. Das trifft auch für einen neuen Stellenplan zu, der auf breiter Basis von Herbst 2015 an aufgestellt werden soll. Auch die Planung der neuen Großpfarreien geht weiter. Hinzu kommen die Besuche Grothes im Bistum. Dessen Vielfalt beeindrucke ihn, versichert der Bistumssprecher. Im Advent will Grothe sich mit einem Brief an die Gläubigen wenden, Rückschau und Ausblick halten.

          Personelle Leerstellen im Domkapitel

          Es bewegt sich also einiges. Aber bewegt sich auch genug? Im Bistum ist durchaus eine gewisse Ungeduld zu spüren. Da sind zum Beispiel die beiden freien Sitze im Domkapitel, die wiederbesetzt werden müssen, damit dieses Gremium in der Lage ist, irgendwann einen neuen Bischof zu wählen. „Die Komplettierung des Kapitels steht dringend an“, mahnt etwas Christoph Hefter, der Vorsitzende der Frankfurter Stadtversammlung. Ein Kandidat wäre wohl Wolfgang Rösch, der Ständige Vertreter Grothes. Vermutet wird, dass Grothe im Frühjahr die neuen Domkapitulare bekanntgeben wird, vielleicht am 23. April, dem Tag des Schutzpatrons der Diözese, des heiligen Georg.

          Nicht ausgeschlossen ist, dass Grothe in Absprache mit dem Vatikan weitere personelle Veränderungen im Kapitel vornehmen könnte. Das Kapitel hatte zwar im Juni seine Mitschuld an der schweren Krise um Tebartz-van Elst bekannt, Folgen hatte dieses Eingeständnis aber nicht. Es wird von nicht wenigen im Bistum als „unzureichend empfunden“, wie es ein Mitglied des Diözesansynodalrats formuliert. „Ich sehe die Forderung nach personellen Konsequenzen, aber wir haben nur wenige Alternativen“, gibt Reinhold Kalteier zu bedenken, der Sprecher des Priesterrats, eines Gremiums, mit dem Grothe weiterhin in engem Kontakt steht. Wieder andere fordern die Dezernenten im Bischöflichen Ordinariat auf, Selbstkritik zu üben und sich zu ihrem Verhalten in der Zeit unter Tebartz-van Elst zu äußern.

          Suche nach Bischofskandidat noch nicht begonnen

          Andere machen grundsätzlichere Bedenken geltend, zum Beispiel der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz. Er sieht nach dem Zusammenbruch der bischöflichen Autorität im Bistum Anlass zur Systemkritik. Amtsträger könnten den Gremien nicht mehr „fertiggedachte Dinge“ vorstellen und dann um Zustimmung bitten, wie es im Bistum bis heute der Fall sei, auch an dessen Spitze. Die Gläubigen müssten viel früher beteiligt werden. Eltz’ Kritik berührt die entscheidende Frage, unter welchen Bedingungen Bischöfe und andere leitende Geistliche künftig Macht ausüben können. „Die Wichtigkeit dieser Frage hat auch der Apostolische Administrator erkannt.“

          Wann mit der aufwendigen Suche nach Bischofskandidaten begonnen werden kann, ist weiter offen. Koordiniert wird diese Suche vom Apostolischen Nuntius. Am Ende steht eine im Vatikan aufgestellte Liste mit drei Kandidaten, von denen das Domkapitel einen zum Bischof wählt, der dann vom Papst ernannt wird.

          Ausschlaggebend ist, welchen Zeitpunkt der Vatikan für richtig hält, mit der Kandidatensuche zu beginnen. Damit ist aber so bald nicht zu rechnen, wie Grothe auch in der jüngsten Sitzung des Diözesansynodalrats betont hat. Es bleibt also weiter offen, ob das Bistum tatsächlich, wie vermutet wurde, Ende 2016 einen neuen Bischof hat. „Natürlich denkt jeder darüber nach, wer Bischof werden könnte“, sagt ein Pfarrer. Vielleicht Weihbischof Thomas Löhr, vielleicht ein Weihbischof aus einem Nachbarbistum?

          Fehler der Tebartz-Zeit sollen diskutiert werden

          Abwarten allein, das reicht manchen nicht, Christoph Hefter zum Beispiel. Ihm zufolge gibt es bereits eine Gruppe, die begonnen hat, ein Anforderungsprofil für einen neuen Bischof zu entwerfen. Hefter, der zu diesem Kreis gehört, hält es zum Beispiel für wichtig, dass der neue Mann an der Spitze viel Erfahrung in der Gemeindearbeit mitbringt. Und er ist nicht der Einzige, der sich einen solchen Kriterienkatalog wünscht.

          Eine Orientierung hätte auch eine Diözesansynode zu Vergangenheit und Zukunft des Bistums geben können. Sie wurde auch gefordert, aber eine solche Versammlung kann ohne einen regelrechten Bischof nicht stattfinden. Stattdessen gibt es eine andere Idee. Der Schwalbacher Pfarrer Alexander Brückmann will einen Prozess initiieren, in dem sich zunächst der Diözesansynodalrat, dann aber auch andere Gruppen intensiv mit den Stärken und der Eigenart des Bistums befassen, was es heißt, Kirche für die Armen zu sein, wie Dialog und Mitbestimmung aussehen und wie Gottesdienste gut gefeiert werden können. Geht es nach Brückmann, beginnt der Synodalrat in seiner Klausurtagung im Januar damit.

          Einige vermissen im Bistum ein öffentliches Forum, in dem offen über Versagen in der Tebartz-Zeit gesprochen werden kann. „Wir müssen über die Dinge ins Gespräch kommen, ohne übereinander zu Gericht sitzen zu wollen. Kaum einer war ein Held damals“, sagt Pastoralreferentin Pia Arnold-Rammé aus Frankfurt.

          Wenn in einer Woche Grothe zu Gesprächen nach Frankfurt kommt, wird einer nicht dabei sein: Stadtdekan zu Eltz. Er beginnt am Samstag, wie angekündigt, eine mehrmonatige Auszeit in einem Kloster. Nicht zuletzt ihn hat der heftige Konflikt des vergangenen Jahres ziemlich mitgenommen. Arnold-Rammé will beim Gespräch mit dem Administrator ihren Mund aufmachen, wenn sie es für nötig hält. Wer versuchen sollte, über das Treffen eine „Harmoniesauce“ zu gießen, wird auf ihren Protest stoßen. Vermutlich nicht nur auf ihren.

          Podiumsdiskussion in Bad Homburg

          Mit dem Stand der Dinge im Bistum Limburg befasst sich eine Podiumsdiskussion am Dienstag, 2. Dezember, um 20 Uhr in Bad Homburg.

          An dem Gespräch im Gemeindezentrum St. Marien, Dorotheenstraße 17, nehmen teil:

          • Wolfgang Rösch, Ständiger Vertreter des Apostolischen Administrators
          • Reinhold Kalteier, Sprecher des Priesterrats
          • Paul Freiling, Vorsitzender der Bezirksversammlung und
          • Britta Baas, Redakteurin bei „Publik Forum“

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