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Katholische Kirche in der Krise : Der Pfarr-Herr hat ausgedient

  • -Aktualisiert am

Paul Lawatsch leitet sieben katholische Gemeinden im weiten Hintertaunus Bild: Cornelia Sick

Die katholische Kirche ist in einer Krise: Das alte Pfarreisystem bricht zusammen, ein neues muss her. Damit ändert sich auch der Priesterberuf - gerade auf dem Land.

          5 Min.

          Neulich im Bürgerhaus von Neu-Anspach: Der katholische Pfarrer Paul Lawatsch feiert seinen 60. Geburtstag. Viele gratulieren dem beliebten Seelsorger, Mitarbeiter danken ihrem Chef auf der Bühne mit Liedern und Sketchen. In einem davon deuten sie das Nummernschild von Lawatschs Auto: HG-AL-236. AL könnte für „Am Limit“ stehen, meinen die Mitarbeiter - die Gäste lachen. Doch die Sache hat einen ernsten Kern.

          Lawatsch ist Pfarrer von sieben Gemeinden im Hintertaunus mit zusammen etwa 10.000 Katholiken: Neu-Anspach, Usingen, Kransberg, Wernborn, Grävenwiesbach, Wehrheim und Pfaffenwiesbach. Kein Wunder, dass er am Limit arbeitet, um die Gläubigen in dem großen ländlichen Gebiet zu erreichen. Bald kommen noch mehr Gemeinden hinzu. Das Bistum Limburg, zu dem der Taunus gehört, ist im Umbruch, es gibt eine große Strukturreform. So könnte Lawatsch auch für Schmitten und Seelenberg zuständig werden, das wären dann die Gemeinden Nummer acht und neun.

          Das herkömmliche Pfarreisystem ist längst an seine Grenzen gestoßen. Nun steht es vor dem Aus. Kern der Reform ist es, aus vielen kleineren Pfarreien, die schon jetzt mehr oder weniger miteinander verbunden sind, wenige große zu machen. In Frankfurt zum Beispiel soll es auf lange Sicht höchstens sieben Großpfarreien geben, im Hochtaunus nur noch vier.

          Paul Lawatsch in der Kirche St. Marien in Neu-Anspach

          „Distanz zu Familien ist größer geworden“

          Eine davon soll Lawatschs „Usinger Land“ sein. So heißt das Gebiet - im Kirchendeutsch „Pastoraler Raum“ genannt -, den seine sieben Gemeinden bilden. Dieser Raum soll über kurz oder lang eine Pfarrei werden. „Die Volkskirche verändert sich, wir können sie nicht künstlich aufpumpen“, sagt der Geistliche nüchtern.

          Aber auch der Pfarrerberuf lässt sich nicht konservieren. Nur für eine Gemeinde zuständig sind katholische Pfarrer schon lange nicht mehr, wegen des Priestermangels. Das hat Folgen. „Die Distanz zu Familien ist im Lauf meiner Amtszeit immer größer geworden. Das erlebe ich als schwierig“, sagt Lawatsch. Auch sei die Spannung zwischen der Beanspruchung durch die Arbeit und der Zeit, Freundschaften zu pflegen, gewachsen, fügt er hinzu - eine Crux, die alle Männer und Frauen in Management-Positionen kennen.

          Das Wort vom „Manager“ gefällt Geistlichen nicht immer. Und doch sind Gemeinden nun einmal so etwas wie Unternehmen. Pfarrer sind verantwortlich für viele Mitarbeiter. Wollen sie ankommen, akzeptiert werden, müssen sie durch ihr Wort und Beispiel überzeugen. Sie sollen leiten, aber nicht unnahbar sein. Gemeinden haben Vermögen, mit dem sorgsam umgegangen sein will, Immobilien, Kindergärten. Pfarreien gut zu managen, wird immer anspruchsvoller, je mehr ein Pfarrer zu verwalten hat. So wie Lawatsch, der auch Dekan des Bezirks Hochtaunus ist und damit eine weitere Leitungsfunktion hat.

          „Unglückliche Frontbildungen“

          Lawatsch hätte nichts gegen verheiratete Priester und auch nicht gegen Priesterinnen, doch die Kirchenführung will das nicht. So wird der Priestermangel bleiben. Sein Kollege aus der Nachbarschaft, der Main-Taunus-Bezirksdekan Franz Lomberg, wird deutlich: „Die Zeit ist reif“, sagt er, die Frage nach den Zugangswegen zum Priesteramt zu stellen, vor allem verheiratete Männer sollten es ausüben können - um des Auftrags willen, Menschen zu begleiten. „Das war uns einst hoch und heilig“, sagt der 62 Jahre alte Geistliche. „Im Berufsleben bei uns älteren Priestern hat sich viel gewandelt.“ Lomberg erinnert sich noch gut an ein Wort seines Ausbildungsleiters Gottfried Perne. Der habe schon damals prophezeit, dass die Priester eines Tages vor allem die Seelsorger ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sein würden und weniger die der Gläubigen. Eine Prophetie, die sich immer mehr zu bewahrheiten scheint.

          Immerhin fallen etliche Sitzungen weg, wenn aus vielen kleinen Pfarreien eine große Pfarrei geworden ist. Nur noch ein Pfarrgemeinderat statt sieben oder neun, nur noch ein Verwaltungsrat, der sich um die Finanzen kümmert.

          Dafür fragen sich Gläubige sorgenvoll, wie das Leben vor Ort aufrechterhalten werden kann, wenn es nur noch eine Zentrale gibt. Neun leitende Priester im Main-Taunus, einschließlich Lomberg, teilen diese Befürchtung, sie sind gegen die Errichtung nur weniger Großpfarreien. In Limburg haben sie deshalb schriftlich protestiert. Auch würden Ehrenamtliche ihre Mitarbeit aufkündigen, meinen sie - ein Argument, das nicht alle im Klerus des Bistums nachvollziehen können. Von „unglücklichen Frontbildungen“ ist die Rede.

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