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Kasseler Physikclub : Hier forschen die Schüler

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Nachgeforscht: Im Kasseler Physikclub sollen Schüler für die Naturwissenschaften begeistert werden. Bild: DPA

Der „Kasseler Physikclub“ ist für Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) einzigartig in Deutschland. Nun bekommt der Club sein eigenen Zentrum.

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          Der „Kasseler Physikclub“ ist für Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) einzigartig in Deutschland. Nirgends sonst gebe es ein Schülerforschungszentrum, an dem Schüler „wirklich selbst forschen“, sagte die Ministerin in Kassel dieser Zeitung. Darum taten sich das Land, die Hochschule, die Stadt und der Landkreis Kassel zusammen, um an der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule auf städtischem Grund ein eigenes Schülerforschungszentrum als Dependance der Universität zu errichten und zu unterhalten.

          Die Ideenskizze für den Physikclub unter der Leitung des Gymnasiallehrers Klaus Peter Haupt entstand vor zehn Jahren. Im folgenden Jahr, 2002, kamen die ersten Schüler. Seither hat Haupt mehr als 500 Schüler außerhalb der Unterrichtszeit für die Physik und andere Naturwissenschaften begeistert. Wer sich unter der Ägide des zierlichen Physikers mit dem weißen, längeren Haar von der wissenschaftlichen Neugier hat anstecken lassen, den ließen die Natur- und Ingenieurwissenschaften kaum mehr los. Fast alle Schüler, die im Physikclub geforscht haben, studierten später eine Natur- oder Ingenieurwissenschaft. Der Lehrer und seine Eleven sind hoch dekoriert und haben schon Patente angemeldet.

          25 Betreuer für 170 Schüler

          Im Club engagieren sich Jungen und Mädchen nordhessischer Schulen aus den Klassen 5 bis 13. Sie forschen in Teams, stellen sich Herausforderungen der Naturwissenschaften mit eigenen Experimenten und Projekten auf den Feldern der Physik, Astrophysik, Geophysik, Chemie, Biologie und Technik, aber auch der Informatik und Mathematik, aktuell und praxisorientiert. Der Club bietet Gelegenheit zu eigenständiger Forschung, unterstützt von einem Team aus Fachberatern und Wissenschaftlern.

          Gegenwärtig arbeiten 170 Schüler aus 20 Schulen an 60 Projekten. Sie werden von 25 Betreuern unterstützt, die meist ehemalige „Physikclubler“ sind.

          Begeisterung geweckt

          2007 kamen der Physiklehrer Haupt und der damalige Direktor der Schweitzer-Schule, Max Schöm, auf Kühne-Hörmann mit der Bitte zu, den Physikclub zu einem Schülerforschungszentrum auszubauen. Die Ministerin ließ sich informieren, hörte mit Freuden, dass es Haupt gelang, vor allem bei jenen Schülern, die am konventionellen Unterricht wenig Freude hatten, Neugier zu wecken, denn „die Studienplätze in den Naturwissenschaften sind die teuersten, und die sind vielfach nicht besetzt. Haupt aber weckt die Begeisterung.“

          Helfend kam hinzu, dass die Ministerin Kinder hat, die den Schulalltag kennen, und ihr die Begeisterung für Technik, Schifffahrt und historische Straßenfahrzeuge auch dank des Spieltriebes ihres Mannes nicht fremd ist.

          Hochschule überzeugt

          Kühne-Hörmann schlug vor, dem Physikclub mit Geld aus dem Heureka-Programm zu helfen. Dazu bedurfte es der Kooperation mit der Kasseler Universität. Die Hochschule aber schien zunächst skeptisch ob der Zusammenarbeit mit den Gymnasiasten und deren Lehrern. Doch die Hochschullehrer und der Physikclub ließen sich aufeinander ein und fanden Gefallen aneinander. Die anfängliche Skepsis, sagt Kühne-Hörmann, sei in Begeisterung umgeschlagen. So kam es, dass der Physikclub zu einem Schülerforschungszentrum mit einem eigenen Haus auf dem Gelände der Schule ausgebaut werden kann.

          In Kassel schlossen daher das Ministerium für Wissenschaft und Kunst und das Kultusministerium, die Universität Kassel, die Stadt und der Landkreis Kassel eine auf 50 Jahre angelegte Zusammenarbeit. In einer Kooperationsvereinbarung verständigten sie sich auf den Bau und Betrieb des „Schülerforschungszentrums Nordhessen der Universität Kassel an der Albert-Schweitzer-Schule“.

          „Ideales Bindeglied in der naturwissenschaftlichen Bildung zwischen Schule und Universität“

          Dort werden nach dem Modell des Physikclubs Kassel Schüler aus Nordhessen eigenständige Forschungsprojekte in allen Naturwissenschaften und der Technik bearbeiten. Das Projekt ist mit rund 3,2 Millionen Euro im Hochschulinvestitionsprogramm Heureka des Landes veranschlagt. Die Stadt Kassel gibt das Baugrundstück und übernimmt die Betriebskosten, an denen sich wiederum der Landkreis beteiligt. Das Kultusministerium trägt die Kosten für zwei Lehrerstellen und leistet Unterstützung durch das Staatliche Schulamt. Die Universität übernimmt die begleitende Forschung. Der Kooperationsvertrag bildet den vertraglichen Grundstein für das Projekt. Der Bau soll im Mai beginnen.

          Zur Unterzeichnung des Vertrages fehlte es, zumal im Kommunalwahlkampf, nicht an politischer Prominenz. Für Kühne-Hörmann ist das Zentrum das „ideale Bindeglied in der naturwissenschaftlichen Bildung zwischen Schule und Universität“.

          Glück und Harmonie in der Bildungspolitik

          Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) maß „außerschulischen Lernorten als wichtige und notwendige Ergänzungen zum schulischen Alltag große Bedeutung bei“. Das Schülerforschungszentrum sei mit seiner Unterstützung in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern sowie mit den Angeboten in der Hochbegabtenförderung eine wichtige Bereicherung für das Bildungsland Hessen, sagte Henzler.

          Der Präsident der Universität Kassel, Rolf-Dieter Postlep, sprach vom vitalen Interesse, den wissenschaftlichen Nachwuchs so früh wie möglich zu fördern: „Wir brauchen mehr Studierende in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, vor allem mehr junge Frauen.“ Lehramtsstudierende und Fachdidaktiker könnten im Zentrum neue Erkenntnisse gewinnen, wie naturwissenschaftliche Inhalte künftig besser im Unterricht vermittelt werden.

          Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) ordnete das Zentrum in die Reihe vorhandener Initiativen ein – wie den Physikclub, den Junior-Physikclub, das Schülerlabor Biologie, den Verein Science Bridge und Naturwissenschaft und Technik oder den „Lernort Labor für Mädchen“. Susanne Selbert (SPD), Erste Kreisbeigeordnete des Landkreises Kassel, sagte, von der Anbindung an die Albert-Schweitzer-Schule profitierten auch mehr als 400 Schüler aus dem Landkreis. So viel Glück und Harmonie war in der Bildungspolitik selten.

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