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Kassel : Der Döner-Doktor und das Medikum

  • Aktualisiert am

Ein Kasseler Allgemeinmediziner schlägt mit seinem Praxennetzwerk neue Wege ein. Er will es über die Region hinaus auch auf das Rhein-Main-Gebiet ausbreiten.

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          Arif Ordu, Arzt für Allgemeinmedizin in Kassel, will das von ihm geleitete „Medikum“ zu einem der großen medizinischen Versorgungszentren in Deutschland ausbauen. Er sieht sich heute auf einem der vorderen Plätze und will das Praxennetzwerk nicht auf Kassel beschränken, sondern auf die Region ausdehnen. Der Arzt und Geschäftsführer der Medikum GmbH mit türkischen Wurzeln denkt hessisch und spricht englisch: Auch Frankfurt liege auf der „Roadmap“.

          Ordu ist ein aufgeweckter, durchaus politischer Geist, der vielfach neue Ideen gebiert, wie die Renaissance des „Leibarztes“ aussieht, der einem Schwerkranken und dessen Familie gegen ein Beraterhonorar außerhalb der Gebührenordnung den Weg zur richtigen Behandlung suchen und ebnen könne. Aber Ordu kennt auch die Welt am anderen Ende der Stadt, wo keine Villen stehen.

          Denn seine bisherige Praxis ist eine deutsch-türkische Parallelwelt an der Schnittachse der westlichen und nördlichen Stadtteile Kassels, wo die deutsche Bevölkerung im Westen und die türkische im Norden nebeneinander leben, ohne sich zu begegnen, außer in Ordus Wartezimmer. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, sagt Ordu, könnte er als Arzt überleben, weil ihn seine Patienten dann mit türkischem Käse und türkischer Wurst versorgten. Doch Ordu ist zu unternehmungslustig, um sich mit der Perspektive des Döner-Doktors zu begnügen.

          500 Versorgungszentren in Deutschland

          Als eine faktisch große Koalition aus Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und dem damaligen Gesundheitspolitiker der Union, Horst Seehofer, vor gut zwei Jahren die Möglichkeit ins Gesetz schrieb, ein medizinisches Versorgungszentrum zu gründen, „um die Facharztschiene zu liquidieren“, wie Ordu es sieht, habe die Politik „Böses gewollt und schließlich Gutes bewirkt“, denn von den mittlerweile 500 Versorgungszentren in Deutschland mit insgesamt etwa 2000 Ärzten gehörten zwei Drittel niedergelassenen Kollegen und nur ein Drittel den Krankenhäusern. Zwischen beiden Subsystemen des Gesundheitswesens, den niedergelassenen Ärzten und den Kliniken, herrscht ein erbitterter Kampf ums Geld.

          Ordu und einige befreundete Kollegen hatten die Idee, ein eigenes Versorgungszentrum zu gründen. Sie wollten es im vornehmen Stadtteil Bad Wilhelmshöhe nahe dem ICE-Bahnhof errichten. Doch vor dem Notartermin, auf dem die Partnerschaft in eine Form gegossen werden sollte, fragte die Ehefrau des Arztes ihren Mann immer eindringlicher, warum er die Neugründung anstrebe. Beim Notar baten die Ärzte um Bedenkzeit und traten von ihrem Plan zurück. Der Notar aber sagte: „Sie kommen wieder.“ Er hatte recht. Einen Monat später kehrten die Ärzte zurück, es seien „mehr als zwei und weniger als zehn“, sagt Ordu, und gründeten statt des medizinischen Versorgungszentrums in Wilhelmshöhe eines am Kulturbahnhof, dem früheren Kasseler Hauptbahnhof in einer Problemzone.

          Die GmbH hat zwei Immobilien erworben und will eine dritte, unmittelbar benachbarte vis-a-vis des Bahnhofs kaufen. Die Fläche von 4900 Quadratmetern würde sich mit dem dritten Haus um 3700 Quadratmeter erweitern. Bis zum Januar 2008 soll die Zahl der Fachrichtungen auf 15 steigen. Partner des Zentrums ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV), aber Ordu will mit den Kassen auch Zusatzleistungen außerhalb des KV-Budgets aushandeln.

          Auch Komfort für Kassenpatienten

          Eine Krankenkasse hat schon ihre Büros im Medikum, eine andere hat Interesse, ebenfalls dort einzuziehen. Es wird ein Cafe eingerichtet und im obersten Stockwerk eine „Executive-Lounge“ für Selbstzahler. Aber auch die Kassenpatienten sollen komfortabel behandelt werden. Ein hausinternes Computersystem erspart manche Untersuchung, denn Daten sind rasch ausgetauscht, und es verkürzt die Wartezeiten, weil Patienten auf Knopfdruck beim Spezialisten im Haus Termine erhalten.

          Ordu strebt einen Umsatz von sechs Millionen Euro an. Vor allem aber will er Kosten durch einen besser organisierten Einkauf, kundenorientierte Öffnungszeiten und den flexiblen Einsatz der Mitarbeiter senken. Die Arzthelferinnen sollen besser ausgebildet werden. Die Ärzte und die anderen Mitarbeiter im Medikum sind Angestellte der Gesellschaft. Während eine Einzelpraxis mit 55 Prozent Kostenanteil am Umsatz kalkuliere, seien es in der Gemeinschaftspraxis 45 Prozent. Dem Versorgungszentrum setzt er ein Ziel von 35 Prozent.

          Indes blickt Ordu auf die Landkarte. Einzelne Orte in den Kreisen Marburg-Biedenkopf, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder, Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg sind markiert. Medikum wolle in die Tiefe des Raumes gehen, um in Zeiten des demographischen Wandels der Angst vor leeren, unbesetzten Facharztpraxen zu begegnen, und den Bankern die Angst zu nehmen, daß in Zeiten von Basel II jegliche Gesundheitseinrichtung ein zu riskantes und damit unfinanzierbares Geschäft sei.

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