https://www.faz.net/-gzg-utxr

Zum Ende der Documenta : Kasbah in Kassel

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Fricke

Ein Haus wie ein Surfbrett. Zwei Meter hoch an einen Baum gebunden, überspannt von einem Segel: Studenten haben in Kassel vier ungewöhnliche Behausungen für Gäste der Documenta entworfen.

          2 Min.

          Es gibt nette Ideen, gute Einfälle und geniale Projekte. Zur Kategorie der Letzteren gehört „Kasbah“. Das ist kein Ort im Nirgendwo, sondern eine einzigartige Siedlung von fliegenden Bauten in der Kasseler Karlsaue. Dort leben Gäste, die zur Documenta anreisen.

          „Kas“ steht für Kunsthochschule Kassel, „ba“ für die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und „h“ für die University of Art and Design Helsinki. Im Sommer 2006 kamen Studenten der drei Hochschulen unter Leitung von Jakob Gebert (Kassel), Jaakob Solla (Helsinki) sowie Fréderic Dedelley und André Haarscheidt (Basel) zusammen, um aus Würfeln mit einer Kantenlänge von jeweils sechs Metern regelrechte Wohnmöbel zu entwickeln.

          Für Haus Miriam fehlte das Geld

          Aufgabe der Studenten war es, Häuser zu entwerfen, die während der Documenta in Kassel Gäste beherbergen sollten. Aus der Vielzahl von Entwürfen wurden fünf Bauten ausgewählt und vier realisiert. Für das fünfte, Haus Miriam aus Kassel, fehlte das Geld. Aber die Häuser Liane, Meret, Jürg und Maarit stehen. Sie tragen die Vornamen ihrer Schöpfer Liane Sorg aus Kassel, Jürg Bader und Meret Tobler aus der Schweiz sowie Maarit Eskola aus Finnland. „Projektmutter“ ist Carmen Luitpold, eine Architektin und Produktdesignerin, die in Kassel studierte, heute dort lehrt und zugleich ein Architekturbüro in Potsdam hat.

          Während der Documenta sind die Häuser im Hotelbetrieb vermietet. Ein Haus mit bis zu sechs Schlafplätzen kostet 140 Euro je Nacht. Die Studenten besorgen das Management, von der Rezeption bis zum Zimmerservice. Das Frühstückskörbchen, mit dem die Studentinnen wie Rotkäppchen früh morgens durch die teils waldige Aue zu den Häusern spazieren, wird bis zum letzten Documenta-Morgen an diesem Sonntag national bespielt. Im deutschen Haus Liane gibt es Eier, Brötchen und die luftgetrocknete niederhessische „Ahle Wurst“, im Finnenhaus Roggenbrötchen und Fincrisp, für die Gäste in den Schweizer Entwürfen Muesli oder Croissants.

          Während der zweiten Documentahälfte leitet die Kunststudentin Maria Geier den Hotelbetrieb. Die meisten Gäste sind begeistert, wie die Einträge in den Gästebüchern zeigen. Regelmäßig finden die Bewohner die Behausung besser als die eigentliche Kunstausstellung. Manche kommen sogar nach Kassel nur der Häuser und weniger der Documenta wegen. Eine Gruppe von Spaniern hat es sich zum Ziel gesetzt, jedes Haus mindestens einmal zu bewohnen. Es gab auch Gäste, die eigentlich ein Hotel wollten, aber wegen Überbuchung auf das Künstlerdorf ausweichen mussten.

          Unwiderstehliche Steckverbindungen

          Mit entgleisten Gesichtszügen fragten sie dann: „Wie, wir sollen die sanitären Anlagen der Hochschule benutzen?“. Es wäre nämlich zu teuer gewesen, die Experimentalbauten für 100 Tage mit Bädern auszustatten. Ein Paar sei daraufhin abgereist. Gäste aus Berlin seien „schwierig“ gewesen: Sie stellten ständig fest, dass in der Hauptstadt alles besser sei. Auch Kunstliebhaber mögen Souvenirs und vergessen zu zahlen. Immer wieder entwendeten Documentagäste Lampen aus den Häusern. Vor allem sehr teure Steckverbindungen der Elektroinstallation fanden die Besucher unwiderstehlich.

          Zwei ältere Damen aus der Schweiz waren dagegen auch ohne Kleptomanie in Kassel glücklich: Sie erfüllten sich den Wunsch, im Baumhaus „Jürg“ zu übernachten. Eine Gruppe älterer Motorradfahrer bastelte sich aus Bettlaken eine Leinwand und schaute nach dem abendlichen Grillen den Kultfilm „Easy Rider“. Ungewohnt war es für viele Gäste, als Exponat zu erwachen, denn die Passanten pressen vielfach ihre Nasen an die Scheiben, um zu sehen, was in den Häusern vor sich geht. Die Bewohner hatten regelmäßig großen Spaß, wenn sich die Geruchsorgane von außen in Lichtschlitze schoben. Die Voyeure wussten nicht, dass sie ihrerseits beobachtet wurden, und wie albern sie und ihre haarigen Nasenlöcher in der Pose des Spähers aussahen.

          Nach der Documenta bleibt nur das Haus Liane stehen. Jürg, das Baumhaus, wird demontiert und reist an einen anderen Ort. Der Wohncontainer geht an die Leihfirma zurück. Die Finnen versteigern ihre Birkenhütte über Ebay, und Miriam wartet noch auf einen Gönner. Der Wohnwürfel mit Bad habe sicherlich einen Wert von 70.000 Euro, schätzt die Hochschullehrerin und Architektin Luippold.

          Weitere Themen

          Der Staat privatisiert seine Aufgaben

          Strafzettel-Urteil erklärt : Der Staat privatisiert seine Aufgaben

          Kein privater Dienstleister darf „hoheitliche Aufgaben“ übernehmen. So lautet der Beschluss des Frankfurter Oberlandesgerichtes. Doch es gibt Bereiche, in denen der Staat solche Aufgaben doch an Dritte weitergeben darf.

          Ich schieß dich auf den Mond

          Andrea Berg in Frankfurt : Ich schieß dich auf den Mond

          Die ehemalige Königin des Schlagers, Andrea Berg, betört ihre Fans in der Frankfurter Festhalle mit einem dreistündigen Discofox-Inferno – und nimmt das Publikum mit in ihr Bett. Den Fans scheint es zu gefallen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.