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Kammerjäger : Im Einsatz gegen Ratten und Waschbären

  • -Aktualisiert am

Schussbereit: Andre Storm bei der Arbeit Bild: Rainer Wohlfahrt

Andre Storm kümmert sich um Ungeziefer. Wespennester sind Standard für den Karbener Schädlingsbekämpfer. Manchmal stößt er aber auch auf sehr gefährliche Familien.

          Freiwillig will ihn niemand im Haus haben. Denn wenn er gerufen wird, ist die Not groß. Seine Kunden sind oft verzweifelt, fühlen sich terrorisiert, wissen nicht mehr weiter. Andre Storm ist Schädlingsbekämpfer, umgangssprachlich auch Kammerjäger genannt. Er rückt Schaben, Bettwanzen, Ameisen, Wespen, Hornissen, Ratten und Mäusen zu Leibe. Manchmal kümmert er sich auch um größere Tiere wie Waschbären und Marder.

          „Das Geschäft boomt“, berichtet der Fünfundvierzigjährige. Sein fester Händedruck und seine bestimmte Art flößen Vertrauen ein. „Eigentlich haben wir mit unseren Bestandskunden, viele aus Gastronomie und Hotellerie, genug zu tun. Weitere anzunehmen ist schwer. Aber wenn wir einen Auftrag annehmen, dann wird jeder gleich behandelt“, sagt Storm. Bei den gewerblichen Kunden geht es meist um Vorbeugung. Denn in Gastronomie und Hotellerie sind Kontrollen auf Ungezieferbefall acht- bis zehnmal im Jahr gesetzlich vorgeschrieben.

          „Und das gerinnt bei 55 Grad“

          Den Einsatz von Gift versucht der Experte zu minimieren. Bei der Insektenbekämpfung setzt er beispielsweise weitgehend auf Hitze. „Insekten bestehen zu einem großen Teil aus Eiweiß“, erläutert Storm. „Und das gerinnt bei 55 Grad.“ Also werden von Ungeziefer befallene Räume abgedichtet, die Temperatur wird mit Heizlüftern auf mehr als 55 Grad erhöht – und nach einer Weile ist der Spuk vorbei.

          Detailarbeit: Auch kleine Löcher nimmt sich der Kammerjäger vor

          Weil der Bedarf wächst, hat sich der Karbener in den Firmenräumen im örtlichen Gewerbegebiet eine stationäre Wärmekammer gebaut. Darin können Urlauber ihre Koffer giftfrei behandeln lassen, wenn sie ungebetene Gäste wie Flöhe und Wanzen eingeschleppt haben. Die Nutzung der Kammer kostet unabhängig von der Anzahl der Koffer etwa 100 Euro pro Tag.

          Wenn der Kammerjäger gerufen wird, hat der Kunde oft schon die gesamte Palette der im Baumarkt erhältlichen Sprays und Pulver vergeblich ausprobiert. „Gift auslegen und sprühen kann jeder“, sagt Storm. „Das reicht in der Regel aber nicht aus. Man muss die Ursache für den Schädlingsbefall herausfinden.“ Gegen Schaben beispielsweise geht er typischerweise so vor, dass er systematisch Gelpunkte mit Fraßgift oder mit Lockstoffen bestückte Klebefallen installiert. Aus den zur Strecke gebrachten Kreaturen kann der Fachmann Rückschlüsse auf die Population ziehen und dann entsprechend handeln. Nach drei bis vier Wochen folgt die Brutbekämpfung.

          Mitarbeiter händeringend gesucht

          Andre Storm übt seinen Beruf seit 27 Jahren aus, die vergangenen 16 Jahre als Selbständiger. Neun Mitarbeiter beschäftigt er mittlerweile. Händeringend sucht er neue. Bewerber müssen Bau- und Lagepläne lesen und zeichnen können. Darüber hinaus sollten sie „etwas handwerkliches Geschick mitbringen und über den Kirchturmhorizont hinausschauen können“. Am wichtigsten ist jedoch: kein Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis – wegen des Umgangs mit Gefahrstoffen und Giften.

          Handwerkszeug: Allerlei Mittel und Geräte braucht ein Kammerjäger

          Im Sommer rücken die Karbener Schädlingsbekämpfer, deren Kunden meist in der Wetterau und in Frankfurt wohnen, vor allem wegen Wespennestern aus, manchmal auch wegen Hornissen. 20 Einsätze am Tag sind nicht ungewöhnlich. Geschützte Wespenarten und Hornissen müssen umgesiedelt werden. Ein entsprechender Antrag bei der Unteren Naturschutzbehörde kostet rund 75 Euro. Ist der bewilligt, bringt die Stormsche Truppe die Nester und ihre summenden Bewohner nach Absprache in Naturschutzgebiete. Eine aufwendige Prozedur.

          Taubenabwehr hat das ganze Jahr über Konjunktur. Die Tiere werden nicht getötet, sondern von Gebäuden ferngehalten. Bewährt hat sich das Anbringen von Metallnadeln, Spanndraht- und Elektrosystemen. Storm hat die Erfahrung gemacht, dass Tauben seit einiger Zeit oft unter Fotovoltaik- und Solaranlagen brüten. Die werden dann zum Dach hin verkleidet. Blut fließt in der Regel bei der Bekämpfung von Ratten. Die sind schlau. „Größeren Populationen ist mit Schlagfallen nicht beizukommen. Die Tiere merken sich das und machen bald einen Bogen um die Fallen“, berichtet der Experte. „Außerdem gibt es regelrechte Vorkoster bei den cleveren Nagern. Daher verwenden wir Gift mit Blutgerinnungshemmer. Das wirkt erst bis zu 48 Stunden nach der Köderaufnahme tödlich, so dass die Tiere keinen Zusammenhang herstellen können.“

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