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Günther Beckstein : Kabinettstücke eines Kronprinzen

Gutgelaunter Gratwanderer: Günther Beckstein in Karlstein Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Keinen Millimeter rückt Günther Beckstein von Edmund Stoiber ab, dessen Führungsrolle er übernehmen will. Bayerns Innenminister war zu Gast in Karlstein.

          3 Min.

          Es soll sich etwas ändern im Leben des Günther Beckstein: „Ich liebe es, blöde Bemerkungen zu machen. Aber ich bereite mich darauf vor, mit mehr Verantwortungsbewusstsein zu reden.“ Pläne für darüber hinausgehende Innovationen sind dem designierten bayerischen Ministerpräsidenten gegenwärtig noch nicht zu entlocken. Im Gegenteil: Als er sich am Rande des CSU-Parteitages in Karlstein (Landkreis Aschaffenburg) der Presse stellt, gibt er sich als die Inkarnation der Kontinuität.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Keinen Millimeter rückt er von Edmund Stoiber ab. Dieser habe ihn „geprägt“, es gebe eine „emotionale Bindung“, die auf „seelenverwandten Gedankengängen“ beruhe. Darum hat nicht einmal die grobe Behandlung der Fürther Landrätin Gabriele Pauli beim Politischen Aschermittwoch in Passau Becksteins Mitleid erregt. „Ich hatte ihr dringend empfohlen, nicht hinzugehen, weil da die Hardcore-Stoiberianer versammelt sind.“

          Kommunalwahlen als Stimmmungstest

          Die Ankündigung des noch amtierenden Regierungschefs, auch nach seinem Ausscheiden präsent zu bleiben, schrecke ihn nicht, sagt der voraussichtliche Nachfolger, ohne dass er danach gefragt worden wäre. Er habe Stoiber schon als Innenminister beerbt und damals keine Probleme mit ihm gehabt. Im Übrigen nehme er selbst als Mitglied der Staatsregierung immerhin schon seit 18 Jahren Einfluss auf die bayerische Politik in ihrer ganzen Bandbreite. Diese Arbeit wolle er fortsetzen und der CSU weiterhin die nötigen Mehrheiten sichern. „Auch der Patriot auf der demokratischen Rechten muss glühende Augen bekommen, weil er Beckstein wählen darf.“

          Doch das Selbstbewusstsein hat taktische Grenzen. Stoibers Wahlergebnis aus dem Jahr 2003 sei eine Art Entschädigung der Bayern für die unverdient und nur ganz knapp verlorene Kanzlerwahl ein Jahr zuvor gewesen. Als ersten persönlichen Stimmungstest betrachtet Beckstein die Kommunalwahlen im März 2008. „Es muss Rückenwind aus München geben.“ Bei den Landtagswahlen im Herbst gelte dann das klassische Ziel: „50 plus x“.

          Wie er um Zustimmung wirbt, demonstriert Beckstein in seiner Rede vor den mehr als 300 Parteifreunden. Die Liste der Offiziellen, die in der ersten Reihe thronen und eine persönliche Begrüßung erwarten dürfen, ist lang. Doch am ausführlichsten widmet der hohe Gast sich dem unauffällig unter den Zuhörern sitzenden Altlandrat Roland Eller (CSU), mit dem er früher „jahrelang gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet“ habe. Der Nürnberger kennt sich aus in dem nordwestlichen Zipfel des Freistaats. Darum weiß er, dass man dort an der Basis nichts lieber mag als einen Staatsminister, der bei der Anreise auf der chronisch überlasteten Autobahn 3 in einen Stau geraten ist. So gönnt er seinen Parteifreunden auch an diesem Tag diese ganz spezielle Freude und berichtet im Einzelnen, wie sehr er unterwegs „gelitten“ habe und welche Umwege sein Fahrer habe machen müssen. Jubel mit Bravo-Rufen erzeugt er, indem er hervorhebt, dass der sechsspurige Ausbau der A 3 keineswegs nur ein unterfränkisches Anliegen sei. „Das ist ein erstrangiges Thema für ganz Bayern.“

          Schutz der Umwelt mit „Hightech“ voranbringen

          Den Aufstand, den das Finanzministerium vor zwei Wochen in Aschaffenburg mit der Idee auslöste, in die Korkmodellsammlung im Schloss Johannisburg einzugreifen, erwähnt Beckstein mit keinem Wort. Aber er thematisiert die große Entfernung zwischen München und dem Untermain und versichert, das Gefühl, benachteiligt zu werden, „als Franke“ nur allzu gut zu kennen. Routiniert und schmerzfrei greift er auch zu den schon etwas abgegriffenen Instrumenten in seiner rhetorischen Trickkiste. So lobt er die Landtagsabgeordneten der Region, weil sie die nur allzu berechtigten Interessen ihrer Wähler „in einer hartnäckigen und manchmal nicht sehr freundlichen Weise“ in der Landeshauptstadt geltend machten.

          Einen ungewohnten Akzent setzt der Dreiundsechzigjährige, indem er sich zur Familienpolitik äußert. Nachdem sein Parteifreund, der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis, dem Parteitag die Forderung nach der Wahlfreiheit für die Mütter sehr differenziert erläutert hat, beweist Beckstein eine bisher nicht gekannte Bereitschaft zur Zuspitzung: „Mit uns wird es eines nicht geben: dass wir den Müttern, die auf die Berufstätigkeit verzichten, Geld wegnehmen, um damit Betreuungseinrichtungen zu finanzieren.“ Dies ist die spezifische Terminologie, die den Unterschied zwischen der Detailkunde des Experten und dem Selbstbewusstsein des Regierungschefs markiert.

          Im Freistaat ist mit dem Führungsamt ein internationaler Anspruch verbunden. Beckstein zögert nicht, ihn für sich zu erheben. Der Mann, der sich jahrzehntelang um Ortsumgehungen, Feuerwehren und Polizeifunk gekümmert hat, spricht jetzt über die weltweite Klimakatastrophe. Er sorgt sich um die „uns vom Herrgott anvertraute Schöpfung“, wendet sich gegen einen raschen Ausstieg aus der Kernindustrie, warnt davor, „anständige bayerische und deutsche Automobile“ zu verteufeln, und ruft dazu auf, den Schutz der Umwelt mit „Hightech“ voranzubringen. So gelingt Beckstein das Kunststück, sich mit Nachdruck zu Stoiber zu bekennen, dessen Führungsrolle aber für sich selbst zu beanspruchen. Als er sich nach dem Ende seiner einstündigen Rede erhebt, um sich für den Applaus zu bedanken, schließt er den obersten der drei Knöpfe an seinem grauen Anzug. In Modefragen hat sein Vorgänger ihn anscheinend nicht allzu sehr geprägt.

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