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Justiz : Im Gefängnis Butzbach ist ein guter Tag ein Tag ohne Ärger

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Es ist draußen schon dunkel, als sich die schweren Holztüren der Zellen öffnen und etwa 40 Gefangene auf den künstlich erleuchteten Gang treten. Station B IV im vierten Stock der Justizvollzugsanstalt Butzbach ist jetzt "offen".

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          Es ist draußen schon dunkel, als sich die schweren Holztüren der Zellen öffnen und etwa 40 Gefangene auf den künstlich erleuchteten Gang treten. Station B IV im vierten Stock der Justizvollzugsanstalt Butzbach ist jetzt "offen": Die Häftlinge dürfen sich eine Stunde lang frei auf dem schmalen Flur bewegen. Mörder, Vergewaltiger und Diebe stehen zusammen, plaudern und scherzen. Ein kräftiger, etwa 40 Jahre alter Mann legt seinen Arm auf die Schulter eines Mitgefangenen und erkundigt sich in gebrochenem Deutsch väterlich nach dessen Gesundheit. An ihnen schreitet forsch ein Mann von vielleicht 25 Jahren vorbei; strammen Schrittes geht er den Gang auf und ab. Sein blasses Gesicht wirkt viel zu jung für diesen Ort, seine Augen schauen teilnahmslos nach vorn - auch dann noch, als er einem großen, hageren Mann ausweichen muß, der plötzlich aus einer Zelle heraustritt und einem anderen Gefangenen eine Musikkassette gibt.

          Mitten unter den Häftlingen sitzt die ausführende Gewalt des Staates, vertreten durch einen Mann mittleren Alters, kräftig gebaut mit breiten Schultern und kurzgeschorenem Haar. Er hat ein freundliches Gesicht, das sich schnell verfinstert, wenn er einen Häftling zurechtweisen muß. Sein Büro ist ein kleines Häuschen, wie es auf jeder Etage in der Mitte des Flures steht. Durch die Rundum-Verglasung kann er von hier aus alles überblicken. Ein kleiner Spiegel links oben in der Ecke ersetzt die fehlenden Augen am Hinterkopf. Er habe sich für den Vollzugsdienst entschieden, weil er einen sicheren Arbeitsplatz gesucht habe, sagt der Mann und meint die Vorteile des Staatsdienstes. An einem Haken an der Wand baumelt ein Gummiknüppel.

          Er schließt sie weg, durchsucht ihre Zelle, nimmt das Handy weg

          Für die meisten Menschen in der Justizvollzugsanstalt Butzbach zählt er zu den Bösen. Er schließt sie weg, durchsucht ihre Zelle und nimmt ihnen das Handy ab, wenn er eines findet. Weil er die Post verteilt, ist er es, der ihnen schlechte Nachrichten der Familie oder abgelehnte Anträge auf Hafterleichterung überbringt. Einmal in der Woche dürfen die Gefangenen fünf Minuten lang telefonieren; der Mann in grüner Uniform hört zu und achtet darauf, daß die Häftlinge pünktlich das Gespräch beenden. Beschimpfungen oder Bedrohungen seien die Ausnahme, aber sie kämen vor, sagt er. Angst habe er nicht: "Ich mache seit Jahren Sport." Er hält inne. Ein heller, metallener Klang - als klopfe jemand mit einem Hammer auf ein Wasserrohr - unterbricht ihn. Er verläßt sein Büro und tritt auf den Gang, um nach der Herkunft des Lärmes zu schauen.

          Die Architektur der Justizvollzugsanstalt Butzbach erleichtert ihm die Suche: Das Gefängnis hat die Form eines "T" mit drei gleich langen Schenkeln. Die Zellen verteilen sich auf die drei Gebäudearme mit jeweils vier Stockwerken. In den Obergeschoß führt ein schmaler Gang - kaum breit genug für zwei Männer - als Umlauf an den Zellentüren vorbei. Der Zwischenraum ist durch Eisengitter gesichert, so daß sich niemand hinabstürzen kann, die Wärter jedoch freien Blick durch die Etagen haben.

          Der Vollzugsbedienstete lehnt sich auf das Geländer. Durch die Eisengitter beobachtet er einen Kollegen in der zweiten Etage, der eine Zelle aufschließt. Innen schimpft, flucht und schreit ein Mensch, der von oben nicht zu sehen ist. Der Vollzugsbeamte antwortet ihm unhörbar und schließt wieder die Tür, gegen die der Insasse sogleich heftig tritt. Der Gefangene werde mit seiner Situation nicht fertig, sagt nüchtern der Vollzugsbeamte aus dem vierten Stock. Wenn der Mann sich nicht beruhige, müßten er und seine Kollegen den Häftling in die "Suite" bringen: den Haftsicherheitsraum im Erdgeschoß. Die Zelle ist nur mit einer harten Matratze und einer französischen Toilette eingerichtet und wird von zwei Kameras überwacht. Im Moment ist sie leer.

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