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Artistik-Festival Wiesbaden : Vom Ukrainekrieg direkt in die Manege

  • -Aktualisiert am

Abgehoben: Handstandsakrobat Gabriel Dell Acqua aus Italien beim Wettbewerb in Wiesbaden Bild: Samira Schulz

Auf dem Wiesbadener Artistik-Festival in Wiesbaden zeigen junge Artisten aus ganz Europa ihr Können. Viele erhoffen sich nach den durch Corona bedingten Zwangspausen nun den großen Durchbruch.

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          Die Wiesbadener Schüler haben Glück. Zumindest jene, deren Lehrer am Donnerstag- und Freitagmorgen den Unterricht in das Zirkuszelt auf dem Dernschen Gelände verlegt haben. Ihr Lernstoff: wie man als junger Mensch systematisch auf ein großes Ziel hinarbeitet. Als Vorbild dienen die drei Dutzend jungen Artisten aus ganz Europa – von der Ukraine bis Frankreich und von Finnland bis Italien –, die sich als Kinder und Jugendliche für die Artistik entschieden haben und über das Wiesbadener Artistik-Festival „European Youth Circus“ einen Karriereschub hinein in die großen Manegen oder auf die renommierten Varieté-Bühnen erhoffen.

          Corona hat auch den Artisten viel an Geduld und Ausdauer abverlangt, denn viele Zirkusse und Theater mussten eine Zwangspause einlegen. Auch das normalerweise alle zwei Jahre stattfindende Wiesbadener Festival fiel 2020 aus. Deshalb fühlten Veranstalter und Artisten eine tiefe Erleichterung, als am vergangenen Donnerstagmorgen tatsächlich etwa 1000 Schüler mit ihren Lehrern ins große Chapiteau mitten in der Stadt strebten und dort eine mitreißende Stimmung verbreiteten, die man sonst nur von großen Rockkonzerten kennt.

          Begeisterter Empfang mit tosendem Beifall

          Jeder Teilnehmer wurde mit begeistertem Pfeifen und Beifall begrüßt, jeder Auftritt am Ende gefeiert. Erwachsene können sich zwar auch freuen, wie man während der Abendvorstellungen sehen konnte, aber nicht mehr so enthusiastisch.

          Ein bisschen Jonglage, ein paar Handstände oder eine rote Clownnase reichen beim Wiesbadener Festival schon lange nicht mehr. In diesem Jahr hat sich eine Elite der Jungstars eingefunden, die auf einem hohen professionellen Niveau arbeitet. Aus den dargebotenen Nummern könnte man leicht eine Show zusammenstellen, die erfolgreich durch Europa touren würde. Die Luftdarbietung an zwei Schlaufen der 20 Jahre alten Ukrainerin Mariia Shevchenko würde sogar das Programm des Weltmeister-Festivals in Monte Carlo zieren. Dann allerdings müsste diese hochbegabte Artistin auch einmal lächeln.

          Dreifacher Balanceakt: Die Akrobatinnengruppe KMCS14 aus der Ukraine beim Wettbewerb in Wiesbaden.
          Dreifacher Balanceakt: Die Akrobatinnengruppe KMCS14 aus der Ukraine beim Wettbewerb in Wiesbaden. : Bild: Samira Schulz

          Gewiss: Die vielen Künstler aus der Ukraine haben zurzeit wahrlich nichts zu lachen. In großer Zahl sind die Absolventen der dortigen Zirkusschulen in den Westen geflohen und haben dort Aufnahme bei den hiesigen Schulen gefunden: in Budapest etwa oder in Berlin. Viele der Exilanten haben sich denn auch für Wiesbaden beworben, doch es sind auch welche direkt aus dem kriegsgeplagten Land gekommen. Zum Beispiel die drei Mädchen von KMCS 14, die 14 oder 16 Stunden unterwegs waren, um ihre Handstand-Ring-Darbietung zu zeigen.

          Längst ist der European Youth Circus zu einem der großen Artistik-Festivals in Europa gereift. Für die Landeshauptstadt stellt diese Leistungsschau junger Talente ein Pfund dar, mit dem sie wuchern könnte. Wie schön wäre es, wenn in dem Zelt auf dem Dernschen Gelände nicht nur vier, sondern 14 Tage lang gespielt würde – unterstützt nicht nur von der Stadt und dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, sondern auch von der Bundeskulturstiftung.

          Viele verdienen einen Preis

          Am Samstagabend werden in einer Gala die Preisträger vorgestellt. Wer wird der Sieger sein in der Altersgruppe zwölf bis 17 Jahre, wer in der von 18 bis 25 Jahren? Der zwölf Jahre alte Handstandakrobat Gabriel dell’ Acqua aus Cosenza in Italien ist bei den ganz Jungen ein heißer Favorit, der Junge aus einer Zirkusfamilie arbeitet technisch auf dem höchsten Niveau, auch wenn er noch mehr Persönlichkeit gewinnen muss. Für eine Auszeichnung infrage kommt aber auch die wunderbare Luftring-Artistin Sára Nagyhegyi aus Ungarn oder die lustige Equilibristin Anna Levina aus der Ukraine, mit zwölf Jahren die jüngste Künstlerin.

          Weit oben: Luftring-Artistin Sara Nagyhegyi aus Ungarn beim Wettbewerb in Wiesbaden.
          Weit oben: Luftring-Artistin Sara Nagyhegyi aus Ungarn beim Wettbewerb in Wiesbaden. : Bild: Samira Schulz

          Bei den Älteren wird die erwähnte Luft-Artistin Mariia Shevchenko gewiss in irgendeiner Weise ausgezeichnet, auch Aliz Papdi aus Ungarn mit ihrer Flamenco-Nummer im Cyr-Rad oder die drei deutschen Schleuderbrett-Jungs von Cenzolkas liegen gut im Rennen. Man möchte nicht in der Haut des Jury-Vorsitzenden Johnny Klinke vom Frankfurter Tigerpalast und seinen sechs Mit-Juroren aus ganz Europa stecken. Denn mit ihrem Votum entscheiden sie sich auch immer gegen große Talente, die ebenfalls einen Preis verdient haben. Kurzum: Sie haben ein Luxusproblem. 

          Am Sonntag findet um 11 Uhr im Zelt auf dem Dernschen Gelände ein ökumenischer Artisten-Gottesdienst mit Darbietungen statt. Um 15 Uhr ist noch einmal die Gala der Preisträger zu sehen.

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